Ich bin am 17. April 1950 in einem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern geboren. Von Beruf bin ich Kauffrau, zu DDR-Zeiten war die berufliche Bezeichnung Ing .-Ökonom.

Ich habe mir immer gewünscht, dass die Mauer fällt, und ich möchte sie auch nicht wiederhaben. Es war für mich unfassbar, wie einfach und schnell dieses passierte. Endlich frei reisen können, kaufen, was mir gefällt, unser Haus neu einrichten und modernisieren, tolle Autos fahren, frei reden und frei wählen dürfen.

Meine gewonnene Freiheit hatte aber auch ihren Preis. Plötzlich hatte ich einen Zwölf-Stunden-Arbeitstag, musste 150 Kilometer in Richtung Westen zur Arbeit fahren, mein Mann fuhr 120 Kilometer in Richtung Osten zur Arbeit. Ich war aber trotzdem glücklich und zufrieden, bin ich doch Menschen begegnet, die ich sonst nie kennengelernt hätte und die mein Leben bereichert haben. Ich konnte mich beruflich frei entfalten, habe immer wieder dazugelernt und mich den ständig neuen Herausforderungen gestellt.

Freiheit, die als Geschenk gedacht, kam für viele Menschen als Plage. Man muss sie festhalten und jeden Tag neu um sie kämpfen. Die Erwartungshaltung, das hohe Anspruchsdenken und die ständige Unzufriedenheit machen die Menschen blind für alles Positive ringsherum. Sie leiden unter dem Stockholmer Syndrom, der Feind wird ihnen zum Freund.

Ich wünsche mir, dass meine Enkelkinder als selbstbewusste Menschen aufwachsen, in einem Land, wo auch die Mauern in den Köpfen der Menschen hoffentlich bald für immer verschwinden. Am Ende ist nicht alles gut, aber sehr viel ist besser. Hedi Höfer, Biere