Es sieht zweifellos gut aus für den Demokraten Barack Obama im US-Präsidentschaftswahlkampf. Letzte Gewissheit kann es allerdings nicht geben: Trotz aller für Obama günstigen Umfragen – auf landesweiter und auf bundesstaatlicher Ebene – könnte McCain das Rennen immer noch drehen. Voraussetzung ist, dass er in Florida gewinnt, plus in weiteren "Swing States", in Staaten also, in denen das Rennen besonders knapp ist. Schwierig ist das. Unmöglich nicht.

Es ist diese theoretische Möglichkeit, die gerade in Europa befremdet. Ist die Bilanz des amtierenden Präsidenten, des Republikaners George W. Bush, denn nicht verheerend genug, fragen viele? Als Antwort wird dann gerne auf Rassismus verwiesen. Obama sei eben ein Farbiger und habe es deshalb viel schwerer im Rennen als McCain.

Willkürliches Argument

Genau besehen, ist dieses Argument allerdings zu einfach. Natürlich wird Rassismus bei der Wahl eine Rolle spielen, denn den gibt es in den USA – wie übrigens im Rest der Welt. Rassismus könnte Obama 5 oder 10 Prozentpunkte kosten. Genauso ist es allerdings möglich, dass sich viele Wähler, vor allem junge Erstwähler, bei denen der Demokrat besonders gut ankommt, für Obama entscheiden, weil sie einen Neuanfang ("Change") wollen und Obamas Hautfarbe vielleicht als Teil dieser größeren Botschaft se hen.

Das Rassismus-Argument erklärt alles und nichts. Wir werden auch nach der Wahl nie erfahren, welche Rolle dieser Aspekt gespielt hat. Denn die meisten Menschen geben in Umfragen nicht zu, dass Hautfarbe entscheidend für ihre Stimmabgabe war.

Viel hilfreicher ist es schon, zu argumentieren wie John Meachem, Chefredakteur des Nachrichtenmagazins "Newsweek", kürzlich in einem Artikel seiner Zeitschrift: Amerika sei kein Mitte-links, sondern ein Mitte-rechts Land, schrieb er. Das sei der Grund, weshalb es ihm schwer falle, an einen Wahlsieg Obamas zu glauben.

Wie in Westeuropa hat es auch in den USA eine 68er-Bewegung gegeben. Anders als in Westeuropa, el die Gegenreaktion in Amerika allerdings erheblich stärker aus. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie haben mit der wesentlich stärkeren Religiosität zu tun, deren Ursachen bis in die Anfänge der amerikanischen Geschichte zurückreichen. Sie haben mit Unruhen in Städten und den Ermordungen Robert Kennedys und Martin Luther Kings zu tun, die in der Bevölkerung erhebliche Verunsicherung auslösten, ebenso wie der Vietnamkrieg.

Außerdem wuchs in den 1960er Jahren der Widerstand gegen die Bürgerrechtsbewegung, die unter Präsident Lyndon Johnson 1964/65 gewaltige Erfolge errang.

Deshalb wird Rassismus bei der Wahl am Dienstag auch im Spiel sein. Ihn als wahlentscheidend anzuführen, hieße jedoch, ein Zerrbild der gesellschaftlichen Realität in den USA zu entwerfen: Schließlich hat es Obama als Mitglied einer Minderheit in die Endrunde der Wahl geschafft (etwas Vergleichbares hat es in Europa noch nicht gegeben).

Richtig ist dagegen, dass Obama als Demokrat – und als Demokrat mit einer vergleichsweise linken Bilanz im Abstimmungsverhalten als Senator – für eine Politik steht, die sich während der vergangenen zwei Präsidentschaftswahlen nicht gegen die Republikaner und den spezi schen Kurs von George W. Bush durchsetzen konnte.

Um Mitte-links gegen Mitte-rechts geht es daher, wenn die Amerikaner in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch (unserer Zeit) ihre Kreuzchen machen – und nicht um die Stimmen radikaler Grüppchen am rechten (oder auch linken) Rand. Obama und McCain konkurrieren um unentschlossene Wähler, um "Unabhängige" ("Independents"), wie die Amerikaner sie nennen. Für sie spielt Rassismus kaum eine Rolle. Viel mehr geht es etwa um die Persönlichkeit der Kandidaten, die in den USA deutlich wichtiger ist als deren Parteizugehörigkeit. Oder es geht um die Furcht vor einer Übermacht der Demokraten. Denn am 4. November wird auch ein neuer Kongress gewählt – und laut Umfragen werden die Demokraten in beiden Häusern mächtig abräumen.

Keine Garantie

Gerade in jüngster Zeit könnte McCain auch wieder in der Steuerpolitik bei Unentschlossenen gepunktet haben: Er hat "Joe the plumber", einen Klempner aus Ohio, in den Wahlkampf eingeführt. Sein Beispiel zeigt, inwiefern die Steuerpläne Obamas viele Amerikaner belasten würden.

Freilich kommt diese Debatte spät, vielleicht zu spät. Denn ein Vorteil des ungewöhnlich langen Wahlkampfs ist, dass Stärken der Kandidaten deutlich zutage getreten sind. Obama hat einen ruhigen Wahlkampf geführt, in dem er nur selten Positionen gewechselt hat. Dagegen wirkte McCain fahrig und unsicher, gerade in der Finanzkrise. Die Ernennung Sarah Palins zur Vizepräsidentschaftskandidatin wirft zudem kein gutes Licht auf die Urteilskraft des Republikaners.

Den Wahlsieg hätte Obama zweifellos verdient. Falls es anders kommt, wäre es allerdings nicht das erste Mal, dass der bessere Kandidat eine Wahl verliert.