Was für ein Wagnis! Er werde den Wahlkampf "abbrechen" und zurückkehren nach Washington, um dort beim Aushandeln des Rettungspakets für die Finanzwirtschaft zu helfen, verkündete der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain vergangene Woche. Einmal mehr spielte der Politiker eine äußerst riskante Pokerpartie.

Das hat er schon oft getan. Als rebellischer Senator beispielsweise, der immer wieder gegen die eigene Partei gestimmt hat. Auch die Präsidentschaftskandidatur errang er mit Hilfe eines hochriskanten Manövers: Er unterstützte den Plan von Präsident George W. Bush, mehr Soldaten in den Irak zu schicken.

Alle Experten rieten davon ab. McCain nicht. Der "Surge"-Plan war erfolgreich; die Gewalt im Irak nahm ab. Seitdem kann sich der Republikaner im Wahlkampf erfolgreich als der bessere Außenpolitiker verkaufen.

Ein existenzieller Vorteil für McCain. Vielleicht erklärt vor allem dieser Punkt sogar, weshalb der Republikaner in den Umfragen nicht längst hoffnungslos abgestürzt ist. Schließlich bläst ihm derzeit ein Sturm ins Gesicht, wie er stärker kaum sein könnte: Die US-Finanzwirtschaft ist im Kern erschüttert.

In seiner Rede an die Nation vergangene Woche versuchte ein blasser George W. Bush, die eigene Verantwortung kleinzureden : In Wirklichkeit habe die Finanzkrise tiefe Wurzeln in den Amtszeiten seiner Vorgänger. Das aber wollen die meisten Amerikaner nicht glauben. Ein wichtiger Teil von McCains Wahlkampfstrategie ist beschädigt.

Die Behauptung nämlich, er habe mit "denen in Washington" und dem politischen "Establishment" nichts zu tun. McCain und seine Kandidatin für das Vizepräsidentenamt Sarah Palin hören sich im Wahlkampf geradezu an, als wären sie Oppositionspolitiker. Beim Thema Sicherheit konnte das gutgehen.

Denn zu überraschend war der Erfolg der "Surge"-Strategie im Irak, die der Demokrat Barack Obama zudem abgelehnt hatte. Kein US-Soldat sei jemals sinnlos gefallen, betonte er während des ersten von drei TV-Duellen mit McCain am vergangenen Freitag. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Irgendwie wollen die Amerikaner den Irakkrieg halbwegs gesichtswahrend beenden. Und in dem Punkt scheint McCain aus Sicht vieler Bürger die besseren Rezepte zu bieten.

Die Finanzkrise aber frisst den Vertrauensvorschuss auf, den der Republikaner in der Sicherheitspolitik genießt. Wochenlang zog McCain durch die Lande und predigte, als Präsident werde er die Wirtschaft deregulieren. Das Beben an der Wall Street wird allerdings auch als Folge ungehemmter Laissez-Faire-Politik der Bush-Regierung wahrgenommen. Ein Ausweg aus dieser Lage ist für McCain nicht ersichtlich. Aber er sucht ihn. So ist das Manöver zu verstehen, bei dem er seinen Wahlkampf medienwirksam "abbrach" und nach Washington zurückkehrte.

Für McCain ist die Lage im Wahlkampf jetzt brandgefährlich. Wirtschaftsfragen überlagern Sicherheitsprobleme – und Wählerumfragen bescheinigen Obama die höhere Wirtschaftskompetenz.

Hinzu kommt eine weitere hochriskante Pokerpartie McCains, deren Ausgang völlig offen ist: Sarah Palin macht in TV-Interviews einen äußerst schlechten Eindruck. Beim jüngsten Gespräch geriet sie bei den Themen Israel und Russland gar ins Stammeln und verlor den Gesprächsfaden, obwohl die Journalistin nicht einmal kritisch nachgefragt hatte.

Sarah Palin sei ein Sicherheitsrisiko für die USA, schimpfen liberale Medien wie die "New York Times" – und greifen McCain so auf ureigenem Terrain an. Der Polit-Frischling Obama hat dagegen den erfahrenen Joe Biden zum Vize-Kandidaten ernannt. Jetzt erwarten die Amerikaner mit Spannung das einzige TV-Duell zwischen ihm und Sarah Palin am morgigen Donnerstag.

Allein entscheidend wird es nicht sein für die Wahl am 4. November, so wenig wie das gesamte Rennen bisher entschieden ist, auch wenn alle wichtigen Umfragen seit den Finanzmarktturbulenzen Obama in Führung sehen – mit bis zu neun Prozent. Neben dem Auftreten Palins kommt es jetzt vor allem darauf an, inwiefern das Rettungspaket der Regierung greift. Hilft es gar nicht oder zu wenig, könnte McCain dieser Tage seine letzten Pokerrunden spielen – bevor er feststellen muss, dass er im Wettkampf um die Präsidentschaft zu hoch geboten hatte.