Wie man in der DDR eine Reise organisierte:

Versetzen wir uns zurück in die DDR, sagen wir ins Jahr 1983. Wir haben gespart und wollen uns einen individuellen Sommer-Campingurlaub am Balaton in Ungarn gönnen.

Zu den wichtigsten Reisevorbereitungen gehört es, zwei Monate vor Urlaub ein Visum für die Ungarische Volksrepublik zu beantragen. Mit dem Personalausweis allein kommt man nur bis nach Polen oder in die CSSR, ein Reisepass gehört zu den Privilegien, die wir nicht haben. Die Deutsche Volkspolizei nimmt den Antrag entgegen und bearbeitet ihn irgendwann in den nächsten Wochen. Nachfragen sind zwecklos und machen verdächtig.

Ist das Visum endlich da, geht es zurStaatsbank, um DDR-Mark in ungarische Forint zu wechseln. Doch nicht in beliebiger Menge: Die "Reisezahlungsmittel" sind streng kontingentiert. Pro Tag darf ein Tourist maximal 30 DDR-Mark bei einem Kurs von 1:6 in 180Forint tauschen.

Da dieser Tagessatz fast schon durch die Zeltplatz-Gebühr aufgebraucht wird, ist ein zusätzliches Blanko-Formular unerlässlich: dieZollerklärung. Sie berechtigt zum Umtausch von noch einmal 100Ostmark in Ungarn. Ein Formblatt gibt es pro Visum. Später staunen wir darüber, dass mancher Reisende gleich mehrere Zollerklärungen im Schuh versteckt hat. Uns dämmert: Wie in allen Bereichen des DDR-Lebens haben auch hier Beziehungen ins Polizeirevier nach- geholfen.

Mangels eigenen fahrbaren Untersatzes sind wir bei der Reise an den Plattensee auf die Beförderung durch die Deutsche Reichsbahnangewiesen. Tausende andere Mitbürger allerdings auch, weshalb Fahrkarte und Liegewagenreservierung schon lange vor Weihnachten erworben worden sind.

Was fehlt noch? Jede Menge Büchsennahrung, die wir uns in mehreren Kaufhallen zusammensuchen. Von den schmalen Forint-Tagessätzen kann selbst der genügsamste DDR-Urlauber nicht leben. (sh)

Staßfurt l "Zu Haubold woll´n Se? Hier runter, übber de Straße, dann seh´n Se schon", sagt der rüstige Ruheständler. Das Reisebüro Haubold kennt jeder in Staßfurt. Es ist eine Institution. Im Flachbau in der Fußgängerzone der Ex-Kreisstadt sind Chefin Silke Haubold und zwei Mitarbeiterinnen in die Kundenberatung vertieft. Es ist das tägliche Geschäft hier seit Ende 1991. Davor hat Silke Haubold in einem Container auf dem Postparkplatz Reisen verkauft.

Die Firma Haubold wird bereits in 3. Generation als Familienbetrieb geführt. Frau Haubolds Großvater kaufte vor 85 Jahren den ersten Bus - die Hecklinger Firma war gegründet. Erich Haubold chauffierte Vereine und übernahm die Linie nach Bernburg. Zu DDR-Zeiten kamen Schüler- und Berufsverkehr dazu. Der Betrieb blieb ein privater. Ende der 1980er Jahre bestand die Fahrzeugflotte der Firma Haubold aus vier Skoda-Bussen.

Zuerst Tagestouren nach Braunschweig und Hamburg

Dann gingen die Leute überall in der DDR auf die Straße und forderten Reformen - mit unorthodoxen Losungen. "Visafrei bis nach Hawaii" etwa stand auf den Plakaten. Mit dem Mauerfall war das plötzlich greifbar. "Es war eine turbulente Zeit", erinnert sich Silke Haubold, "Europa und die Welt waren auf einmal größer geworden."

Was lag für die Haubolds näher, als ihr Angebot zu erweitern? Zum Busbetrieb, bald mit Neoplan-Wagen betrieben, gesellte sich ein Reisebüro, das als Agentur der TUI Hannover Reisen in alle Welt vermittelte. Zunächst waren da die täglichen Fahrten nach Hamburg oder Braunschweig. "Alles war damals neu, für uns genauso wie für unsere Kunden", bekennt Silke Haubold rückblickend.

Nach der Währungsreform fuhren die modernen Reisebusse der Firma Haubold in die verschiedensten Regionen in ganz Europa. Nachdem die Firma Haubold Anfang der 1990-er Jahre den VEB Kraftverkehr in Staßfurt übernahm, platzte der Hecklinger Stammsitz bald aus allen Nähten. So entstand das Gelände im Gewerbegebiet im Hecklinger Ortsteil Gänsefurth. Die Verantwortungsbereiche der Firma wurden geteilt. Während die Eltern und Bruder Torsten Haubold die Geschicke im Busgeschäft lenken, kümmert sich Silke Haubold nach ihrer Ausbildung in Köln um die Reisebüros in Staßfurt und Bernburg, die inzwischen durch das Mittelstandssiegel "ServiceQualität Deutschland" zertifiziert sind.

Seit Mitte der 1990er Jahre bildet die Firma Haubold kontinuierlich Fachkräfte aus, die zum Großteil übernommen werden konnten. Heute stehen bei dem Unternehmen 60 Mitarbeiter in Lohn und Brot.

Spätabends ein Notruf aus Neu-Delhi

Die Staßfurter stürmten also - nicht anders als das übrige DDR-Volk - los in die Welt. Nach Mallorca, Kreta und Teneriffa natürlich, auch Österreich war äußerst beliebt. "Wenn Wien ausgebucht war, hieß es: Dann nehme ich eben Salzburg, da war ich auch noch nicht", schmunzelt Silke Haubold rückblickend.

Die Reisebedürfnisse der Ostdeutschen haben sich über die Jahre gewandelt. Statt immer nur Kanaren verkaufen sich heute Kreuzfahrten wie warme Semmeln, egal, ob im Mittelmeer oder auf dem Rhein. Daneben darf es gern auch mal was Exotisches wie Grönland sein. Silke Haubold konstatiert, dass auch im Internetzeitalter die persönliche Beratung weiter geschätzt wird. "Die Kunden fühlen sich einfach sicherer bei der Buchung. Und wir sehen uns als Reisefachhandel."

Wenn es nötig ist, gehört dazu der Service außerhalb aller Öffnungszeiten. Silke Haubold erinnert sich an einen Abend, als sie im Büro kurz überprüfen wollte, ob der Computer ausgestellt ist. Plötzlich klingelte das Telefon: Ein Haubold-Kunde stand einsam und verlassen auf dem Flughafen der indischen Hauptstadt Neu-Delhi und wartete vergeblich auf den Hotel-Shuttlebus. Die Reisebüro-Chefin schaltete sofort die TUI ein - schon konnte dem Reisenden geholfen werden.

Die Reisefreude in Staßfurt und ringsum ist ungebrochen. Nur geht es längst nicht mehr darum, überhaupt mal irgendwohin rauszukommen. Reisen richtet sich heute neben den persönlichen Zielvorstellungen nach den Möglichkeiten - sprich Budget - und schon kann´s losgehen.

Bilder