Magdeburg l Nein, wirklich lebendig ist die Erinnerung nicht mehr. Simon Becker muss sich schon ein bisschen anstrengen, um sie aus seinem Gedächtnis hervorzukramen. Wie war das eigentlich als Kind, als Deutschland noch geteilt war? Der 32-Jährige stützt seinen Kopf auf die rechte Hand und überlegt. "Als die Wende kam, war ich sieben Jahre alt. In meinem Alltag hat die DDR vorher keine Rolle gespielt", sagt der heutige Magdeburger, der im kleinen Dorf Barsbek bei Kiel aufgewachsen ist.

An die 80er Jahre kann er sich nur noch bruchstückhaft erinnern: Zum Beispiel daran, dass in seiner Heimat auf jedem Ortsschild "Zollgrenzbezirk" stand. "Ich habe mich immer gefragt, was das heißt", sagt Simon Becker. Und dann waren da noch die Erlebnisse am Ostseestrand. Wenn am Militärstützpunkt Todendorf Übungen der Bundeswehr stattfanden, war der Leuchtturm an. "Als Kinder haben wir damals am Meer gestanden und in die Ferne gezeigt. Ob da gleich welche rüberkommen? Dort hinten ist Dänemark. Und da drüben ist die DDR."

Gekommen ist damals niemand. Dafür ist Simon Becker selbst rüber. Anfang 2008 zog er mit seiner Frau Bettina nach Magdeburg. "Aus Abenteuerlust", wie er sagt. Nach dem Theologiestudium im Rheinland wurden die beiden von Freunden in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt gelotst - trotz Angeboten aus Berlin. Ausschlaggebend war die Perspektive, nicht ob alte oder neue Bundesländer. "In Magdeburg wollten wir eine soziale Jugendarbeit aufbauen, etwas Neues schaffen", sagt er. "Die Stadt war reizvoll: Überschaubare Größe, man ist schnell in der Natur, und wir hatten das Gefühl: Hier ist viel Raum zur Entfaltung." Die Jugendarbeitspläne erfüllten sich nicht ganz, Simon und Bettina Becker machten sich selbstständig: Er als Musiker und Streetworker, sie als Theaterpädagogin, Referentin und Autorin.

Große "Ost-Erfahrung" hatten die beiden damals nicht. Klar ist Simon als Kind mit seiner Familie nach der Grenz-öffnung mal "rübergefahren. Irgendwann 1990, hinter Lübeck. Die Straßen waren ruckelig. Aber an mehr kann ich mich nicht erinnern."

"Als Kinder haben wir am Meer gestanden und in die Ferne gezeigt: Da drüben ist die DDR."

Fast 20 Jahre später hat sich im Osten viel getan. Dass Magdeburg die richtige Entscheidung war, zeigt sich schnell. Der Einstieg in die Kulturszene gelingt Simon Becker mit Auftritten in Kneipen und Bars einfacher als gedacht. Gleich zu Beginn lernt er dort einen Schlagzeuger kennen, mit dem er heute noch zusammenarbeitet. Inzwischen hat der Sänger und Songwriter zwei Alben herausgebracht, das dritte erscheint im Sommer.

Der Musiker ist viele Tage im Jahr in Deutschland unterwegs. Die Unterschiede zwischen Ossis und Wessis? "Kaum vorhanden. Egal ob im Erzgebirge oder in Ostfriesland: Überall gibt es sehr angenehme und auch seltsame Menschen. Die legendäre `Mauer in den Köpfen` hängt entscheidend davon ab, aus welchem Milieu die Leute kommen", sagt er. "Ärgerlich ist, wenn manche zum Beispiel noch nicht einmal in ihrem Leben im Osten waren und sich anmaßen, über die Menschen hier zu urteilen."

Einige "Feinheiten" hat Simon Becker aber dennoch ausgemacht. "Im Osten darf man stolz darauf sein, Ossi zu sein. Aufkleber mit `Leider geil: Ostdeutschland` sieht man häufiger. Im Westen gibt es das nicht. Würde da jemand sagen, `ich bin stolz, ein Wessi zu sein`, käme das schnell arrogant rüber."

"Im Osten darf man stolz darauf sein, Ossi zu sein. Im Westen käme das arrogant rüber."

Ansonsten fallen ihm die noch vorhandenen Unterschiede an seinen Freunden auf: Kommt Westbesuch, gehen die gerne mit ihren Straßenschuhen in die Wohnung. Ossis dagegen ziehen die Schuhe vor der Tür aus. "Und im Osten leiht man sich gern auch mal etwas. Im Westen kaufen sich die meisten lieber alles selbst."

Familie Becker hat sich in Sachsen-Anhalt sehr gut eingelebt. Mit Vorurteilen sind ihnen die Menschen kaum begegnet. "Im Gegenteil: Ich finde die Leute hier sehr freundlich." Eine Wahrnehmung, die vielleicht auch daran liegen mag, dass der Musiker selbst zuvorkommend auftritt. Nächstenliebe, andere annehmen, wie sie sind - das haben Simons Eltern ihm und seinen vier Geschwistern vorgelebt.

Heute gibt er diese Werte als Streetworker weiter. Mit den Jungs eines Magdeburger Jugendclubs nimmt er Lieder auf, spielt mit ihnen Fußball oder besucht sie im Gefängnis. "Leider wachsen viele junge Menschen - in Ost und West - in einem Umfeld auf, in dem Arbeitslosigkeit, Drogen und Kriminalität immer wieder eine Rolle spielen. Es macht mich nachdenklich, dass viele Menschen das einfach so hinnehmen." Der Musiker ist ein aufmerksamer Beobachter. In einem seiner Lieder heißt es: "Und ich sehne mich nach Sonne, nach Wärme und nach Licht, nach Blumen und nach Farben, nach Sonne im Gesicht. Und ich sehne mich nach Antwort auf die Kälte dieser Zeit, ich hatte keine Ahnung, was frieren wirklich heißt."

"Wir sind ein reiches Land. Wir können es uns leisten, Flüchtlingen zu helfen und zu teilen."

Simon Becker hält der Gesellschaft mit seiner Musik manchmal einen Spiegel vor. Die Kälte gegenüber Flüchtlingen macht ihn traurig. "Wir sind ein reiches Land. Und ich wünsche mir, dass wir als Deutsche den vielen Flüchtlingen in Freundlichkeit und Warmherzigkeit begegnen - ohne Angst davor zu haben, dass sie uns etwas wegnehmen. Wir können es uns leisten, zu helfen und zu teilen." Und ein bisschen zufriedener könne das deutsche Volk auch sein: Dankbar für das, was man hat. In Ost und West.

Familie Becker selbst sieht ihre Zukunft weiter im Osten. "Wir fühlen uns in Magdeburg rundum wohl", sagt er. Ist aus dem Abenteuer Magdeburg ein Stück Heimat geworden? Simon Becker überlegt lange. "Schwer zu sagen. Meine Heimat ist am ehesten das Meer. Weniger Magdeburg oder Kiel." Vielleicht geht es irgendwann mal wieder dahin. Ob Ost oder West, ist ihm egal. Das Meer fühlt sich überall gleich an. Simon Becker lässt sich von seinem Gefühl treiben - und lebt das Motto seines neuen Albums: "Egal wohin das führt."