Osterburg/Hecklingen l Drei Wochen lang war Beate Sellin auf den Buschfunk angewiesen. Im Krankenhaus, wo die Hochschwangere das Bett hüten musste, gab`s ja kein Fernsehen. Und selbst wenn: Stimmungsreportagen über das nahende Ende der DDR hätte sie beim Deutschen Fernsehfunk eher weniger gefunden. Zum Glück erstattete Gatte Fritz der Altmärkerin stets Bericht über das, was draußen passierte.

"Montags ist er früher gegangen, weil er zur Demo in Osterburg wollte", erinnert sich die 55-Jährige. Dass es nicht mehr lange dauern würde, bis die Mauer fällt, habe man gespürt. "Aber dass es ausgerechnet am Tag von Lucas, Geburt passiert, damit hat keiner gerechnet." Als SED-Sprecher Günter Schabowski am Abend des 9. November ,89 vor der Presse die neue Reiseregelung bekannt gibt, ist ihr Kind schon seit elf Stunden auf der Welt. "Trotzdem habe ich erst einen Tag später davon erfahren", erzählt Beate Sellin. "Mein Mann konnte ja abends nicht zu mir kommen, die Besuchszeiten waren streng geregelt."

Zumindest blieb sie am nächsten Tag nicht lange ahnungslos: Schon um halb sechs klopfte es an die Tür. Es war eine Patientin, die ein kleines Radio dabeihatte. "Sie steckte den Kopf in unser Zimmer und sagte: `Habt ihr schon gehört? Die Grenze soll offen sein!` Wir haben ihr erst nicht geglaubt." An jenem Freitag waren die Abläufe in der Klinik mal weniger stringent. Kam doch die Hälfte der Schwestern nicht zum Dienst.

"Das ist für mich nur ein Teil der Geschichte." - Lucas Sellin

Lucas Sellin hat die Geschichte vom Tag seiner Geburt schon als kleines Kind gehört. Aber erst in der Schule begriff er, wieso damals alle so außer Rand und Band waren. Einen besonderen Bezug zum Mauerfall hatte das Wendekind trotzdem nie. "Ich habe mir im Unterricht angehört, was in Berlin geschah. Aber mehr als ein Teil der Geschichte ist das für mich nicht."

Bei Janine Bachmann aus Hecklingen (Salzlandkreis) hat der Mauerfall einen höheren Stellenwert. Auch sie ist an jenem historischen Datum geboren. "Mit Kriegsdaten und Co. hatte ich als Schülerin nicht viel am Hut. Aber für die DDR habe ich mich sehr interessiert", erzählt sie. "Ich wusste ja vorher nur bruchstückhaft etwas über diese Zeit - zum Beispiel, dass wir nicht zur Uroma rüberfahren durften. Im Unterricht hat sich endlich alles zu einem Bild zusammengefügt."

Anekdoten von damals hört sie bis heute jedes Jahr - nicht nur von ihren Omas und Tanten beim Geburtstagsplausch. Durch die Mauerfall-Berichte in den Wochen davor sprechen die Industriekauffrau immer mal wieder Bekannte und Kollegen an - auch wenn das im Laufe der Jahre seltener geworden ist. "Fast jeder erzählt mir dann, was er an diesem Abend gemacht hat."

Im Umfeld von Lucas Sellin ist der 9. November 1989 kaum präsent. Früher, zu Schulzeiten, stolperten ab und zu Lehrer und Freunde über das Datum. "Aber heute hat es fast niemand mehr auf dem Schirm", sagt er. "Im Westen ist mir das sogar noch stärker aufgefallen als im Osten."

Den Vergleich kann der gebürtige Altmärker deshalb ziehen, weil er 2008 nach Frankfurt am Main zog und seit Sommer von einer westdeutschen Stadt in die nächste reist. Denn bei ihm ist nicht nur der Geburtstag außergewöhnlich, sondern auch der Job: Als selbsternannter "Zirkusbekloppter" leitet der gelernte Veranstaltungskaufmann die Gastronomie beim nordrhein-westfälischen Zirkus Flic Flac.

Manchmal erzählt Lucas Sellin von sich aus, dass er am Tag des Mauerfalls geboren ist. "Dann müssen aber die meisten erstmal grübeln", sagt er. "Auf November 1989 kommen sie noch, beim Tag tippen sie dann oft auf einen anderen." Solche Verwechslungen kommen Janine Bachmann bekannt vor. Auch sie wohnt seit Jahren im Westen, genauer gesagt im nordrhein-westfälischen Rhede. "Hier glauben viele, die Mauer sei am 3. Oktober gefallen. Andere meinen, es sei 1988 passiert."

Unter Gleichaltrigen spielt die Ost-West-Teilung heute nur noch beim Blödeln eine Rolle, sagt der 24-Jährige: "Manchmal werde ich damit aufgezogen, dass ich Ossi bin. Ich witzele aber auch selbst darüber: Wenn ich zu meinen Eltern nach Osterburg fahre, sag` ich: `Ich mache jetzt mal rüber in den Osten!`"

Um ein Haar wäre er übrigens gar kein waschechtes Wendekind geworden. Denn laut Berechnung sollte er schon am 8. November auf die Welt kommen. Dass er noch ein paar Stündchen abwartete, lag vielleicht an seinem Opa: Denn der wurde auch schon an einem 9. November geboren.