Martin Kunert ist 54 Jahre alt. In 48 Jahren davon ist die Geige Bestandteil seines Lebens. In der Freizeit. In diese spielt auch seine neue Rolle hinein – seit 2006 ist er Vorsitzender des Sinfonieorchester Magdeburger Musikfreunde e. V. Seine Aktivitäten in dem Laienorchester haben selbst den Chef des Konservatoriums, Helmut Keller, überzeugt.

Magdeburg. Zugegeben, die erste Geige in einem Orchester habe ich immer an einer einzelnen Person festgemacht. Weil es auch im übertragenen Sinne genau so ist.

Mitnichten, lächelt Martin Kunert erklärend. In einem Sinfonieorchester, auch wie dem ihren, sei die erste Geige eine ganze Gruppe von Musikern.

Bei den Magdeburger Musikfreunden sind es 8 bis 10 Geiger, die den ( Melodie- ) Ton angeben.

Und " nur einer " von ihnen sei halt er, stellt der 54-Jährige dezidiert klar. Das mit Rücksicht auf seine Musikfreunde und in gebotener Bescheidenheit. So ein Orchester sei ein Team, ein harmonisches Ganzes, sagt er. Im Grunde spiele da – ohne jetzt dem Dirigenten zu nahe zu treten– jeder eine erste Geige. Im übertragenen Sinne. Erst recht, wenn es sich um ein Laienorchester handelt.

In einem Verein ist das vielleicht ein wenig anders.

2006 hat Martin Kunert den Part des Vorsitzenden des Sinfonieorchesters Magdeburger Musikfreunde e. V. übernommen. Weil der Posten vakant war, hatte man ihn gebeten, darüber nachzudenken, den Staffelstab von Jutta Rühl zu übernehmen.

Er hat angenommen, und sich in die Arbeit gestürzt. Und zwar so erfolgreich, dass es selbst einen Musik-Profi wie Helmut Keller, Chef des städtischen Konservatoriums, überzeugte. Sein Kompliment hat denn auch sinfonische Weite.

Nicht zuletzt dank des unermüdlichen persönlichen künstlerischen Einsatzes von Martin Kunert, so schreibt er, sei das Sinfonieorchester zu einem bedeutenden Kulturträger der Landeshauptstadt geworden. Dies natürlich in Zusammenarbeit mit allen Mitgliedern des Orchesters sowie in Abstimmung mit dem Dirigenten, bescheinigt er nach gut drei Jahren dem Vereinsvorsitzenden.

Keller will es betont wissen : Es geht um ausschließlich ehrenamtlichen Einsatz !

Wohl wahr, und der leidenschaftliche Geigenspieler Martin Kunert betont : Ganz so stressfrei sei es in seinem Leben fortan nicht mehr gewesen.

Denn außer den allwöchentlichen Treffs zur Orchesterprobe, den mehrmaligen Kammerkonzerten und natürlich den großen Auftritten wie den Frühlingsund Weihnachtskonzerten kam jetzt die organisatorische Seite hinzu. Da müssen Solisten engagiert, Verträge geschlossen, Räume geordert, Noten besorgt, Sponsoren " geködert ", Nachwuchs gewonnen werden.

Die Liste ist noch viel größer.

Was den Nachwuchs betrifft – das meint er sowohl in Hinblick auf das aktive Musizieren als auch auf das Rezipieren. Ohne Zuhörer wäre jede Musik schließlich nur halb so schön.

Deshalb war die Nachwuchsfrage für ihn von Anfang an auch so etwas wie Chefsache. Um zum Beispiel das fortzuführen, womit schon Helmut Hagedorn, 38 Jahre lang künstlerischer Leiter, begonnen hatte : Jungen Talenten eine Plattform zu bieten. Kunert nennt in dem Zusammenhang u. a. Sven Stucke.

Schon im Vorjahr hatte das Orchester begonnen, auf neuen Wegen an die Jugend heranzukommen. Zum einen mit einem völlig neuen Internetauftritt. Zum anderen in Konzerten, in denen Filmmusik im Mittelpunkt stand. Dazwischen Tschaikowsky ( dargeboten von Stucke ). Das hatte Erfolg unter den jungen Leuten, freut sich Martin Kunert.

Als nächstes Projekt sei das gemeinsame Konzert mit " The five Beatles " angesagt. Ein so genanntes Cross-Over-Projekt, bei dem U- und E-Musik zusammengeführt wird. Die Musikfreunde sorgen für den Ochestersound was einst bei den echten Pilzköpfen Aufsehen erregte.

Künstlerisch steht jetzt wieder das Einstudieren des nächsten klassischen Musikstücks im Vordergrund. Ein halbes Jahr dauere das, sagt er. Üben, üben, nochmals üben.

Übrigens geht es da genauso um Mozart oder um andere ganz Große, an deren Werken sich auch die Profi-Orchester die Zähne ausbeißen, versichert er.

Nein, das Musizieren steht beim Vereinsvorsitzenden Kunert weiter an erster Stelle. Wie bei allen Orchestermitgliedern.

" Wir sind nun mal eine relativ große Gruppe von Laienmusikern aus unterschiedlichen Berufen, derzeit 55, die sich aus Freude am Musizieren zusammenfunden haben ", berichtet er.

Das soll grundsätzlich weiterhin genauso bleiben.

" Natürlich haben wir auch den Ehrgeiz, uns und unser Können zu zeigen. Um an unserer Musik auch andere teilhaben zu lassen und sie in der Landeshauptstadt zu bieten ", sagt er.

Das diesjährige Weihnachtskonzert in der Pauluskirche vor rund 650 Zuhörern war ein solcher Höhepunkt. Erstmals hatte das Orchester, gemeinsam mit der Magdeburger Singakademie, vor einer solch großen Zahl von Menschen musiziert.

" Wenn danach der Beifall aufbrandet, ist das der schönste Lohn für uns. Das gibt allen ein Stück zusätzlicher Zufriedenheit ", sagt der Vorsitzende. Er schließt sich natürlich mit ein.

Musik ist für den promovierten Ingenieur, der beruflich als Informatiker im Uni-Klinikum eine Abteilung leitet, die Faszination des Lebens. Im Alter von sechs Jahren hat er auf Anraten der Eltern begonnen, Geige spielen zu lernen. Für ihn ein Glück, das er einmal in diese Worte gefasst hat : Musik ist das Wunder, das nicht nur den Gehörsinn, sondern alle Emotionen ansprechen kann. Beim Miteinander-Musik-Machen wird das um ein Vielfaches verstärkt.

Das ist sein ganz persönlicher Grund, warum er Musik im privaten Kreis zu Hause praktiziert und weshalb er sich im großen Rahmen, im Orchester, engagiert.

2008 ist das Sinfonieorchester 50 Jahre alt geworden. Bei seiner Gründung nannte es sich Collegium Musicum, seit 1993 Sinfonieorchester Magdeburger Musikfreunde e. V. Heute ist es ein beachtenswerter Klangkörper, der einen festen Platz im Magdeburger Musikleben hat und zunehmend auch in die Region ausstrahlt.

Helmut Keller vom Konservatorium, selbst zwei Jahre lang künstlerischer Leiter / Dirigent des Orchesters, imponiert vor allem dies an dem Hobby-Musiker : Kunert sei nicht nur Vereinsvorsitzender. Seit Jahren ist er stellvertretender Konzertmeister des großen Laienorchesters. Es sei übrigens – abgesehen vom Orchester der Martin-Luther-Universität Halle – das einzige Laienorchester in Sachsen-Anhalt, das in großer sinfonischer Besetzung spielt.

Der Konservatoriumschef konstatiert : Ohne die umfangreiche ehrenamtliche Arbeit im Bereich Organisation der Orchesterarbeit durch Martin Kunert und ohne die von ihm ausgehenden nachhaltigen künstlerischen Impulse sei die positive Entwicklung eigentlich undenkbar.

Der erste Geiger ( unter den 8 bis 10 ) nimmt das Kompliment zwar gern an. Aber er reicht es sogleich weiter : Das gelte für alle, die sich im oder für das Orchester engagieren, sagt er.