Magdeburg l Sie geben eine Speichelprobe ab, ein Labor analysiert Ihre Erbanlagen und bastelt daraus Ihr ganz persönliches Abnehmrezept. Sie können nun doch ein Eis mehr essen, weil sie auf Zucker nicht so anspringen wie Ihre Nachbarin. Oder Sie dürfen ein Schnitzel mehr verputzen, weil ihr Fettspeicher nicht so unangenehm fleißig ist, wie bei Ihrer holden Gattin.

Gen-geschneiderte Rezepte, Einkaufslisten und Sportprogramme - das wäre toll. Es gibt erste Firmen, die so etwas anbieten. Zum Beispiel "CoGap" in Köln.

Tiefergehende Studien fehlen

Solch ein genetischer Test (Meta-Check genannt) kostet um die 300 Euro. Die Leute werden nach der Analyse in vier Ernährungs- und zwei Bewegungs-Typen eingeteilt. Danach wird ein individueller Abnehmplan entwickelt. Das Unternehmen ist von der Wirksamkeit fest überzeugt und verweist unter anderem auf eine Studie der Sporthochschule Köln.

Nun ja. Die Studie umfasste gerade mal 107 Probanden - und selbst die Macher der Studie räumen eine Reihe von Schwächen ein. "Neue, tiefergehende Studien sind in Planung", sagt Martin Masson von "CoGap".

Andere Ernährungsforscher heben warnend die Hände. Auch jene, die seit Jahren auf dem Feld der Ernährungsgenetik unterwegs sind und vor einigen Jahren selbst noch recht euphorisch waren.

Eher Horoskop als Wahrheit

Mittlerweile ist Ernüchterung eingekehrt, weil die Sache wohl wesentlich komplexer ist als angenommen. Gisela Olias vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam sagt: "Unser Wissen reicht noch nicht aus, um anhand eines genetischen \\\'Fingerabdrucks\\\' individuelle Ernährungsempfehlungen zu geben.

Anhand einer genetischen Untersuchung zu sagen, eine Person sollte x Prozent Kohlenhydrate und y Prozent Fett essen, liegt wohl näher an einem Horoskop als an der Wahrheit." Zwar wurden erste Erbanlagen identifiziert, die unser Gewicht beeinflussen. Doch die Wirkung ist eher bescheiden: Das stärkste Gen, das bislang entdeckt wurde, bringe gerade mal einen Unterschied von vier Kilo, sagt Olias.

Das macht den Kohl nicht fett.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hält nichts von genetisch basierten Rezepten. Isabelle Keller: "Die Untersuchungen sind noch meilenweit von der Wirklichkeit entfernt. Was da verkauft wird, ist nicht seriös."

Manche Ernährunsgberater versuchen einen Mittelweg. Sie wollen die Gen-Tests nicht in den Himmel heben, aber auch nicht verteufeln. Hans Gerlach von "Leichter leben in Deutschland" meint etwa: "Mit einem Massen-Gentest werden wir unsere Gewichtsprobleme sicher nicht lösen. Es gibt aber Menschen, die trotz aller Mühen kaum ein Gramm verlieren."

Diesem kleinen Kreis rät er zum Meta-Check. An den Grundfesten werde jedoch nicht gerüttelt. Die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) bleiben die Grundlage. Die DGE sagt, wie viel Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße am Tag gesund sind. Innerhalb dieser Grenzen werde beim Meta-Check feinjustiert, sagt Gerlach. "Viele nehmen ab, wenn sie ihre Tagesration Fett auf 60 Gramm beschränken, bei manchen aber müssen wir auf bis zu 35 Gramm runter."

Eines muss klar sein: Wenn Sie denken, Sie bräuchten nur einen Gentest zu machen und würden dann mit fünf Stück Kuchen am Tag abnehmen, nur weil Sie ein "Kohlenhydrat-Typ" sind - dann werden Sie garantiert etliche Euro verlieren, aber bestimmt kein einziges Pfund.

Wir kommen an einem nicht vorbei, wenn wir dick sind und es nicht mehr sein wollen: An einer Lebensumstellung. Gen hin, Erbanlage her - das Grundgesetz der Ernährungslehre gilt: Weniger essen, mehr bewegen.

Das heißt auch:

 

    • Das Richtige essen. Weniger Zucker und Weißmehl, um Hungerattacken zu vermeiden und die Fettverbennung zu ermöglichen.

 

    • Viel Gemüse und Vollkorn, denn Ballaststoffe sättigen und nicht die Kalorien.

 

    • Genügend trinken: 1,5 Liter am Tag, am besten vor jeder Mahlzeit ein großes Glas Wasser.

 

    • Möglichst kein Alkohol in der Abnehmphase - danach in Maßen.

 

    • Machen Sie keine Hungerkuren, da ansonsten der Jo-Jo-Effekt alles zunichte macht.

 

    • Achten Sie auch bei Ihren Kindern schon auf eine gesunde und abwechslungsreiche Kost.

 


Wissenschaftler vermuten, dass die Ernährungsgenetik keine Einbahnstraße ist. Manche Gene wirken auf unseren Umfang - aber auch unsere Ernährung wirkt wahrscheinlich auf einige unserer Gene.

Bei manchen helfen doch nur Pillen

Es gibt Beispiele, die zeigen, dass Abnehmen nach der klassischen Methode funktioniert. Im ABC-Programm der Uni Magdeburg etwa werden wirklich schwere Fälle behandelt. Da geht es nicht um die 4 Pfund, die für die Bikini-Figur fehlen; da geht es oft um 40 Kilo und mehr Übergewicht. Die meisten Teilnehmer nehmen rapide ab - das ist dokumentiert. Durch gesunde Ernährung und mehr Bewegung und mehrmonatige Beobachtung durch einen Trainer. Ein gewisser Kontrolldruck ist wichtig.

Und wenn das alles nichts hilft? Dann sollen Sie zu Ihrem Arzt.

Es gibt Menschen, die trotz gesunder Ernährung etwa überhöhte Blutfettwerte haben. Zehn Prozent der Deutschen sind davon betroffen. "Das sind Hochrisiko-Gruppen, diese benötigen Medikamente", sagt Professor Andreas Pfeiffer von der Charité in Berlin. Gesunde Kost allein würde den Fettwert nur um etwa 15 Prozent senken helfen.

Woran erkennt man das Hochrisiko? Vor allem an der Problem-Ballung: Wenn zum hohen Fettwert hohes Gewicht, großer Bauchumfang und hoher Blutdruck hinzukommen und zudem Eltern und Geschwister ähnlich hohe Werte haben, dann hilft Gemüse allein nicht weiter. Auch eine Gen-Analyse nicht.

Pfeiffers Forscherteam hat gerade eine umfangreiche Ernährungsstudie mit 46 Zwillingspaaren abgeschlossen. Fazit: Vieles ist stark erblich, doch die Mechanismen sind hoch kompliziert. "Wir können die Leute nicht einfach in Cluster einteilen."