Magdeburg l Wenn Wigbert Schwenke früher einen Anzug kaufte, waren die Hosenbeine immer viel zu lang. Und die Jacken-Ärmel auch. Seine Frau musste sie abnähen. Sie hatte oft damit zu tun, da ihr Mann Wigbert oft neue Anzüge kaufte.

Das hatte zwei Gründe: Zum einen braucht er als Landtagsabgeordneter gut sitzende Garderobe. Und zum anderen verschliss er viel davon, da die Innenseiten der Hosen schnell abgerieben waren. Dies alles wiederum hatte zu tun mit Wigbert Schwenkes Statur. Er ist 1,69 Meter groß. Und wog 130 Kilo. So etwa. Gewogen hatte er sich in jener Zeit schon lange nicht mehr.

Nierenschmerzen sorgen für ein Umdenken

Das war 2010. Wigbert Schwenke war 50, schnaufte bei jeder Treppe wie eine Lok und hatte Mühe, auf seinen geliebten Wandertouren das Tempo zu halten. Am 2. Oktober jenes Jahres rissen starke Nierenschmerzen Wigbert Schwenke aus dem Trott. Steine. Behandlung. Wenig Appetit.

"Das war ein Schuss vor den Bug. Ich lag auf der Couch und hatte viel Zeit zum Nachdenken." Wigbert Schwenke beschloss, vieles in seinem Leben zu ändern. Fortan aß er anders, trank er anders, und er bewegte sich mehr. Heute wiegt er um die 80 Kilo. Das ist zwar ein bisschen über dem Ideal, aber Wigbert Schwenke fühlt sich blendend. Um einen Zentner leichter eben.

Als Kind klapperdürr

Woher kamen die Pfunde? Angeboren? Wohl nicht. Mit 13 war der kleine Wigbert so klapperdürr, dass ihn die Eltern zur Kur schickten. Faulheit war es auch nicht. Er spielte Fußball und Tischtennis, fuhr später mit dem Rad zur Arbeit. Mit Mitte 20 war er zwar kein Hänfling mehr, war aber auch nicht dick. In den 1990ern ging er in die Kommunalpolitik. Es begann ein unregelmäßiges Leben.

"Oft hatte ich für ein Mittag keine Zeit. Es gab einen Riegel. Und dann vielleicht noch einen. Abends habe ich dann richtig zugeschlagen." 2002 kam der Landtag hinzu. Da eine Sitzung, dort ein Gespräch. Und zwischendurch immer Durst. Einen Tonic, eine Bitterlemon, Säfte. "Trinken ist wichtig. Ich dachte, ich lebe gesund." Dass er fast mehr Kalorien trank als er aß, wusste er damals nicht. Der Anzug wurde zu eng. Der Nächstgrößere auch. Und der noch Größere dann auch ... Wigbert Schwenke wuchs bis zur Konfektionsgröße 31.

Heute trägt er 24. Was hat er geändert? "Ich habe jedenfalls keine Diäten gemacht." Er hat sich ein paar Regeln angeeignet, die Erstaunliches brachten, aber einfach klingen:

  • Regel 1: "Ich esse langsamer und höre auf, wenn ich satt bin. Ich hungere nicht, ich esse aber aus Anstand keine Teller mehr leer."
  • Regel 2: "Ich esse kalorienbewusster."
  • Regel 3: "Ich trinke Wasser."
  • Regel 4: "Ich habe Riegel und Kuchen verbannt. Abends knabber ich Gemüse. Manchmal gönne ich mir ein paar Salzbretzeln."
  • Regel 5: "Ich trinke deutlich seltener Alkohol. Ab und an ein Bier. Und Whisky nur zu besonderen Gelegenheiten."


Das war\\\'s. "Es ging erstaunlich schnell und erschreckend einfach", sagt Wigbert Schwenke heute. "Geholfen hat mir vor allem mein Sturkopf." Nach acht Monaten waren 40 Kilo weg und Wigbert Schwenke auf 90 Kilo runter. Dabei gingen auch ein paar Muskeln flöten. "Dann packte mich der Ehrgeiz." Es folgte ein Jahr Fitnessstudio. Trotz Muskelaufbaus purzelten weitere Pfunde. Muskeln fressen Fett. Seit Herbst 2011 wiegt Wigbert Schwenke 80 Kilo. "Ich habe keine Probleme, das Gewicht zu halten." Ohne asketische Strenge. Wenn abends im Garten gegrillt wird, schlägt er zu. "Dann esse ich eben zum Mittag weniger. Es ist egal, wann Du isst. Es ist entscheidend, was Du isst."

Kotelett, Bierchen und viele Pillen

Reinhard Baenke ist Elektromeister und hat in Möckern (Jerichower Land) sein eigenes Geschäft. Als privat Krankenversicherter bekommt er die Arzt- und Medikamentenrechnungen nach Hause geschickt. Alle drei Monate rechnet er die Kosten ab. Früher, also bis 2012, kamen für Tabletten im Quartal fast 300 Euro zusammen. Er nahm Pillen gegen den hohen Blutdruck, ein Mittel gegen das unangenehme Aufstoßen und schließlich auch etwas gegen den zu hohen Cholesterinspiegel im Blut. Die Zuckerwerte waren am Steigen, er stand kurz vor einer Altersdiabetes.

Reinhard Baenke aß gerne und allzu gerne auch viel. Am Wochenende mochte er Kotelett und Gemüse in fein geschwitzter Soße. Wenn mal nur drei Kartoffeln statt ein ganzer Berg vor ihm lagen, beschwerte er sich bei seiner Frau: "Ist das ein Kinderteller?" Brötchen mit viel fetter Wurst schmeckten ihm auch. Und abends das Bierchen und der Verdauungsschnaps.

Reinhard Baenke tankte täglich gut 3000 Kilokalorien und kam mit 56 Jahren auf 112 Kilo Gewicht. Er ist mit 1,86 Metern kein Kleiner, aber die zwei Zentner waren einfach zu viel. "Mein Arzt sagte mir mal: \\\'Herr Baenke, Sie sind adipös.\\\' Ich wusste gar nicht, was er meinte ..." Als auch noch die Zuckerkrankheit anklopfte, riss Reinhard Baenke vor zwei Jahren das Ruder rum. "Ich sagte mir: Du hast über 50 Jahre in Saus und Braus gelebt. Jetzt reicht es."

Der "dicke Elektromeister aus Möckern", wie ihn Bekannte nannten, wollte das viele Fett loswerden. Er war ja mal schlank. Vor 35 Jahren , als er seine Frau 1977 kennenlernte, wog er 78 Kilo; seitdem hatte er jedes Jahr ein Kilo zugelegt.

Ende 2012 las er in der Volksstimme eine kleine Nachricht: Die Magdeburger Uni suchte Probanden für ein neuartiges Abnehmprogramm. Reinhard Baenke meldete sich. Etwa 60 Gleich-Leidende kamen zum ersten Treffen. Reinhard Baenke bekam einen Taschencomputer mit nach Hause, in dem er für die nächsten sechs Monate Tag für Tag eingeben würde, was er aß und wie viel er sich bewegte. Tag eins des neuen Lebens war ein Tag vor seinem Geburtstag und kurz vor Weihnachten. Ein Härtetest. "Ich saß mit der Küchenwaage hier und habe Essen abgewogen." Das war etwas ganz Neues.

Doch es sollte sich noch vieles ändern. Brot und Brötchen gab es fortan nur noch in der Vollkorn-Variante. Kochschinken statt Leberwurst. Wasser statt zuckersüße Säfte oder Bier.

Wochen-Post vom Abnehmtrainer

Gegen kleine Kohldampfattacken halfen Kohlrabi und Mohrrübe. Nun ging er mit der Familie auch mal asiatisch essen, was früher auf strikte Ablehnung stieß. Hühnchen, Fisch, viel Salat. Jeden Morgen drehte er mit seinem Hund eine Sechseinhalb-Kilometer-Runde. Jede Woche bekam er von seinem Abnehmtrainer einen Brief, der die Kalorien- und Kilowerte kommentierte. Mal lobend, mal aufmunternd, auch mal mahnend. "Auf die Post habe ich mich immer gefreut. Die Kontrolle ist gut", sagte Reinhard Baenke. Sie hat auch gewirkt. Im Sommer 2013 zeigte die Waage 83 Kilo. In sechs Monaten war ein halber Zentner weg.

Reinhard Baenke hat den Ernährungsstil aus der Abnehmzeit beibehalten. Er dreht weiter seine Morgenrunde, er fährt viel Rad; er gönnt sich auch wieder mal ein Bierchen. "Aber höchstens zwei in der Woche." Auch fast ein Jahr nach Ende des Programms hält er sein Gewicht. Es schwankt zwischen 84 und 87 Kilo. Angst vorm Wieder-Dickwerden? "Nein. Was ich esse, schmeckt mir. Und wenn´s mal ein paar Pfunde mehr sind, weiß ich, wie ich gegensteuern kann."

Geschmolzen ist auch die vierteljährliche Medikamentenrechnung. Der Blutdruck ist bestens. Alle anderen Werte auch. "Die Tabletten brauche ich alle nicht mehr." Wirklich alle? - "Alle."

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