Braut, Königin, Geliebte, durch Jahrhunderte verehrt wie eine Heilige. Editha ( 910-946 ), Frau von König Otto dem Großen, ist untrennbar mit der Geschichte von Magdeburg und Sachsen-Anhalt verbunden. Die Volksstimme geht in einer großen Serie auf Spurensuche.
Magdeburger Dom, Chorumgang, Januar 1999, es ist kalt. " Mama, wo ist Editha ?" Ein kleines Mädchen, viereinhalb Jahre, steht vor dem Sarkophag der Königin, den die Historiker damals noch Kenotaph nennen, Scheingrab. Der Domführer gibt Auskunft : Editha liege dort nicht begraben. Dabei ist das Grab ihres Gatten, Otto I ., genannt der Große, nicht weit. Und der wollte ausdrücklich neben seiner ersten aus England stammenden Frau bestattet werden.
Das weiß die kleine Hannah nicht. Dennoch ist sie unzufrieden : " Mama, warum ist Editha da nicht drin in dem Sarg ?" Gute Frage, Kind. Hannah legt den Finger an die Nase, lässt sich noch einmal hochheben, wirft einen ernsten Blick auf die lebensgroße steinerne Reliefabbildung der Königin auf dem Sarkophagdeckel, will wieder herunter, zieht die Mutter noch einmal zur Rotunde in der Mitte des Doms. Darin thronen, beleuchtet, die Gründerf guren.
Das Mädchen schaut der Königin prüfend ins Gesicht. " Das ist Editha mit Otto. " Laut Infotafel ist das wenig wahrscheinlich : Es soll sich um eine Darstellung der Ecclesia, also der Kirche, und Christus als König der Könige handeln. Das Rätsel um die Königin Editha bleibt an diesem Wintertag im Dom ungelöst.
Zehn Jahre nach dieser Begegnung mit der Magdeburger Herrscherin hält die so lange verschwundene und 1063 Jahre nach ihrem Tod wie wiedererschienene Königin das Land in Atem. Der spektakuläre Fund ihrer ( mutmaßlichen ) Gebeine in dem Steinsarkophag von 1510, ein Jahrhundert lang für ein Scheingrab gehalten, bewegt nicht nur die Magdeburger. Der Abtransport der im Inneren vorgefundenen Bleikiste und seines kostbaren Inhaltes nach Halle hat gerade in der Landeshauptstadt die Wellen hoch schlagen lassen.
Mysteriös bleibt einiges : Wurde das Grab nach dem Zweiten Weltkrieg von den Besatzungsmächten bereits geöffnet, wie es ein anonymer Mailschreiber mit dem Pseudonym Harald Schmitler der Volksstimme versicherte ? Hat gar jemand, wie gleichfalls behauptet, in den 1970 er Jahren einen ( verbotenen ) Blick unter den Sargdeckel geworfen ? In der Tat : Die Bleikiste ist stark ramponiert. Beschädigungen könnten auch aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges stammen, als Magdeburg, die Stadt, die Otto I. seiner ersten Gemahlin am Tag nach der Hochzeit als Morgengabe geschenkt hatte, dem Erdboden gleichgemacht wurde. Kursiert doch noch ein Ring, ein Haarreif ? Oder wird uns gar die Krone der Editha mit einer Exklusivstory als nächste Sensation präsentiert ?
Welche Rolle hat diese Frau gespielt ?
Wer ist, wer war diese Frau, die 1100 Jahre nach ihrer Geburt nicht nur die Fachwelt beschäftigt und von der wir kaum etwas wissen ? Welche Rolle hat sie gespielt für die Konsolidierung der Herrschaft ihres Mannes gerade in den unruhigen und gefährlichen Anfangsjahren ?
Die Geschichtsschreiber haben sich für Editha bisher nicht sonderlich interessiert. Reihenweise füllen Publikationen über ihren Ehemann, den zweiten Sachsen auf dem ostfränkischen Königsthron, unter dessen Vorherrschaft sich allmählich die Grundlagen des späteren Deutschlands herausbildeten, die Bücherregale. In der Schule wird gebüffelt : Otto gleich Begründer des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Seine Mutter Mathilde, seine spätere Ehefrau Adelheid und die Schwiegertochter Theophanu sind in den vergangenen Jahren stärker in den Mittelpunkt gerückt. Editha aber blieb im Hintergrund. Eine Broschüre über die Königin gibt es nicht.
Dennoch : Die Magdeburger haben ihre Königin nie vergessen. Nach einigen zeitgeschichtlichen Brüchen sind Otto und Editha, das hier verwurzelte Herrscherpaar des Mittelalters, im kollektiven Gedächtnis der Stadt wieder höchst lebendig. Mit " Entzücken " hat man viele hundert Jahre nach deren Tod " von dem großen Otto " und " seiner hochseligen Gemahlin " gesprochen, berichten die Stadtgeschichten und Legenden Magdeburgs. 1817 werden ausführliche Beschreibungen der feierlichen Umbettung Edithas und Ottos im Jahr 1510 veröffentlicht. Die farbenreich beleuchtete Prozession wird als gesellschaftliches Ereignis höchsten Ranges geschildert. Zwei eigenständige Züge habe es gegeben : Dem Sarg Ottos folgten Erzbischof, Burggraf und Domprobst. Dem Sarg der Königin der päpstliche Legat und der kaiserliche Botschafter, sowie die Prominenz der Stadt inklusive Zünfte und Handwerker. Die ganze Stadt war auf den Beinen.
Nebenbei erschließt sich beim Lesen des Textes, dass man offenbar bereits 1817 und früher davon ausgegangen sein muss, dass der ursprüngliche, ottonische Dom tatsächlich neben dem heutigen Dom stand. Das wurde in unserer Zeit erst durch die jüngsten Grabungen auf dem Domplatz ab 2001 als " neu " wiederentdeckt.
Beim Thema Editha bekommt heutzutage auch der Kultusminister leuchtende Augen : " Eine Frau mit Charisma ", so Jan-Hendrik Olbertz. Die gleiche Begeisterung herrscht vor bei Politikerkollegen, Professoren, eigentlich bei allen, die man fragt. Zum Beispiel diejenigen Magdeburger, Wanzleber, Wolmirstedter und andere, die auch heftiger Regen und Kälte nicht davon abhalten können, an der sonntäglichen Editha-F ührung in der Landeshauptstadt noch in der Wintersaison teilzunehmen.
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