Die Überfahrt übers Meer war wie das Reisen überhaupt im 10. Jahrhundert nicht ungefährlich. Überfälle konnten nie ausgeschlossen werden. Den Naturgewalten war der Mensch im Mittelalter ohnehin unmittelbarer ausgeliefert. Das Schiff mit den beiden Prinzessinnen aus Südengland soll auf dem Kanal in einen heftigen Sturm geraten sein, der die gesamte Flotte zu vernichten drohte. Allein das Gottvertrauen Edithas, ihr Gebet habe schließlich die himmlischen Mächte besänftigt und alle Reisenden vor dem sicheren Tod bewahrt. So berichtet es der Roman "Otto und Editha" von 1887 unter Rückgriff auf ältere Legenden. Schon die junge Editha wird hier als spirituell-religiöse Erscheinung vorgestellt, eine Auserwählte.

Hat Otto seine künftige Gattin in Köln abgeholt? Oder hat der Königssohn, der gerade erst Vater eines unehelichen Sohnes geworden war, die Prinzessin noch länger auf die Folter gespannt und ist ihr erst in einer der Pfalzen seines Vaters begegnet? Aus einem Verhältnis Ottos mit einer vornehmen Slawin war im Jahr vor der Hochzeit mit Editha Wilhelm, der spätere Erzbischof von Mainz, hervorgegangen. Manche vermuten: Ein weiterer Grund für Papa Heinrich, die Hochzeit des Sohnes mit einer standesgemäßen Frau zu forcieren, die auch politisch ins expansive Konzept passte.

Wie haben die Kölner die künftige Königin empfangen? Standen Sie am Rheinufer Spalier und jubelten ihr zu oder reiste die Prinzessin aus Übersee in geheimer Mission? Empf ng sie der Erzbischof von Köln, damals Wichfried? Wie sah der Willkommensgruß der Ostfranken an ihre Königin in spe ansonsten aus? Die Quellen schweigen sich aus. Wollte man die Ankunft nicht an die große Glocke hängen? Dabei war die Hochzeit ein gesellschaftliches Großereignis sondergleichen.

Einige Historiker gehen davon aus, dass Ottos Vater Heinrich I. die Vermählung seines Sohnes mit der englischen Prinzessin nutzte, um in der Nachfolge Markierungen zu setzen: Entgegen bisher gültigem Recht ließ Heinrich seinen Ältesten als einzigen Thronfolger bereits vorab installieren. Dies ist die berühmte "Hausordnung" Heinrichs vom 16. September 929, in deren Umfeld die Hochzeit Ottos und Edithas stattgefunden haben soll. Alles nur PR? "Ich glaube schon, dass Otto seine Editha in Köln selbst in Empfang genommen hat", sagt Gerlinde Schlenker, Historikerin aus Halle, die seit 1990 die Ottoninnen erforscht.

Im Roman "Otto und Editha" wird die erste Begegnung in die Kaiserpfalz Goslar verlegt. Hier überrascht Otto seine künftige Gattin inkognito: Er bricht als einfacher Waidmann aus dem dichten Unterholz hervor und simuliert eine Jagd, um die fremde Prinzessin jenseits des königlichen Protokolls schon einmal vorab in Augenschein zu nehmen.

So ähnlich soll sein Vater Heinrich tatsächlich vorgegangen sein: Er besuchte unerkannt die junge sächsische Adlige Mathilde, die seit ihrem sechsten Lebensjahr im Kloster Herford erzogen und ihm als Gemahlin empfohlen worden war. Als ihm das junge Mädchen gef el, nahm er es gleich mit auf sein Pferd und führte es heim. Zwischen Otto und Editha ist es laut Roman nichts weniger als Liebe auf den ersten Blick und Otto kann seiner künftigen Braut natürlich nicht länger etwas vorspielen.

Er gibt sich ihr zu erkennen. Bei ihr hat es auch gefunkt: Sie errötet. Später soll Otto sogar um das Einverständnis seiner ausersehenen Braut in die Hochzeit geworben und ihr einen regelrechten Antrag gemacht haben: Er werde sie nur zur Frau nehmen, wenn sie ihn aus freien Stücken ebenfalls zum Mann begehre.

Das ist in höchstem Maß romantisch und edel gedacht, idealisiert im Stil des 19. Jahrhunderts eben. Doch das Motiv von der großen Liebe zwischen Editha und Otto hält sich hartnäckig bis heute. Selbst Wissenschaftler zweifeln nicht daran. "Es geschah etwas, was nicht vorgesehen war in den königlichen Plänen der Häuser Sachsen und Wessex", sagt schwärmerisch Landesarchäologe Harald Meller, "Otto verliebte sich in Editha."

Sie sich in ihn? Keine Frage. Jedenfalls ist es laut Quellen kein Thema, dass Editha die künftige Königin wird. Die mitgeschickte kleine Schwester hat keine Chance. "Schon auf den ersten Blick bezauberte Edith alle mit Recht durch ihre vollkommene Güte; einmütig ward sie würdig des Königs Sprossen erachtet", schreibt Hrotsvith von Gandersheim.

Wie können wir uns Editha als junges Mädchen vorstellen? Wie sah sie aus? Bilder aus ihrer Zeit gibt es nicht. Wenn, wären sie stilisiert. Die wenigen vorhandenen Abbildungen auch aus späterer Zeit zeigen stets bereits die Königin, eine reife Frau. Lange Haare wird sie, als sie im sächsischen Reich ankam, sicher gehabt haben, die sie als Jungfrau noch offen oder in Zöpfen tragen durfte.

War sie tatsächlich blond? Das 19. Jahrhundert konnte es sich nicht anders vorstellen. Eine mittelalterliche Sissi? Die Kleidung soll im 10. Jahrhundert noch weniger raff niert gewesen sein als später, wie wir aus den Sonntagspredigten der Priester wissen, die gern über die Mode schimpften. Der Schnitt der Gewänder wird als einfach beschrieben. Doch purpurne oder scharlachrote Stoffe, golddurchwirkt und mit Bändern verziert und Edelsteinen besetzt, gab es bereits nur für Königinnen. Ebenso fein gearbeiteten Goldund Silberschmuck, Gehänge, Schnallen, Armspangen, Ketten. Nicht zu vergessen den Kopfschmuck.

Zum Mythos Editha trug bereits die Kanonisse Hrotsvit von Gandersheim bei, als sie schrieb: "Ihre adligen Züge erstrahlten in herrlicher Schönheit, ihre vornehme Herkunft gar wunderbar spiegelnd." Die äußere Schönheit allein reicht nicht aus: "Dank ihres vollkomm’nen Wesens und Wandels ward sie im eigenen Land so gepriesen, dass nach dem einmüt’gen Urteil des Volkes sie als Herrlichste galt unter sämtlichen Frauen." Klar, die Frau des Königs muss die Schönste und Beste im Land sein. Hrotsvit wollte schließlich mit ihrem Werk die königlichkaiserliche Familie im Interesse des Stiftes Gandersheim gewogen stimmen.

Und doch: Editha muss mit ihrer Persönlichkeit die Menschen damals tatsächlich beeindruckt und befügelt haben. "Sie hat fasziniert", ist Professor Matthias Puhle vom Kulturhistorischen Museum Magdeburg sicher. "Sonst wären auch die wunderbaren Legenden um ihre Person nicht zu erklären", meint Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz. Olbertz Frau, eine gebürtige Magdeburgerin, liefert selbst eine Kindheitserinnerung, die die Anziehungskraft der Königin bis in unsere Zeit verdeutlicht: Als achtjähriges Mädchen erlebte sie eine Domführung. Am Sarkophag der Editha, dem vermeintlichen Scheingrab, hat sich ihr das Bild der vom Domführer erwähnten Königinnen Editha und Adelheid so eingebrannt, dass sie, wieder zu Hause, mit ihren beiden Schwestern in Bettlaken gehüllt lange nur noch Editha und Adelheid spielte.

Was für ein Gesicht hat Editha für diejenigen, die seit Jahren an ihr forschen? "Ich sehe sie als eine warme, herzliche Frau, weich", sagt Gerlinde Schlenker von der Martin-Luther-Universität Halle. Anders als Adelheid. Die habe "Zähne gezeigt". Editha ist bis heute eine ideale Projektionsfäche und befördert doch gerade deshalb die Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart.

Man spricht plötzlich über Identität für Magdeburg, aber nicht nur für die Landeshauptstadt, über weibliche Seele, die Existenz einer bislang unsichtbaren Politik hinter all den Kriegen und brutalen Kämpfen, über Netzwerke und Kommunikation. Wenn man die Wissenschaftler ernst nimmt, ist die Königin die andere Seite des durch den König repräsentierten Machtgefüges. Sein weibliches Alter Ego. Nicht identisch, aber gleichwertig. Wie wichtig war Editha für den Erfolg ihres Mannes? Das lässt sich, das schätzen die Wissenschaftler in seltener Einigkeit ein, kaum über-, nur unterschätzen. Geschichte ist eben doch mehr als eine Abfolge von Kämpfen und Kriegen. Zum Glück!

Sicher ist, dass eine Prinzessin und spätere Königin im 10. Jahrhundert ganz schön robust sein musste. Der König regierte bekanntlich vom Sattel aus, war ständig unterwegs zwischen Rhein, Donau, Elbe und darüber hinaus, bewältigte gigantische Strecken, hielt in friedlichen Zeiten Versammlungen und Reichstage ab, sprach Recht, ordnete das Reich, kämpfte gegen innere und äußere Feinde.

Die Königin, seine Gefährtin und "consors regni", die Teilhaberin an Macht und Königtum, war stets an seiner Seite. "Editha dürfen wir uns ebenfalls zumeist im Sattel vorstellen", meint der Historiker Caspar Ehlers. Zumindest wenn sie nicht gerade hochschwanger gewesen sei oder sich unmittelbar nach einer Geburt befunden habe. "Manchmal wird sie auch im Planwagen unterwegs gewesen sein", schränkt Ehlers Kollegin Schlenker ein. Gefahren drohten im Kriegsfall auch der Königin. Gerade, weil sie nach dem König die wichtigste Person war. Zu zimperlich sollte man sich also Editha nicht vorstellen.

Wie sah nun der junge Otto aus? Stattlich und groß, wie ihn die Herren Geschichtsschreiber gern beschreiben? Vom "gewaltigen Körperbau, der die ganze königliche Würde zeigte", spricht Widukind von Corvey: "Die Augen funkelnd und gleißend wie ein Blitz, der plötzlich aufeuchtet, das Gesicht rötlich und der Bart reichlich niederwallend, und zwar entgegen dem alten Brauch." Dann geht es weiter: "Die Brust war wie mit einer Löwenmähne bedeckt, der Bauch nicht zu dick, der Schritt früher schnell, jetzt gemessen."

Was wäre sonst noch über Otto zu sagen? Dass er Jagd und Brettspiel liebte und sich "mit königlichem Ernst" bisweilen im Reiterspiel übte. Jedenfalls muss Otto, dafür spricht sein machtbewusstes Handeln, sofort nach Herrschaftsantritt, sich seines gesellschaftlichen, in seinen Augen göttlichen Auftrags bewusst gewesen sein. Und mag Otto eventuell körperlich kleiner gewesen sein, als ihn die Quellen später gemacht haben, ein beeindruckender und dynamischer Mann war er gewiss.

Zudem einer, dem sogar die ansonsten vorzugsweise auf die Kämpfe der Männerwelt fixierten Chronisten bescheinigen, dass er Frauen geachtet hat und ihm das Urteil seiner Gattinnen höchst wertvoll war. Bei seinen Eltern Heinrich und Mathilde hatte er männlich-weibliches Zusammenspiel in Regierungsangelegenheiten bereits seit früher Kindheit erleben können.

Überhaupt ist anzunehmen, dass zum Hochzeitstermin – egal ob in Köln, Mainz, Goslar oder Quedlinburg – zwei äußerst selbstbewusste junge Leute aufeinandertrafen. Keine schlechte Voraussetzung für eine glückliche Partnerschaft.

Dass Editha durchaus "Manns" besser "Frau" genug war, ihrem gestrengen Gatten ein Gegenüber zu bieten, lässt sich zumindest aus den Legenden herauslesen. Dort wird Editha als eine Frau beschrieben, die sich für Menschlichkeit und Versöhnung einsetzte und dabei durchaus einen eigenen Kopf hatte. Nichts spricht dagegen, aber vieles dafür, davon auszugehen, dass beide sich ebenbürtig waren. Auge in Auge einer anspruchsvollen Aufgabe gegenüber.

Dass es auch die starke Persönlichkeit seiner künftigen Frau gewesen sein muss, die Otto reizte und schätzte, zeigt, dass er – entgegen männlicher Vorlieben in diesen und späteren Jahrhunderten – nicht die jüngere (noch formbare) Schwester Edithas vorzog, sondern die Frau, die eventuell sogar ein paar Jahre älter gewesen sein mag als er selbst. Zwischen 905 und 910 schätzt man das Geburtsjahr der englischen Prinzessin. Otto selbst ist am 23. November 912 geboren. Später wird behauptet, sie seien bei ihrer Hochzeit 929 beide 17 gewesen.