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Ein Bleisärgchen stand gestern in Halle im Medieninteresse. Denn in ihm ruhen mit großer Wahrscheinlichkeit die sterblichen Überreste der Königin Editha. Die lateinische Inschrift auf dem Sargdeckel sagt dies eindeutig. Mysteriös: Es gibt Beschädigungen am Bleisarg, die nicht alt sind. War das Scheingrab im Dom vielleicht doch in jüngerer Zeit schon einmal geöffnet worden?

Halle/Magdeburg. Bis auf den letzten Platz war der Presseraum im Landesamt für Archäologie und Vorgeschichte gestern besetzt. Fünf TV-Teams hatten den Raum verkabelt, im Hof hatte der MDR einen Übertragungswagen zur Liveberichterstattung platziert. Bereits vor Beginn der Pressekonferenz war das " Objekt der Begierde " von Fotografen dicht umlagert.

Um den Inhalt zu schützen, wurde unter dem Deckel eine durchsichtigen Plexiglasplatte angebracht. Die Daten der " Kiste ": 77 Zentimeter lang, 17 Zentimeter hoch, 21 Zentimeter breit und 40 Kilogramm schwer. Rainer Kuhn, Ausgrabungsleiter im Magdeburger Dom, zeigte mit weißen Handschuhen immer wieder auf den Deckel mit der Inschrift und lächelte pflichtbewusst in die Kameras.

Aus einer politischen Ehe wurde Liebe

Was war das für eine Frau, die hier für so viel Wirbel sorgt? 910 wurde Editha als Tochter Eduards des Älteren von Wessex in England geboren. Sie war die erste Ehefrau des Ostfranken-Königs Ottos I ., der im Jahr 962 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches wurde. Ursprünglich war die Ehe aus politischen Gründen geschlossen worden, aber das Paar soll sich später sehr geliebt haben. Zwei Kinder schenkte sie ihrem König: Sohn Liudolf und Tochter Liutgard. Otto übergab Editha als sogenannte Morgengabe im Jahr 929 den Ort Magdeburg. Sie starb – vermutlich unerwartet – am 29. Januar 946 im Alter von nur 36 Jahren in Magdeburg.

Um zehn Uhr eröffnete Landesarchäologe Harald Meller die Pressekonferenz. " Die Forschungsgrabungen in den Jahren 2002 und 2003 am Magdeburger Domplatz warfen viele Fragen auf zur ottonisch-romanischen Doppelkirchenanlage. Die aktuellen Grabungen im Inneren des gotischen Domes sollen uns bei der Beantwortung dieser Fragen helfen ", erzählte er. Im Chorumgang des Doms steht das sogenannte Kenotaph ( Scheingrab ) der Königin Editha. Es wurde 1510 unter Erzbischof Ernst von Sachsen errichtet und ist aus gelbem Sandstein gefertigt. Unter dem Kenotaph fanden die Archäologen nun einen älteren Unterbau, der aber bereits zum heutigen Dom gehört.

Zur Untersuchung der älteren Fundamente sollte das Editha-Kenotaph verschoben werden. Bevor das schwere Gebilde verrückt wurde, sollte mit einer Kamerabefahrung das Innere in Augenschein genommen werden, um Schäden zu vermeiden. Bei dieser Inaugenscheinnahme stießen die Archäologen auf den kleinen Bleisarg. Meller: " Das vermeintliche Scheingrab war gar keines, sondern ein echtes Grab. "

Die Archäologen fassten den Beschluss, die etwa 1,6 Tonnen schwere Deckelplatte des Kenotaphs zu heben. Nach Abnahme des Deckels zeigte sich der kleine Sarg. Auf der Oberseite des Bleisarges war unter Staub eine Inschrift zu entziffern. " Noch vor Ort haben wir eine erste Übersetzung dieser Inschrift angefertigt ", berichtete gestern der Grabungsleiter Rainer Kuhn. Spätestens da ist den Wissenschaftlern wohl das Blut in den Adern gefroren. " Die geborgenen Reste der Königin Edith " seien hier 1510 nach zweimaliger Umbettung abgelegt worden.

Die Sicherung des Bleisargs erfolgte sofort – nach Halle. Rainer Kuhn erlaubte sich bei der Pressekonferenz einen kleinen Spaß. Er warf eine Aufnahme an die Wand, die zeigte, wie er mit Kollegen den Bleisarg " bei Tageslicht und nicht bei Nacht und Nebel " – so merkte er amüsiert an – aus dem Dom trug. Gelächter!

In Halle wurde der Inhalt des alten Behältnisses bislang mit Rücksicht auf das Alter der darin bef ndlichen Textilien nicht weiter ausgepackt. Eine Untersuchung in der Radiologie des Hallenser Universitätsklinikums zeigt erste Umrisse von Knochen. Drei Langknochen und ein Unterkiefer sind sichtbar. Unterhalb des grau-weißen Tuches, welches die Knochen abdeckt, kommt an einer Ecke ein roter Tuchzipfel zum Vorschein. Harald Meller: " Es könnten sich also gefärbte Stoffe älteren Datums in dem Bleisarg befnden. Farblich behandelte Stoffe erzählen uns dank verschiedener Analyseverfahren sehr viel über ihre Entstehungsgeschichte. "

Welches Wasser hat sie getrunken?

Meller setzt auch große Hoffnung in die Untersuchung des Knochenmaterials. " Wir können möglicherweise nachweisen, wie alt die Frau ist, welches Wasser sie in ihrer Jugend und später getrunken hat und welche Ernährungsgewohnheiten sie hatte ", so Meller. Editha, die aus England nach Mitteldeutschland gekommen war, hat in zwei Regionen Europas viele Jahre ihres Lebens verbracht. Dies habe Spuren in den Knochen hinterlassen. So ließe sich, glaubt der Landesarchäologe, sehr genau klären, ob in dem Bleisarg tatsächlich die Gebeine Edithas gefunden wurden.

" Mystisch " – so nannten die Archäologen des Landesamtes seltsame Spuren, die auf dem Sargdeckel sichtbar sind. " Da sind Kratz- und Wischspuren im Blei, die in jedem Fall jüngeren Datums sind, so der Chemiker Heinrich Wunderlich, der bei der Hebung des Fundes dabei war. Und geheimnisvolle Beulen: " Das schaut aus, als habe jemand mit dem Hammer drauf geschlagen. Das ist insofern ungewöhnlich, da das Kenotaph verschlossen und unbeschädigt war. " Wer gibt sich die Mühe, öffnet vorsichtig einen 1,6 Tonnen schweren Deckel, um dann anschließend den Bleisarg mit einem Hammer zu malträtieren, fragte sich der Landesarchäologe? Meller ist sich in jedem Fall sicher: " Diese äußeren Einwirkungen müssen in den vergangenen 500 Jahren passiert sein. "

Bislang gibt es für diese " mystischen " Beschädigungen keine Erklärung. Aber vielleicht findet sich ja noch eine.