Koblenz (dpa). Es war ein abgeschottetes Familiensystem, vom Vater mit Prügel, sexueller Gewalt und Psychoterror kontrolliert. So beschreiben zwei 29 und 32 Jahre alte Stiefsöhne im Koblenzer Prozess um hundertfachen Kindesmissbrauch ihr ehemaliges Zuhause. Der 29-Jährige berichtet gestern vor dem Landgericht, etwa im Alter von elf Jahren ebenfalls vom Angeklagten missbraucht worden zu sein.

Nach der Zeugenaussage seiner leiblichen Tochter am Mittwoch habe sich der 48 Jahre alte Angeklagte aus Fluterschen im Westerwald entschlossen, nun doch mit dem Gutachter zu sprechen, wie sein Verteidiger gestern sagte.

Im Laufe des Verfahrens hätten sich Hinweise "ergeben, dass eine psychische Krankheit vorliegen könnte", sagt der Verteidiger. Es gehe nicht um die Schuldfähigkeit seines Mandanten – sondern um eine mögliche Unterbringung in der Psychiatrie. Für die Anwältinnen der Töchter, die die Nebenklage vertreten, ist die Begutachtung dagegen "eine weitere Strategie des Verfahrens".

Beide Stiefsöhne berichten von Gewaltausbrüchen des Vaters, denen die Stiefkinder anders als die leiblichen Kinder ausgesetzt gewesen seien. "Meine Mutter wurde verprügelt. Ich wurde so verprügelt, dass mein ganzes Gesicht angeschwollen ist", erzählt der 32-Jährige. Die Stiefkinder hätten sich splitterfasernackt vor dem Vater aufstellen müssen und seien verdroschen worden.

Warum sich die Familie nicht gegen den Vater verbündet habe, begründete der 32-jährige Stiefsohn auf Nachfrage mit inneren Zwängen. Selbst ungestörte Unterhaltungen mit der Mutter seien vom Vater unterbunden worden. Zahlreiche Schränke, Kisten und selbst das Tiefkühlfach waren mit Vorhängeschlössern gesichert, vermutlich hat der Angeklagte auch jede Menge Post an seine Kinder weggeschlossen.