Dieser Grand Prix wird wohl noch lange in Erinnerung bleiben: Ein Land aus Vorderasien erobert verdient die europäische Musikkrone, die altehrwürdige ARD liefert eine bombastische Show ab, und Lena steigt mit Platz zehn erhobenen Hauptes vom Eurovisions-Thron.

Düsseldorf (dpa). Es war ein großer Grand-Prix-Abend mit vielen Siegern: Aserbaidschan gewinnt erstmals den Eurovision Song Contest, die ARD holt eine Top-Quote mit einer Super-Show, Anke Engelke ist der TV-Star des Kontinents und Stefan Raab hat wieder mal fast alles richtig gemacht. Selbst Vorjahressiegerin Lena scheint nach ihrem zehnten Platz zufrieden, sogar ehrlich erleichtert: "Ich fühl mich wie auf Wolke 2000. Von mir fällt ein Riesenstein", sagte sie nach der dreistündigen Show am Sonnabend in Düsseldorf. Fazit: Mission Titelverteidigung missglückt, aber Deutschland gut vertreten.

120 Millionen Zuschauer

13,83 Millionen Zuschauer sahen hierzulande den Überraschungserfolg des aserbaidschanischen Duos Ell und Nikki im Ersten Programm – das war fast jeder zweite Fernsehzuschauer am Sonnabend. Geschätzte 120 Millionen in ganz Europa und 36000 frenetische Fans in der Düsseldorfer Arena erlebten eine der besten Grand-Prix-Shows in der 55-jährigen Geschichte des Wettbewerbs: Eine fantastische Bühne, ein vor Farbbrillanz sprühender Riesenscreen von 60 mal 18 Metern und viele musikalisch wie optisch gelungene Beiträge aus 25 Ländern – auch nicht unbedingt ESC-typisch.

Rund zwölf Millionen Euro hat das Spektakel die deutschen Gebührenzahler gekostet – nicht gerade wenig, doch das war der erste Grand Prix auf deutschem Boden seit 28 Jahren der ARD wohl wert.

TV-Tausendsassa Stefan Raab hat der ARD (und dem federführenden NDR) den Spaß am Grand Prix zurückgebracht. Nach miserablen Ergebnissen hob er im vergangenen Jahr die Castingshow "Unser Star für Oslo" aus der Taufe – und löste eine ungekannte Euphorie für diesen oft als Gaga-Wettbewerb verspotteten ESC aus. Seine einsam-sturköpfige Entscheidung zur Mission Titelverteidigung verursachte zwar Stirnrunzeln, doch am Ende: cooler Song, guter Lena-Auftritt, Respekt und Platz zehn – alles gut. Die bombastisch knallige Show trug eindeutig Raabs Handschrift, der hinter den Kulissen ordentlich mitmischte. Sein Auftritt mit einer Rock-Version von Lenas 2010er Siegertitel "Satellite": ein Kracher. Nur die Moderation hätte er sich wohl sparen sollen.

Die machte dafür umso perfekter Anke Engelke. Die Komikerin brillierte in Englisch und Französisch, versprühte Charme und Witz und empfahl sich für höhere Aufgaben. "Tagesschau"-Sprecherin Judith Rakers überraschte ebenfalls positiv als Gala-Diva in silbrig-glänzenden Outfits.

Termin für 2012 steht

Ell & Nikki glänzten hingegen ganz in Weiß und im Duett. Ihre schmachtende, einschmeichelnde Pop-Ballade "Running Scared" ist zwar nicht die Neuerfindung des Pop, erwärmte aber die Herzen der Europäer. 32 der 42 Konkurrenten gaben den Aserbaidschanern Punkte – überwältigend für das Paar, das erst vor drei Monaten als Gesangsduo zusammenkam. Das kleine vorderasiatische Land mit seinen gut neun Millionen Einwohnern freut sich nun kollektiv auf den ESC 2011. Das Finale soll am 26. Mai 2012 in der Hauptstadt Baku am Kaspischen Meer über die Bühne gehen.

Wen Deutschland ins gut 3000 Kilometer entfernte Baku schickt und vor allem nach welchem Verfahren, ist noch völlig offen: Gibt es eine Castingshow-Neuauflage "Unser Star für Baku"? Bekommt Raab wieder die Rolle als Produzent, Jury-Präsident, Mentor und Übervater? Alles kann, nichts muss, heißt es dazu derzeit. Zwar wollen alle Seiten, dass es weitergeht, aber zu welchen Bedingungen? Die kommenden Wochen versprechen spannende Verhandlungen.

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