Während die Schulkinder in Sachsen-Anhalt dem Ferienbeginn am kommenden Donnerstag entgegenfiebern, freuen sich die künftigen Abc- Schützen auf ihren ersten Schultag. Noel Schulz aus Kusey gehört zu ihnen. Seinen Schulranzen hat er schon getestet, die Schultüte ist schon ausgesucht, aber natürlich noch leer... Ein bisschen muss sich der Junge noch gedulden. Dabei sah es zunächst gar nicht nach einem pünktlichen Schulstart für den Jungen aus.

Noel kam als Frühchen zur Welt und brauchte immer wieder zusätzliche Förderung. Bei der Vorschuluntersuchung wurde den Eltern empfohlen, einen Antrag auf Verschiebung der Einschulung zu stellen.

Im vergangenen Dezember folgte eine weitere Untersuchung im Schulamt Salzwedel mit gleichem Ergebnis. Seitdem besucht der Junge eine spezielle Frühförderung in Gardelegen.

Der Antrag der Eltern auf Verschiebung der Einschulung ihres Sohnes wurde jedoch abgelehnt mit einer – wie die Mutter uns schrieb – Standardbegründung, ohne dass auf die eingereichten Unterlagen eingegangen wurde.

Die Eltern wollten ihren Noel vor Überforderung und Misserfolgen schützen. "Von Dezember bis Mai hatten wir nichts gehört vom Schulamt. Uns lief die Zeit davon. Wir fühlten uns ziemlich alleingelassen", beschrieb Martina Schulz ihre komplizierte Lage und bat uns um Hilfe.

Beim Landesverwaltungsamt wurden auf unsere Nachfrage hin Aufklärungsbedarf und Kommunikationsprobleme eingeräumt. "Unser Ziel ist, möglichst alle Kinder einzuschulen. Seit der flexiblen Schuleingangsphase gibt es dafür auch vielfältige Möglichkeiten", so Klaus-Hartwig Röhl, schulfachlicher Referent im Bereich Grundschulen. Allerdings lassen sich Entwicklungsprobleme natürlich nicht per Gesetz vermeiden. "Bei den in diesem Jahr in Sachsen-Anhalt 16 520 einzuschulenden Mädchen und Jungen gab es 365 Anträge auf Verschiebung der Einschulung, das sind 2,2 Prozent der Sechsjährigen. In 81 Prozent dieser Fälle wurde der Verschiebung zugestimmt. Allerdings mit konkreten Förderauflagen, damit das Kind nicht im Jahr darauf nur zwölf Monate älter geworden ist, sondern dazwischen auch spezielle Unterstützung bekommt", nennt Klaus-Hartwig Röhl die Fakten.

"Niemand kann ganz genau sagen, wie sich ein Kind entwickeln wird. Aber die Möglichkeiten zur individuellen Förderung in der Grundschule sind durch die flexible Eingangsphase erheblich gewachsen", erklärt die schulfachliche Referentin Andrea Ackermann. "Die Angebote im Unterricht werden individuell dem Leistungsniveau jedes Kindes angepasst. Statt Klassen gibt es Lerngruppen, die effiziente Förderung ermöglichen. Wem das Lernen leichtfällt, der kann zum Beispiel in Lerngruppen mit Schülern des zweiten "Schulbesuchsjahres" gemeinsam Aufgaben lösen. Wer mehr Zeit für den Stoff braucht, bekommt sie. Durch die Zeitspanne der Eingangsphase bis zum Ende des dritten Schuljahres kann dem unterschiedlichen Tempo der einzelnen Schüler beim Lernen Rechnung getragen werden.

Am Ende des ersten Jahres gibt es auch kein Versetzungsvermerk, sodass niemand fürchten muss, sitzenzubleiben. "Es können auch Integrationshelfer eingesetzt und zusätzliche Hilfsmittel beantragt werden", nennt Andrea Ackermann weitere Beispiele und fügt hinzu: "Entscheidend ist vor allem, den Förderbedarf schon frühzeitig zu erkennen. Deshalb gehen die Grundschullehrer in die Kindereinrichtungen, machen sich ein Bild, welche Unterstützung der künftige ABC-Schütze brauchen wird, und sie suchen den Kontakt zu den Eltern."

Die Information der Eltern ist zu verbessern, darin sind sich die Mitarbeiter im Grundschulbereich einig, nur so können Missverständnisse vermieden und Ängste abgebaut werden.

Noel Schulz war vor wenigen Tagen beim Schulpsychologen. Vom Ergebnis waren seine Eltern sehr überrascht. Der Förderkurs seit einem halben Jahr zeigt Wirkung. Das Leistungsvermögen des Jungen ist spürbar gewachsen. Inzwischen sind auch die Eltern davon überzeugt, dass die Einschulung nicht verschoben werden muss. Unterstützung wurde den Eltern zugesagt vom Amt, von der Schule. "Wir haben jetzt gespürt, wir stehen nicht allein da. Und das ist ein gutes Gefühl", so Martina Schulz.