Auf der Volksstimme-Ratgeberseite vom 9. September wurde über die Cochlea Implantation zur Behandlung von Gehörschäden bei Kindern berichtet. Gibt es eine Alternative zu dieser Methode ? Es antwortet Dr. Wilma Vorwerk, Oberärztin der Uniklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde Magdeburg.

Bei Geburt verfügt der Säugling über ein vollständiges Hörorgan. Um jedoch zu Hören, Sprache zu verstehen und selbst sprachliche Kompetenz zu entwickeln, muss die Hörbahn einen Reifungsprozess durchlaufen, der nur durch eine akustische Stimulation möglich ist. Bei Defekten der Hörschnecke kann diese Stimulation nicht erfolgen, und die Voraussetzungen für eine ungestörte sprachliche, intellektuelle, soziale und emotionale Entwicklung sind nicht mehr gegeben.

Durch die zeitige Diagnostik und Rehabilitation kann einem schwerhörigen Kind jedoch eine nahezu normale Entwicklung ermöglicht werden. Erwachsenen, die später ertaubt sind, bietet das Cochlea Implantat ( CI ) die Reintegration in ihr soziales und berufl iches Umfeld.

Bevor die Indikation zu einer Operation gestellt wird, müssen allerdings einige Grundlagen erfüllt sein. In der Tat ist das CI nicht für jeden Patienten die optimale Therapie.

Erstens müssen anatomisch weitgehend regelrecht ausgebildete Hörschnecken und ein funktionierender Hörnerv nachweisbar sein. Bei schweren Fehlbildungen in diesem Bereich ist die Implantation eines CI nicht möglich. In diesem Fall kommt eine Hirnstammimplantation in Frage, die ebenfalls eine Hörverbesserung zum Ziel hat.

Desweiteren muss das Kind rehabilitationsfähig sein. Schwere geistige Behinderungen, autoaggressive Verhaltensweisen oder schwere Allgemeinerkrankungen sprechen oftmals gegen eine CI-Versorgung.

Bei Mehrfachbehinderungen sollte daher immer eine kollektive Entscheidung mit Psychologen, Kinderneurologen, Pädiatern und Frühförderern getroffen werden.

Jugendliche und Erwachsene, die seit der Geburt ertaubt sind, kaum verbal kommunizieren und im gehörlosen Umfeld leben, werden auch nur in Einzelfällen von einem CI profi tieren.

In diesen Fällen ist das Erlernen einer Gebärdensprache unverzichtbar. Der Mensch ist ein soziales Wesen, welches mit seiner Umwelt kommunizieren möchte und muss. Wir wollen unsere Wünsche und Meinungen äußern. Unser Hauptkommunikationsmittel ist die Sprache. Ist ein Kind jedoch nicht in der Lage diese zu erlernen ( was nicht nur auf ein eingeschränktes Hörvermögen zurückzuführen ist ), müssen ihm Alternativen angeboten werden. Eine Alternative kann die Gebärdensprache sein. Ist ein Kind aufgrund motorischer und mentaler Einschränkungen auch nicht in der Lage Gebärden zu erlernen, können verschiedene Möglichkeiten der Unterstützten Kommunikation genutzt werden.

Bei normaler körperlicher und geistiger Entwicklung und fehlenden medizinischen Kontraindikationen sollte das Kind jedoch immer die Chance zu einer Rehabilitation des Hörvermögens und zu einer normalen Sprachentwicklung erhalten. Dies ermöglicht den Besuch einer Regelschule bis zur Hochschulreife. Um dies zu gewährleisten ist das Cochlea Implantat bei entsprechendem Hörverlust die Therapie der Wahl.

Letztendlich aber ist die Entscheidung zur Operation immer ein Prozess und sollte in jedem Fall die individuellen Gegebenheiten mit ihren sozialen und kulturellen Hintergründen berücksichtigen. Wird die Entscheidung von den Ärzten so ausführlich und verantwortungsbewusst getroffen, wird der Patient in jedem Fall von der Versorgung mit dem Cochlea Implantat profi tieren.

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