Frage : Ich erwarte bald mein erstes Kind. Wie lange sollte die Stillzeit dauern ?

Es antwortet Prof. Gerhard Jorch, Direktor der Unikinderklinik Magdeburg : Beim Stillen wird zwischen dem so genannten Vollstillen – das heißt, dem alleinigen Stillen ohne andere Nahrung – und dem Teilstillen, bei dem das Baby neben der Muttermilch noch andere Nahrung erhält, unterschieden. Aus medizinischer Sicht ist das Vollstillen ohne zusätzliche Breie nur bis zu einem Alter von sechs Monaten sinnvoll. Das Teilstillen hingegen kann solange erfolgen, wie es der Mutter und dem Kind gefällt.

Die Vorteile der Muttermilch liegen in der einfachen und bequemen Handhabung. Hinzu kommt, dass sie kostenlos permanent verfügbar, ständig gut temperiert und meist hygienisch einwandfrei ist. Außerdem enthält sie viele Verdauungsenzyme, Abwehrstoffe und hormonähnliche Wachstumsfaktoren, die besonders in den ersten Lebensmonaten wichtig für das Kind sind.

Als nachteilig empfi nden es manche Eltern, dass gestillte Kinder im Durchschnitt mehr Mahlzeiten benötigen und deshalb nicht durchschlafen. Außerdem erfordert das Vollstillen die ständige Verfügbarkeit der Mutter, was in der heutigen Zeit mit den beruflichen und gesellschaftlichen Pflichten nicht immer vereinbar ist.

Die Muttermilch enthält nur wenig Eisen, Zink, Jod, Vitamin K und D. Vitamin K und D werden dem Neugeborenen deshalb bereits kurz nach der Geburt zusätzlich verabreicht. Für die ausreichende Zufuhr von Eisen und Zink ist die Zufütterung von Breien spätestens ab sechs Monaten anzuraten. Außerdem fördern Breie durch ihre Ballaststoffe die Entwicklung der Darmtätigkeit und bereiten die Kaufunktion vor.

Hinzu kommt, dass die Muttermilch meist höher mit Schadstoffen belastet ist als im Handel erhältliche Säuglingsmilch oder -breie. Da manche Mütter die Stillphase zum Abnehmen nutzen, können sich außerdem fettlösliche Schadstoffe in der Muttermilch anreichern. Die im mütterlichen Fettgewebe gespeicherten Schadstoffe werden bei einer Gewichtsreduktion vom Körper ausgeschieden und gehen in die Muttermilch über. Inwieweit dies gesundheitsschädlich ist, ist letztlich noch nicht belegt.

Die Zusammensetzung der Muttermilch hängt von dem Gesundheitszustand der Mutter und ihrer Ernährung ab. So kann bei veganer Ernährung der Mutter ohne Vitamin B 12-Zufuhr auch beim Baby ein Vitamin-B 12-Mangel auftreten.

Bedacht werden muss auch, dass Nikotin bei rauchenden Müttern in die Muttermilch übertritt. Dennoch wird auch rauchenden Müttern das Stillen empfohlen, da es für Babys aus Raucherhaushalten das erhöhte Risiko für den plötzlichen Säuglingstod vermindert.

Zusammenfassend ist es ratsam, Babys im ersten Lebenshalbjahr ausschließlich zu stillen, um dann auf vielseitigere Nahrung umzustellen. Danach kann abgestillt oder ergänzend weitergestillt werden. Falls es Gründe gibt, die gegen das Stillen sprechen, ermöglicht die heute verfügbare Säuglingsmilch dem Kind auch so ein Gedeihen ohne wesentliche Gesundheitsrisiken.

Das war nicht immer so : 1919 wurde in Magdeburg eine Frauenmilchsammelstelle – die erste der Welt – für Säuglinge, deren Mütter nicht stillen konnten, eröffnet. Damals galt die Verwendung fremder Frauenmilch als einzige Alternative zum Stillen. ( ukl )

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