Zur Person

Jens Pahnke ist Leiter des Forschungslabors für Neurodegenerative Erkrankungen (NRL) an der Klinik für Neurologie der Universität Magdeburg.

Er absolvierte sein Studium der Medizin und Humanbiologie an der Universität Greifswald.

Er promovierte 2004 zum Dr. rer. nat. im Fachgebiet Molekularbiologie.

Er ist Experte auf dem Gebiet der Funktion von Blut-Hirn-Schranken Transportmolekülen.

Volksstimme: Wenn Sie von Pflanzen im Zusammenhang mit Demenz-Forschung sprechen - welche sind für ihre wissenschaftlichen Zielstellungen die Favoriten?
Prof. Pahnke: In einem unserer Projekte suchen wir weltweit speziell nach Pflanzen, denen in der traditionellen Medizin des jeweiligen Landes eine allgemeine Wirkung bei mentalen Problemen nachgesagt wird. Bisher haben wir um die 30 in Frage kommende Pflanzen aus aller Welt analysiert.

Das ist aber nur ein kleiner Teil der bei weitem nicht ausgeschöpften natürlichen Ressourcen. Drei Pflanzen können nach unseren Erfahrungen besonders relevant für Therapie der Alzheimer-Demenz werden. Das sind zum einen Johanniskraut (Hyperium perforatum), griechisches Eisenkraut (Sideritis scardica) sowie eine dritte Spezies, deren Namen wir noch bedeckt halten, bis alle Experimente durchgeführt und bestätigt sind.

In Kürze werden wir die erfreulichen wissenschaftlichen Daten zu Sideritis scardica publizieren. Besonders hoffnungsvoll jedoch sind bereits die im Dezember 2013 veröffentlichten Ergebnisse zur Wirksamkeit von Hyperium perforatum.

Volksstimme: Um welche Erkenntnisse geht es dabei?
Pahnke: Bei unseren Untersuchungen mit verschiedenen Johanniskraut-Extrakten an Alzheimer (AD)-Mäusen konnten wir nachweisen, dass sie die gestellten Aufgaben deutlich schneller als andere AD-Mäuse bewältigen, wenn sie mit einem 80-prozentigen, ethanolischen Extrakt behandelt wurden. Geradezu sensationell für unsere Arbeit war dabei eine zufällige Entdeckung: Dieser Extrakt aktiviert nämlich den von uns 2011 erstmalig im Zusammenhang mit der Alzheimer-Demenz beschriebenen ABCC1-Transporter. Dieser entsorgt die giftigen Alzheimer-Eiweiße aus dem Gehirn. Es handelt sich dabei um beta-Amyloide, die später aggregieren, also sich verdichten und ansammeln. Sie werden dann als Amyloid-Plaques bezeichnet.

Volksstimme: Hier sehen Sie den kausalen Zusammenhang zu Alzheimer?
Pahnke: Ja, unbedingt. Im Gehirn von Alzheimer-Patienten sind genau diese Plaques und vor allem die noch viel giftigeren Vorstufen (beta-Amyloid-Oligomere) vermehrt zu finden, und der über Jahre angesammelte Müll ist Hauptursache, dass Nervenzellen und somit funktionelles Hirngewebe im Laufe der Zeit absterben. Das hat die bekannten dramatischen Folgen wie Merk-, Denk-, Orientierungs- und Sprachverlust.

Volksstimme: Was jedoch, um im Bild zu bleiben, mit einer störungsfrei funktionierenden "Müllabfuhr" aus dem Gehirn per ABC-Transporter verhindert oder gestoppt werden kann?
Pahnke: So ist es. Und wird dieser defekte Abtransport wieder aktiviert, wird das Gehirn von den langfristig die Nervenzellen zersetzenden Proteinen gereinigt. Klingt verblüffend einfach, ist es auch. Aber manchmal liegt die Lösung gar nicht so weit weg. Leider wurde die Forschung an der Alzheimer-Demenz dominiert von Arbeiten an den erblichen Formen, bei denen nicht der Transport gestört ist, sondern extrem mehr beta-Amyloid gebildet wird. Diese machen aber weniger als ein Prozent aller AD-Patienten aus.

Volksstimme: Sie glauben, mit Ihren Forschungen zu pflanzlichen Wirkstoffen und speziell zu Johanniskraut bestehe nun die Chance, geeignete Stimulatoren für die beschriebenen Transportprozesse im Gehirn und somit Mittel gegen die Krankheit zu finden?
Pahnke: Wir hoffen und sind sogar sehr optimistisch, dass auf dieser Basis sowohl therapeutisch als auch präventiv wirkende Mittel gegen die sporadische Form der Alzheimer- Demenz entwickelt werden können. Diese macht mit über 99 Prozent die häufigste Form der AD aus. Derzeit können wir weltweit als einziges Labor positive Ergebnisse auf dem Gebiet des Abtransportes der fatalen beta-Amyloide vorlegen.

Volksstimme: Johanniskraut gilt, wie Sie zu Beginn auch angedeutet haben, bisher lediglich als probates Mittel gegen Depression. Erstaunlich, dass es nun auch gegen Alzheimer helfen könnte.
Pahnke: Hier liegt der Schlüssel des Verständnisses der biologischen Vorgänge. 80-90 Prozent unserer Alzheimer-Patienten berichten von depressiver Symptomatik. Wir dachten früher, dass das Ausdruck des Umganges mit der Demenzerkrankung ist. Nach den aktuellen Daten müssen wir jedoch sagen, dass möglicherweise sowohl Altersdemenz als auch Altersdepression parallel entstehen, vielleicht sogar Ausdruck ein und desselben Mechanismus sind. Hierfür könnten die Amyloidablagerungen im Hirn eine Erklärung liefern. Das pflanzliche Antidepressivum wirkt gegen die Alzheimer-Ablagerungen und somit auch gegen die Amyloid-bedingte Altersdepression. Das ist noch sehr hypothetisch, aber wird bereits in Fachkreisen intensiv diskutiert.

Volksstimme: Das hört sich trotz ausgewiesener Erfolge alles nach Zukunftsmusik an?
Pahnke: Ja und nein. Die Entwicklung eines Medikamentes und dessen Zulassung sind lange Wege. Daher wollen wir die Wirkstoffe in der Pflanze nutzen und diese durch Züchten gemeinsam mit Partnern hier aus Sachsen-Anhalt optimieren und vielleicht sogar anreichern. Die neuen Züchtungen können dann viel schneller und natürlich gesetzkonform als naturheilkundliches Präparat genutzt werden.

Volksstimme: Und wie verhält es sich nun beim Johanniskraut?
Pahnke: Inzwischen liegen uns Erfahrungen mit dem speziellen Johanniskrautpräparat an mehr als 20 Patienten vor, die sehr interessant sind und mich persönlich mehr als verblüfft haben. Solche Effekte innerhalb von 3 Monaten hatten wir nicht im Geringsten erwartet.

Wir haben dazu in Zusammenarbeit mit den betreuenden Ärzten ein am Markt verfügbares Präparat genutzt, das sogar von den Kassen bezahlt wird (LAIF900). Es ist dem von uns angewendeten maus-wirksamen Extrakt identisch und zugelassen zur Behandlung von Depression/depressiver Verstimmung.

Die Ärzte und Angehörigen informieren uns nun regelmäßig über den Fortgang der Behandlung und die therapeutischen Effekte. Sie berichten, dass die Alzheimer-Patienten ihr Kurzzeitgedächtnis wiedergewinnen, verlorene Tätigkeiten wieder ausführen (z.B. Mittag kochen, Fahrrad fahren), die Inkontinenz-Problematik abnimmt, sich das Verhalten und die Orientierung verbessern und sogar die verlorene Sprache und Kommunikation wiederfinden. Insgesamt sind alle sehr angetan, da insbesondere der tägliche Umgang mit den Patienten sehr vereinfacht wird. So etwas lässt berechtigt hoffen, dass wir bei unserer weiteren Suche nach den geeigneten Wirkstoffen und deren wirkungsvollste Extraktion auf der richtigen Fährte sind.

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