Viele ältere Menschen haben Angst vor Gewalt, wenn sie auf der Straße unterwegs sind oder öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Ist diese Angst gerechtfertigt ? Wie können Betroffene damit umgehen ? Und wie verhalten sich Senioren richtig, wenn sie tatsächlich einmal angegriffen werden ?

Wiesbaden ( ddp ). " Die Generation der Seniorinnen und Senioren ist statistisch gesehen am wenigsten gefährdet ", sagt Claus Opfermann, Fachmann für Prävention beim hessischen Landeskriminalamt in Wiesbaden. " Aber es gibt ein subjektives Unsicherheitsgefühl, das bei Senioren überproportional groß ist ", sagt Kriminalhauptkommissar Ralph Braun, der Präventionsexperte für Seniorensicherheit des bayerischen LKA in München.

Verstärkt werde dies noch durch die Medien, die gelegentlich den Eindruck erweckten, Gewalt gegen ältere Menschen nähme stark zu. " Dieses Unsicherheitsgefühl führt oft dazu, dass ältere Menschen sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen und dadurch Lebensqualität verlieren ", sagt Braun.

Und diese Unsicherheit sei riskant, sagt Opfermann. " Leute, die ihre Ängstlichkeit durch ihr Verhalten nach außen tragen, sind Opferkandidaten. Es ist wichtig, Selbstsicherheit auszustrahlen. Also aufrecht zu gehen, sich groß zu machen, Blickkontakten nicht auszuweichen. " Volkshochschulen und andere Bildungsreinrichtungen böten Kurse an, in denen man dies erlernen könne.

Lieber " Feuer " als " Hilfe " rufen
In diesen Kursen lerne man auch, richtig zu reagieren, wenn man wirklich angegriffen werde. Um von anderen Hilfe zu bekommen, sei es wichtig, mögliche Helfer gezielt anzusprechen. " Wenn man nur um Hilfe ruft, ohne jemanden konkret anzusprechen, verlässt sich jeder darauf, dass ein anderer etwas tut. Also immer sagen : ‚ Sie mit der Lederjacke, bitte helfen Sie mir. ‘ Und den Leuten gezielt Aufträge geben : ‚ Sie mit der Tasche, rufen Sie bitte die Polizei. ‘ Wer so persönlich um Hilfe gebeten wird, wird sie auch leisten ", empfiehlt der Präventionsexperte. Mit Tätern solle man laut und bestimmt, vor allem aber distanziert sprechen : " Auf keinen Fall duzen ! Sonst denken Umstehende, dass man zusammengehört, und wollen sich nicht einmischen. "

Wer zum Zeugen einer Tat wird, sollte die 110 wählen, nur eingreifen, nachdem er sich der Mithilfe anderer versichert hat, und versuchen, sich das Aussehen des Täters und sonstige Besonderheiten einzuprägen, sagt Braun : " Und sich bitte der Polizei als Zeuge zur Verfügung stellen. " Hier würden sich ältere Menschen oft hervortun, weil sie ein starkes Gefühl für Werte und Normen hätten. Dies brächte sie aber auch manchmal in Gefahr : " Viele ältere Menschen legen großen Wert auf gutes Benehmen und das Respektieren von Regeln wie Rauchverboten. Wenn sie damit auf Jugendliche stoßen, die gewaltbereit sind und ein Ventil für ihren aufgestauten Frust suchen, kann das eskalieren. " Es gelte hier ebenfalls die Regel : Sich nicht gefährden. " Auch wer per Handy die Polizei ruft oder den Schaffner informiert, zeigt Zivilcourage ", rät Braun.

Wer eine mögliche Gefahrenquelle im Vorfeld erkenne, sollte ihr aus dem Weg gehen, empfiehlt Opfermann : Stiegen angetrunkene, grölende Menschen in die Bahn ein, wechsele man einfach das Abteil. Auf keinen Fall sollte man auf seinem vermeintlichen Recht beharren oder sich ängstlich auf die Seite drücken.

Auch was Wertsachen angehe, biete man besser keine Angriffsfläche, mahnt Braun : Es helfe, die Handtasche fest unter dem Arm und nicht auf der der Straße zugewandten Seite zu tragen und auf auffälligen Schmuck zu verzichten. Auch in Gruppen unterwegs zu sein, böte Sicherheit. " Und wenn etwas passiert, immer daran denken : Die Gesundheit ist wichtiger als Hab und Gut. " Von Hilfsmitteln wie Pfefferspray oder gar Waffen halten die Experten wenig : " Sie geben ein subjektives Sicherheitsgefühl, was unter Umständen dazu führt, dass man Gefahren nicht aus dem Weg geht. " Auch wirkten sie nicht sicher, Pfefferspray zum Beispiel wirke bei Betrunkenen nicht. Man würde sie durch das Ansprühen höchstens weiter reizen, aber nicht außer Gefecht setzen. Je nach Windrichtung oder bei falscher Anwendung bestünde außerdem die Gefahr, dass man das Spray selber abbekommt. Und : Waffen aller Art können gerade älteren Menschen vom Täter leicht abgenommen werden. Und dann habe man die Waffe gegen sich. " Das einzige empfehlenswerte technische Hilfsmittel ist das Handy, um die 110 zu wählen ", sagt Opfermann. Die Rufnummer sei gebührenfrei und der Anruf auch bei nicht aufgeladener Prepaid-Karte und sogar ohne SIM-Karte möglich.

Auch Braun empfiehlt : " Es gibt eigentlich nur eines : Das Wort als Waffe. Laut schreien und versuchen, die Täter zu verschrecken und Hilfe zu bekommen. Feuer rufen hilft mehr als Hilfe rufen, weil jeder befürchtet, selbst betroffen zu sein, und deshalb viele eher reagieren. " Gerade für ältere Menschen, die nicht so schnell weglaufen könnten, sei es wichtig, sich bemerkbar zu machen. Eine Trillerpfeife oder ein Schrill-Alarm seien empfehlenswert, man solle auch keine Scheu haben, im Notfall bei fremden Menschen zu klingeln. " Wenn man sich nicht sicher fühlt, kann man auch Passanten bitten, einen durch die Unterführung oder den Park zu begleiten ", rät der Seniorenexperte.

Weitere Informationen bietet die Broschüre " Sicherheitstipps für Senioren ", die bei jeder Polizeidienststelle erhältlich ist.