Das Kleingärtnern wird nicht aus der Mode kommen, ist Peter Riebeseel sicher. 63 Kleingartenvereine von Havelberg bis Tangerhütte geben dem Vorsitzenden des Kreisverbandes der Gartenfreunde Stendal diese Gewissheit. 154 Hektar Gartenland, grüne Oasen, gepflegt und bewirtschaftet von rund 3000 Vereinsmitgliedern.

Stendal. Doch der Optimismus ist nicht ungetrübt. Mit Blick auf die Zahl der Kleingärtner macht Riebeseel den Zusatz : " Tendenz fallend. " Nach Gründen dafür braucht er nicht lange zu suchen. Die demografische Entwicklung im Norden Sachsen-Anhalts ist deutlicher als in anderen Landesteilen. Riebeseel kennt auch diese Zahlen und Prognosen. " Im Jahr 2005 hatte der Landkreis Stendal noch 131 267 Einwohner. Im Jahr 2025 werden es voraussichtlich noch 96 000 sein. Das wäre ein Minus von fast 27 Prozent. Und mit der Einwohnerzahl wird auch die der Kleingärtner sinken. " Der Chef der Kleingartenfreunde im Landkreis Stendal wagt die Vorausschau : " In 15 Jahren werden wir noch 2000 bis 2300 Mitglieder sein. Ich gehe davon aus, dass der Kreisverband dann etwa 15 Vereine weniger haben wird. "

Resignation ? Im Gegenteil. Die Strategie des Kreisverbands heißt " Vordenken ". Begonnen hat er damit im Jahr 2006. Damals griff der Gartenfreunde-Kreisverband die Idee der " Tafelgärten " auf. Hintergrund : Schon damals zeichnete sich ab, dass der Leerstand von Kleingärten in den Vereinsanlagen zum Problem wird. 15 Hektar Gartenland waren unbewirtschaftet. Inzwischen sind es 4, 5 Hektar weniger. Auf jenen 45 000 Quadratmetern wächst Obst und Gemüse, das ausnahmslos an die Tafeln und an Kindereinrichtungen im Landkreis Stendal geliefert wird. Angebaut und geerntet von Langzeitarbeitslosen. Im Rahmen eines vom Gartenfreunde-Kreisverband, der Arge ( der Arbeitsgemeinschaft des Landkreises Stendal und der Arbeitsagentur ) sowie einem Maßnahmeträger initiierten Projekts finden sie Beschäftigung.

" Pro Gartenjahr in den acht, neun Monaten von Frühling bis Herbst waren das seit 2006 rund 150 Leute. Im Schnitt haben wir auf diese Weise 15 bis 20 Tonnen Obst und Gemüse erzeugt. Das wird auch 2010 so sein. Das diesjährige Projekt startete am 1. März in 16 Kleingartenvereinen ", sagt Riebeseel. Stolz schwingt mit. Berechtigt, denn 2006, als das Tafelgärten-Projekt aus der Taufe gehoben wurde, überwog die Skepsis. Überzeugungsarbeit war vonnöten, im Kreisvorstand ebenso wie bei den Vereinsspitzen und nicht zuletzt bei den Kleingärtnern.

Aus dem Miteinanderreden wurde das erhoffte Miteinander. Eine gute Schule auch für das nächste, weit größere Projekt. " Die Tafelgärten sind eine sinnvolle Sache, aber eben keine Lösung unseres Problems ", sagt der Kreisverbandesvorsitzende und bringt die Rede ein zweites Mal aufs Vordenken und die Vordenker, sprich die Kreisvorstandsmitglieder.

" Wir wissen, dass wir bis 2025 mehr als 500 Kleingärtner verlieren werden. Am Rückbau von Anlagen führt kein Weg vorbei. Das zu erklären, ist gar nicht so einfach. Da musst du rein in die Vereine, die Vorstände anleiten, mit den Mitgliedern reden. Wo das funktioniert, akzeptieren die Gartenfreunde, dass Rückbau von Gartenflächen unumgänglich ist ", weiß Riebeseel. Niemand breche so eine Entscheidung übers Knie. Zwei Jahre, von 2007 bis 2008, habe es zum Beispiel gedauert, bis die Anlage der " Laubenpieper " – eines kleinen Vereins mit zwei Hektar Fläche – zurückgebaut, der Verein aufgelöst war. Ein harter Weg sei es gewesen und gut, auf diesem erfahrene Praktiker im Vorstand des Kreisverbands an seiner Seite zu wissen, so Riebeseel.

Noch eines brauche es auf diesem Weg : Die Verpächter der Kleingartenflächen als Partner. In der Stadt Stendal habe man einen solchen gefunden. Nicht genutzte, brachliegende Flächen in den Vereinsanlagen rechne die Stadt aus der Pacht heraus. Das helfe dem Verband auch finanziell. Unter anderem, wenn es darum geht, Geld anzusparen, mit dem Vereine unterstützt werden, die ihre Gartenanlagen künftig zurückbauen müssen. Apropos Finanzen : Die Weitsicht des Kreisvorstands der Gartenfreunde wird sich beim Auflösen von nicht mehr benötig-ten Gartenanlagen in des Wortes bestem Sinn auszahlen. Riebeseel : " Wir haben im Oktober 2007 den Beitrag pro Mitglied und Jahr um zwei Euro

angehoben. Geld, das

in die Rücklage fließt, aus der wir den Rückbau unterstützen können. "

Es geht darum, so viel Gartenfläche in den Städten anzubieten wie es künftig braucht, um jedem Kleingärtner, der das möchte, sein Hobby in einer Vereinsanlage zu ermöglichen. In der vom demografischen Wandel im Landkreis mit am stärksten betroffenen Stadt Tangerhütte wird derzeit ein Projekt entwickelt, in das der Stendaler Gartenfreunde-Kreisverband große Hoffnungen setzt. Ein Pilotprojekt soll da-raus werden, eines mit Vervielfältigungspotenzial.

Kreisvorstandsmitglied Ulrich Drösemeyer, Vorsitzender eines der acht Tangerhütter Kleingartenvereine, ist der Initiator : " Wir entwickeln gemeinsam mit dem Tangerhütter Bürgermeister eine Konzeption für die Zukunft des Kleingartenwesens in der Stadt. Im September soll sie im Stadtrat behandelt werden ", sagt er.

Weil Drösemeyer die Zukunft im Blick hat, macht er sein Stadtoberhaupt auch zum Paten für ein zweites Projekt, das bereits zu Papier gebracht und mit den Beteiligten abgestimmt ist. Der Kleingartenverein stellt einer Tangerhütter Kindertagesstätte eine Gartenparzelle zur Verfügung, unterstützt die Kinder bei der Gestaltung ihres Gartens, macht sie neugierig auf die Geheimnisse von Flora und Fauna im Garten und lüftet diese mit den Kindern gemeinsam.

Kinder-Garten mal ganz anders. Und wer weiß : Vielleicht wächst mit solchen kleinen Kinder-Gärtnern die nächste Generation von großen Kleingärtnern heran – in Tangerhütte und wa-rum nicht auch anderswo im Landkreis Stendal, in der Altmark, in Sachsen-Anhalt.

* Lesen Sie am Sonnabend den 15. Teil der Volksstimme-Gartenserie " Ein Schönebecker baut Insektenhotels "

Jüngst sind erschienen : 11. Teil : " Porträt eines Kleingärtners aus Haldensleben " 12. Teil : " Artenschutz kennt keine Grenzen ", 13. Teil : " Im Garten des Ministerpräsidenten "