Die heilsame Wirkung des Schlafs ist unbestritten, dennoch gibt es Menschen, denen dieser oft zitierte Spruch wie Hohn in den Ohren klingen muss: Sie leiden unter dem sogenannten Chronischen Erschöpfungssyndrom, auch CFS (Chronic Fatigue Syndrom) genannt.

Hamburg/Berlin (ddp). Egal wie oft, wie tief und wie lange sie schlafen, schon geringe körperliche oder geistige Aktivitäten rufen bei ihnen einen tiefen, lang anhaltenden Erschöpfungszustand hervor. Besonders riskant kann das beim Autofahren werden.

Das Krankheitsbild ist sehr komplex und noch wenig bekannt, weshalb es oft viele Monate oder gar Jahre dauert, bis bei einem Patienten die Diagnose CFS gestellt werden kann.

Ursachen-Diagnose ist oft sehr schwierig

Professor Bernd Löwe vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf erklärt, was die Diagnose so schwierig macht: "Anhaltende Müdigkeit und dauernde Erschöpfung können viele verschiedene Ursachen haben: Herz- oder Lungenkrankheiten kommen beispielsweise ebenso infrage wie Krebserkrankungen, Virusinfektionen, Depressionen oder eine Schilddrüsenunterfunktion." Erst wenn alle bekannten körperlichen und psychischen Erkrankungen ausgeschlossen werden können, spricht man von Chronischer Müdigkeit, beziehungsweise dem Chronischen Erschöpfungssyndrom, wie der Fachbegriff lautet. "Außerdem muss dieser Zustand über mindestens sechs Monate hinweg bestehen. Häufig wird er von weiteren Symptomen begleitet, etwa von unerklärlichen Muskel- oder Gelenkschmerzen oder Spannungskopfschmerz", erläutert der Experte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Eben weil es sich um eine Ausschlussdiagnose handelt, haben die meisten CFS-Patienten eine wahre Odyssee von Arzt zu Arzt hinter sich – und sind danach nicht selten resigniert und verbittert. Verständlicherweise, denn neben ihren körperlichen Beschwerden erleben viele immer wieder Zurückweisung und mangelndes Verständnis vonseiten unwissender Ärzte, hilfloser Angehöriger sowie zweifelnder Arbeitgeber oder Kollegen. "Das führt bei einigen Patienten dazu, dass sich nach einiger Zeit neben der chronischen Erschöpfung auch noch eine Depression entwickelt", weiß Löwe aus Erfahrung.

Für viele bringt die Diagnose CFS eine unglaubliche Erleichterung mit sich: Ja, deine Leiden gibt es tatsächlich und du bist nicht der einzige Betroffene. Auch wenn unklar ist, wie viele CFS-Patienten es in Deutschland eigentlich gibt – die letzten offiziellen Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums stammen aus dem Jahr 1994 und berichten von rund einer Million Erkrankten. "Wenn man nur die Abrechnungsdaten der Krankenkassen betrachten würde, wären es zwar deutlich weniger Betroffene, wir gehen jedoch von einer hohen Dunkelziffer aus, weil CFS häufig nicht erkannt oder als anderes Krankheitsbild codiert wird, etwa als Depression", erklärt Ursula Marschall, die bei der Krankenkasse Barmer GEK das Kompetenzzentrum Gesundheit leitet.

Die Anästhesistin und Schmerztherapeutin aus Berlin weiß sowohl um die Erleichterung über die Diagnose als auch um die Enttäuschung, die häufig darauf folgt, wenn die Patienten erfahren müssen, dass ihnen Medikamente keine Linderung bringen werden. "Zwar kann man eine hinzugekommene Depression medikamentös behandeln, nicht aber das Chronische Erschöpfungssyndrom an sich", bedauert Marschall. "Die einzige Therapie, die langfristig tatsächlich Besserung bringen kann, hört sich für die meisten Betroffenen zunächst wie ein Widerspruch an: Statt sich zu schonen, soll der ohnehin schon erschöpfte Patient nun erst recht aktiv werden."

Die Ärztin erläutert den Grund für diese Therapie: Wer ständig müde ist, vermeidet instinktiv Belastungen, wo es nur geht. Das führt zum einen zu einer körperlichen Verschlechterung, indem zum Beispiel ganz konkret Muskeln abgebaut werden und die Ausdauer nachlässt. Darüber hinaus ziehen sich viele Betroffene nach und nach aus dem sozialen Leben zurück und beschäftigen sich oft nur noch mit sich und ihrer Krankheit. Dadurch können die Symptome verstärkt werden und sich immer mehr verfestigen.

Schlafen am Tag ist weitgehend tabu

"Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen", stimmt Bernd Löwe zu: "In der Therapie wird gemeinsam mit dem Betroffenen ein Aktivitätsplan aufgestellt, der sich an der individuellen Belastbarkeit orientiert." Eine Tagesaufgabe kann etwa darin bestehen, nachmittags zum Sport zu gehen, abends mit Freunden ins Kino, im Extremfall aber auch darin, morgens überhaupt aufzustehen. "Schlafen am Tag ist in der Therapie weitgehend tabu", mahnt der Psychosomatiker und Psychotherapeut, "denn abgesehen davon, dass Schlafen bei CFS keine Erholung bringt, soll ein fester Tagesrhythmus geschaffen werden."

Der Patient hat den Behandlungserfolg somit weitgehend selbst in der Hand, muss sich jedoch Tag für Tag aufs Neue überwinden, die bleierne Müdigkeit zu ignorieren. Kampfgeist und Durchhaltevermögen seien schon aufgrund der Therapiedauer notwendig, denn spürbare Erfolge stellten sich meist erst nach einigen Monaten ein, berichtet Löwe: "Die Chancen stehen umso besser, je früher mit dem Aktivieren begonnen werden kann." Nach und nach rückt so das anfangs ferne Ziel in greifbare Nähe: Nach einem anstrengenden Tag ins Bett fallen und am nächsten Morgen erholt aufwachen, fit, leistungsfähig und voller Tatendrang.