Hamburg. Aus zwei – oder drei oder vier – mach eins: Das ist das Prinzip des Veredelns. Bei dieser Technik der Pflanzenvermehrung wird ein Pflanzenteil auf eine andere Pflanze gesetzt, so dass beide zusammenwachsen können – beispielsweise mit dem Ziel, die positiven Eigenschaften beider Pflanzen in einer zu vereinen. Oder unbefriedigende Sorten durch neue zu ersetzen. Oder einem alten Baum zu neuer Blüte zu verhelfen. Anwendung findet die Technik unter anderem bei Obstgehölzen. Auch Laien können erfolgreich veredeln.

" Das Veredeln ist kein Buch mit sieben Siegeln ", betont Peter Klock, Inhaber der Gärtnerei und Baumschule " Südflora " in Hamburg: " Wer die Grundkenntnisse erworben hat und etwas übt, hat schnell erste Erfolge. " Das Prinzip des Veredelns ist immer gleich: " Aus Teilen zweier – oder mehrerer – Pflanzen entsteht eine, die die vom Menschen gewünschten Eigenschaften trägt ", erläutert Klock, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat. Dafür setzt man die Edelsorte, die später das äußere Erscheinungsbild der neuen Pflanze prägen wird, auf eine sogenannte Unterlage, die für das Wachstum und die Nährstoffversorgung zuständig ist. Voraussetzung für eine erfolgreiche Veredlung sind ausreichende verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den beiden Pflanzen. Sind sie vorhanden, hat man alle Möglichkeiten zu interessanten Experimenten – und kann beispielsweise Obstbäume schaffen, an denen verschiedene Sorten einer Frucht heranreifen.

Für das Veredeln gibt es verschiedene Techniken. Bei der Kopulation arbeitet man mit Reisern: Unterlage und Edelreis werden gleich angeschnitten und an den Schnittflächen miteinander verbunden. Beide müssen sich in Winterruhe befnden. " Für Einsteiger ist das die leichteste Methode ", sagt Gärtnermeister Klock.

Die richtigen Handgriffe lernt man aus Büchern mit bebilderten Schritt-für-Schritt-Anleitungen oder in Kursen, die Unterlagen kann man in spezialisierten Baumschulen beziehen.

" Entscheidend ist der Schnitt ", betont der Fachmann : " Er muss an beiden Veredlungspartnern absolut plan sein, damit weder Lufteinschlüsse noch Unebenheiten einem Verwachsen entgegenstehen. " Deshalb sind Küchenmesser und Gartenschere auch ungeeignet, um die Reiser vorzubereiten. Spezielle Kopuliermesser haben eine festere Klinge. Verbunden wurden Edelreis und Unterlage früher mit Bast, mittlerweile setzen sich Gummiveredlungsbänder durch, die einen festen Halt gewährleisten und nach einiger Zeit durch das UV-Licht verwittern. Beim Zusammenfügen dürfen die Finger nicht an die frische Schnittfäche geraten. Abschließend wird der Veredlungsbereich mit Baumwachs verstrichen.

Eine zweite Technik ist das Pfropfen, bei dem man das Edelreis hinter die Rinde der Unterlage setzt. Auf diese Weise könne man beispielsweise Obstbäume umveredeln, mit deren Ertrag oder Sorte man nicht mehr zufrieden sei, erläutert der Leiter der Sächsischen Gartenakademie in Dresden, Gerd Großmann. Man erhält einen verjüngten Baum, ohne dafür neu pfanzen zu müssen. Für das Pfropfen muss in der Regel die Unterlage bereits im Saft stehen, das Edelreis darf dagegen noch nicht wieder aus der Winterruhe erwacht sein. " Deshalb muss man bereits um die Jahreswende die Veredlungsreiser schneiden ", sagt Großmann.

Verwendet werden gut verholzte und kräftige einjährige Reiser, die möglichst um die 40 Zentimeter lang sein sollten. Daraus schneidet man dann später bei der Veredelung das beste Stück mit etwa fünf Augen heraus. " Problematisch ist oft die Lagerung ", erläutert der Gartenbauingenieur. Er empfehlt, die Reiser bis auf die Schnittstelle mit dünner Folie zu umhüllen und sie dann in feuchtem Sand an einem dunklen, kühlen und frostfreien Platz zu lagern. Dieser sollte nicht in der Nähe von Äpfeln sein: Die Früchte geben Äthylen ab, das die Knospen in Austriebsbereitschaft versetzt.

Im Frühjahr sägt man dann an der Unterlage den zu veredelnden Ast ab, glättet diesen sogenannten Pfropfkopf, schneidet die Rinde ein und hebt sie vorsichtig mit dem Messerrücken ab. In den Spalt, der auf diese Weise entsteht, wird das Edelreis eingesetzt. " Man kann auch mehrere Reiser einsetzen, um beispielsweise zwei Sorten auf einen Apfelbaum zu veredeln ", erklärt Gärtnermeister Peter Klock.

Eine Veredelungsmethode für den Sommer ist das Okulieren. Dabei wird nur ein Auge veredelt. Das Edelreis, aus dem es gewonnen wird, muss im Unterschied zum Pfropfen frisch geschnitten sein. " Aus dieser eingesetzten Knospe entsteht dann die neue Pflanze ", erläutert Klock. Das Auge wächst noch im gleichen Jahr an, treibt aber erst im darauffolgenden Frühjahr aus.

Beherrscht man die Veredelungstechniken, eröffnen sich unzählige Anwendlungsmöglichkeiten. SelbstvierObstarten auf einem Baum seien möglich, sagt Peter Klock: Bei entsprechender Unterlage – beispielsweise der Sorte Pyronia – könnten Apfel, Birne, Quitte und Mispel auf einen einzigen Stamm veredelt werden. (ddp)