Nach dem Eklat von Barcelona scheint die DTM nun erfolgreich für ihre Zukunft zu kämpfen - wenn auch mit Verkrampfungserscheinungen...

Hockenheim musste gelingen. Hockenheim ist gelungen. Mit einem spannenden Saisonfinale, wie es im Lehrbuch steht, hat die DTM nach dem Eklat von Barcelona ihr Möglichstes getan, um zurück auf die Ideallinie zu finden - und damit den Fans Lust auf weitere DTM-Saisons zu machen. Doch beim Versuch, jegliche Streitigkeiten im Sinne eines harmonischen Bilds für die Fans auszublenden, präsentierten sich die Sportchefs zunächst ungewollt verkrampft...

Verkrampfte Pressekonferenz

"Es gibt für uns kein weinendes Auge. Glückwunsch an Audi - aber der Punkteabstand war klein. Wir haben ein tolles Finale gesehen, das war DTM at its best", bilanzierte Norbert Haug - die Pressekonferenz begann friedlich. "Bei Jamie ist der Knoten geplatzt, nun hat er eins draufgesetzt. Es gab in diesem Rennen keine Verlierer - wir können mit diesem Ergebnis leben." Die Rennleitung habe leider seinem Wunsch nach einer Verlängerung des Rennens um 15 Runden nicht entsprochen, scherzte Haug in Anspielung auf Bruno Spengler, der zum Ende hin Boden auf den drittplatzierten Mattias Ekström gutmachte.

Auch sein Audi-Kollege Dr. Wolfgang Ullrich war um die perfekte Harmonie bemüht. "Die Zuschauer haben ein tolles Rennen gesehen", bestätigte der Österreicher - und sprach dann mit Blick auf die Fairness des Rennens einen Satz aus, der sich als Bumerang erwies: "Hier haben wir es auf ein sehr ordentliches Niveau gebracht, auch wenn es Kleinigkeiten gab, über die man diskutieren kann." Noch wiegelte Norbert Haug ab: "Über irgendwelche Kleinigkeiten möchte ich an dieser Stelle nicht reden, dazu ist es nicht der richtige Zeitpunkt." Doch nun ließen die Medienvertreter nicht mehr locker: Die Szenen um Jahreswagenpilot Mike Rockenfeller, der sich ohne zweiten Boxenstopp gegen die herannahenden HWA-Piloten Bernd Schneider und Bruno Spengler standhaft zur Wehr setzte, wurden Mittelpunkt der Diskussion - die entsprechenden Fragen ließen sich nicht mehr abwürgen. Wurden die Jahreswagen erneut als Blockademittel eingesetzt?

"Ich fände es nicht gut, wenn das jetzt das Thema würde, das hochkocht", versuchte es Haug dennoch ein weiteres Mal. Das Bild vom uneingeschränkt harmonischen Saisonfinale, von der blütenreinen Wiederauferstehung nach dem Eklat von Barcelona, drohte einen Kratzer zu erhalten. Dr. Wolfgang Ullrich geriet in Bedrängnis: "Natürlich ist es ein Teil der Rennstrategie, dass man unterschiedlich lange Stints fährt. Es wird beim derzeitigen Reglement immer so sein, dass einige Fahrzeuge ihr Heil dadurch suchen, lange draußen zu bleiben", versuchte der Audi-Sportchef zu erklären - und sagte zum mutmaßlichen Benzinmangel beim ausrollenden Rockenfeller: "Bei Mike ist es uns passiert, dass wir ihn eine Runde zu lange draußen gelassen haben. Dadurch haben wir ihn Le Mans schon einmal ein Rennen verloren - das kann passieren..."

Der Jahreswagenk(r)ampf

In Reihen der Fahrer wählte man deutlichere Worte. "Wir wollten ein faires Finale, aber Audi hat das anders gesehen. Ich habe viel Zeit hinter Prémat und Rockenfeller verloren, ich bin oft berührt worden und musste große Risiken eingehen, um die Jahreswagen zu überholen. Das war so nicht vereinbart", ärgerte sich Bruno Spengler, der ansonsten Rang zwei - und damit den Titel - für möglich gehalten hätte. Die Grenzen zwischen Kritik und Polemik verschwammen: "Es war wie schon über die gesamte Saison hinweg - Audi hat mehr für das Team gekämpft, wir mehr für den Sport." Rockenfeller entgegnete, aus seiner Sicht sei alles fair gewesen - während Tom Kristensen freimütig verriet: "Ich wurde zu frühen Boxenstopps gebeten, was natürlich für mich nicht das Beste war, aber es Mattias hat geholfen: Wenn die Mercedes mich überholen wollten, mussten sie das auf der Strecke schaffen."

Als nicht fair stufte auch Bernd Schneider das Verhalten der Ingolstädter ein, während Alexandros Margaritis beobachtete, Spengler sei im Zweikampf mit den Audi-Piloten "hart rangenommen" worden. Dafür funktionierte die C-Klasse des Kanadiers auch zum Ende des Rennens hin erstaunlich gut. Und auch während Timo Scheider Jamie Green beschuldigte, Martin Tomczyk bei der ersten Durchfahrt der Spitzkehre zu wenig Platz gelassen zu haben, wurde man den Eindruck nicht los: Die DTM befindet sich im Verkrampfungszustand. Vorfälle, die bis Barcelona kaum der Rede wert gewesen wären, sorgen für Zündstoff - lassen sie doch das jüngste Bestreben der Akteure nach hundertprozentig harmonisch-fairen Rennen scheitern, die im Motorsport ohnehin illusorisch sind.

Kampf für die Zukunft

Das wichtigste Ziel ist dennoch erreicht: Mit einem packenden Saisonfinale hat die DTM nach dem spanischen Eklat in die Herzen der Fans zurückgefunden - obwohl Haug und Ullrich am Ende nicht verhindern konnten, dass auch die strittigen Themen des Rennens zur Sprache kamen. Aus dem Krampf für die Zukunft soll in den nächsten Monaten ein Kampf für die Zukunft werden. "Es sollte ein Zeitfenster für die Boxenstopps geben", bringt Bruno Spengler einen Vorschlag ein, der in Fahrerreihen immer wieder geäußert wird - und wohl eine Mehrheit fände. Auch die beiden Sportchefs kündigen Änderungen am Sportlichen Reglement an, die 2008 die Streitpunkte der aktuellen Saison entschärfen sollen:

"Wir sollten das Thema über den Winter besprechen. Hier müssen wir konstruktiv am Reglement arbeiten, auch was den Strafenkatalog betrifft", verspricht Norbert Haug. Nachdem das Boxenstoppreglement nicht nur für die seit Jahren immer wiederkehrenden Blockadevorwürfe sorgte, sondern auch die Transparenz für den Zuschauer teils zu wünschen übrig ließ, stehen die Pflichtstopps möglicherweise ganz zur Disposition. "Wenn wir überzeugt sein sollten, dass es mit null Stopps besser geht, machen wir es mit null Stopps." Wie viel Durcheinander hätte mit dieser Lösung nicht schon in diesem Jahr verhindert werden können. Doch die DTM wäre um eine Saison ärmer gewesen, die wohl für immer in Erinnerung bleiben wird...

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