Ein so vielversprechender Endspurt im Titelkampf geriet für die DTM zur Tragödie. Die bestehende Basis für besten Tourenwagensport blieb ungenutzt...

Hans-Jürgen Abt schleudert seine Kopfhörer weg, gestikuliert mit drohender Miene in Richtung Mercedes. Auf den letzten, beschwerlichen Metern bis zur Endstation Box klatscht Mattias Ekström den Mercedes-Kommandoständen zynisch Beifall. Später lehnt er sich über die Boxenmauer, feuert aufgebracht seine Teamkollegen an. Schließlich stehen Ekström, Timo Scheider und Martin Tomczyk Seite an Seite in der Box, verfolgen fassungslos das noch laufende Rennen. Alexandre Prémat stellt seinen Audi in der Garage ab. Markus Winkelhock folgt ihm. Es folgt ein dritter A4, ein vierter, ... der siebte und letzte. Das Rennen in Barcelona ist beendet - auch wenn sechs Mercedes noch die letzten sieben Runden bestreiten.

Tiefe Gräben

Dr. Wolfgang Ullrich marschiert in Richtung Mercedes-Kommandostand, diskutiert minutenlang mit Norbert Haug. Einigkeit erzielen die beiden Markenoberhäupter nicht. Während für Sieger Jamie Green die britische Nationalhymne erklingt, geben sie vor den Kameras ihre gegensätzlichen Meinungen kund. "Ich glaube, dass es von Audi unnötig war, die Autos aus dem Rennen zu holen. Ekström ist ein sehr aggressives Manöver gefahren. Finstere Absichten bei uns zu sehen, weise ich in aller Entschiedenheit zurück", sagt der Mercedes-Sportchef. "Unsere Titelkandidaten wurden mit nicht fairen Methoden von der Strecke gefahren. Im Anschluss sind weitere aggressive Aktionen gelaufen. So habe ich acht Runden vor Schluss die Entscheidung getroffen, meine Autos aus dem Rennen zu nehmen", sagt der Audi-Sportchef.

Die DTM erreicht in den folgenden Stunden rekordverdächtiges Medieninteresse. Wer nicht zu den rund eineinhalb Millionen TV-Zuschauern zählte, schnappt zumindest Aufsehen erregende Überschriften auf. "Häkkinen verwechselt DTM mit Autoscooter", titelt Spiegel Online, "Skandale", "Eklats" oder "Operettenmeisterschaften" beherrschen das Medienecho. Die DTM ist präsent wie nie zuvor - und präsentiert sich ausgerechnet jetzt auf ihrem Tiefpunkt. Wie es dazu kommen konnte? Trotz rekordverdächtiger Leistungsdichte unter den Fahrern, trotz enormer Leistungsdichte der beiden Hersteller und der Fahrzeugjahrgänge? Trotz bester Voraussetzungen für besten Motorsport? Trotz besten Racings auch in vielen Rennen dieser Saison?

Tiefe Verunsicherung

Die DTM-Welt zeigt sich an diesem Sonntag perplex - und kann selbst keine Antwort geben. Wäre es in der Lausitz nicht zum Safety-Car-Chaos gekommen, wäre die alte Rennleitung noch im Amt, hätte beim kleinsten Verdacht eines unfairen Manövers auch fortan mit mehr oder minder sinnvollen Durchfahrtsstrafen durchgegriffen und hätte es nicht zur heutigen Eskalation zwischen Audi und Mercedes kommen lassen? Kann das die Lösung sein? Absurdeste Konjunktiv-Spiele drängen sich nach einer Saison auf, in der es immer wieder zu Szenarien kam, die sich vorher niemand auszumalen wagte. Im positiven wie im negativen Sinne...

Für eine Standortbestimmung, eine konstruktiven Ausweg aus der Misere scheint es noch zu früh - zu aufgeheizt ist die Stimmung. "Mein Rennen war eigentlich ziemlich gut, aber abgesehen davon ist Mercedes heute Stockcar gefahren. Vor allem Lauda, Paffett und noch jemand - ich erinnere mich nicht an all die Namen", berichtet Alexandre Prémat uns gegenüber aus Audi-Sicht, "ich glaube, es war viel zu viel für die DTM und vor allem für Mercedes. Sie haben die Formel-1-WM verloren und wollen jetzt unbedingt die DTM gewinnen. Aber auf diese Art und Weise können sie nicht gewinnen." Mathias Lauda lässt wissen: "Wenn die anderen aufgeben, sind sie selber Schuld. Ich wäre auch ohne die Audi-Aktion in die Punkte gekommen."

Wer sich selbst aus den zahlreichen umstrittenen Manövern herauszuhalten wusste, stellt sich leidenschaftlich vor seine Marke. "Ich habe mir die Szene mit Mika im Fernsehen angeschaut und muss sagen, dass es hart war. Aber das war es in den letzten Rennen immer. Vor allem gegen mich, aber da hat es keiner so richtig bemerkt", bemerkt Bernd Schneider, der mit einem Bremsdefekt früh ausschied, "Martin hat uns alle aufgehalten. Mika hingegen war zu optimistisch, weil Martin ihn auf die Innenseite gedrängt hat, wo die Strecke immer etwas schmutzig ist. Am Ende habe ich nicht ganz verstanden, dass Martin eingelenkt hat." Martin Tomczyk kontert: "Ich weiß nicht, wie sich ein zweifacher Formel-1-Weltmeister im Bremspunkt so irren kann. Eine Unverschämtheit."

Die Diskussion um die entscheidenden 60 Minuten drehen sich im Kreis. Kann es Zufall sein, dass beide Audi-Titelkandidaten innerhalb weniger Runden in grenzwertig harte Zweikämpfe verwickelt sind? Wie hart dürfen Nebendarsteller im Duell gegen die Protagonisten des Titelkampfes vorgehen? Wann muss die Rennleitung aktiv einschreiten? War der Audi-Rückzug divenhaft oder nachvollziehbar - und schadete er dem Sport? Mit nachträglich verhängten, drastischen Strafen für Mika Häkkinen und Daniel La Rosa versuchten die Sportkommissare, zumindest für Hockenheim deeskalierend einzugreifen. Und riefen bisher nur die Mercedes-Berufung hervor...

Tiefe Hoffnung

"Was heute passiert ist, geschieht nur dann, wenn eine solche Polarisierung zwischen zwei Herstellern passiert wie hier. Zwischen zwei Premiumherstellern, für die der Gewinn des DTM-Titels eine unglaublich hohe Priorität hat. Das ist das Ergebnis der Dramaturgie", bemüht sich Hans Werner Aufrecht an seinem wohl schwersten Tag als ITR-Chef um eine sachliche Analyse - und fordert Maßnahmen: "Wir alle sind für fairen Motorsport. Es ist Zeit, den Fahrer klar zu sagen, wie gemäß den Regularien überholt werden kann - und diese Frage nicht in der Schwebe zu lassen. Man tut den Fahrern einen großen Gefallen, wenn man ihnen sagt, was richtig ist und was falsch." Ein überzeugendes Machtwort, das noch rechtzeitig kommt?

"Wolfgang Ullrich und ich werden uns in den nächsten Tagen zusammensetzen. Wir sollten die Situation nicht überbewerten. Es gibt keinen Grund für Spekulationen", versucht Norbert Haug, Ruhe zu bewahren - und schlimmsten Gerüchten vorzubeugen. "Wir haben über das heutige Rennen geredet - das hat nichts mit 2008 zu tun. 2008 wollen wir Rennen wie diese vermeiden", kündigt Ullrich an. Dass sich ausgerechnet in Barcelona Audi-Vorstandschef Rupert Stadler vom Chaos aus nächster Nähe überzeugen konnte, sorgte für Gerüchte um Untergangsszenarien, die sich wie ein Lauffeuer verbreiteten - während Stadler öffentlich verlauten ließ: "Was heute auf der Rennstrecke passiert ist, war einfach inakzeptabel. Klar ist, dass wir weiter zur DTM stehen. Aber es müssen sich sicherlich ein paar Dinge ändern."

Wer wollte, konnte sich selbst in Barcelona davon überzeugen, dass die Basis für fairen, spannenden Tourenwagensport schon jetzt vorhanden wäre. "Ich hatte sehr gute Fights mit Mike Rockenfeller, Christian Abt und Markus Winkelhock. Das hat mir wirklich Spaß gemacht, auch wenn die Duelle zwischendurch recht hart waren. Wir haben uns einige Male leicht berührt, aber da gab es keine wirklichen Probleme. Es war ein schönes Rennen für mich", berichtete Gary Paffett. Doch zwischen schallenden Schuldzuweisungen wurde der Brite schlichtweg überhört...

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