Die Mercedes-Parole bestätigt sich: Noch ist nichts entschieden. Die Kräfteverhältnisse am Freitag hatten kaum noch etwas mit denen am Nürburgring zu tun...

Es hätte ein feuchtes Déjà-vu werden können: War bereits der letztjährige Testfreitag in Barcelona zur Rutschpartie geworden, so befanden sich auch während der letzten Tage dunkle Regenwolken zielstrebig im Anflug auf Barcelona. Erst im letzten Moment schienen die dunkelsten unter ihnen ihre Richtung gewechselt zu haben...

Richtungswechsel für Spengler?

"Es war sauheiß im Auto, da die Umgebungsluft unheimlich schwül ist", brachte das spanische Wetter Martin Tomczyk trotz begrenzten Sonnenscheins ebenso ins Schwitzen wie die Performance seines Dienstwagens. Mit den Plätzen 14 und elf und jeweils rund einer halben Sekunde Rückstand auf Bruno Spengler konnte sich der Titelkandidat nicht zufrieden geben. "Mit meinem Ingenieur haben wir deshalb einige radikalere Setup-Varianten ausprobiert, die sich aber nicht alle ausgezahlt haben", bilanziert Martin Tomczyk, der uns gegenüber jedoch gestand: "Am Ende sind wir einen kurzen Long Run von zehn Runden gefahren. Aber wir sind noch zu langsam."

Während Tomczyk somit wohl den Titel des kürzesten Long Runs einfuhr, wusste sich Timo Scheider mit seinem 2007er-Audi etwas besser zu arrangieren. "Audi kann seine bessere Aerodynamik hier ausspielen. Die Zeiten sind recht gut, auch in der Videoanalyse im Vergleich mit Mercedes", bleibt Scheider, der am Nachmittag schnellster Audi-Neuwagenpilot war, optimistisch - wenngleich er die neue Schikane im dritten Streckensektor als Nachteil für die Ingolstädter sieht: "Mercedes hat einen besseren mechanischen Grip - sie können besser aus langsamen Ecken wie der Schikane herausbeschleunigen."

Doch insbesondere Bruno Spengler war es zu verdanken, dass HWA-Mercedes als provisorischer Maßstab aus dem heutigen Testtag hervorging. Während Mika Häkkinen mit der neuen Streckenführung haderte und Bernd Schneider nicht über Positionen im Mittelfeld hinauskam, fuhr der Kanadier Bestzeit um Bestzeit ein - und rang auch seinen Teamkollegen Respekt ab. "Bruno ist einen sehr guten Long Run gefahren gefahren - das sieht viel versprechend aus", glaubt Green als am Nachmittag zweitschnellster HWA-Pilot Spengler ebenso wie sein Team auf einem guten Weg, "der zweite Test lief für uns besser als der erste. Wir scheinen ein gutes Paket zu haben, zumal sich mein Auto auf dem Long Run sehr gut angefühlt hat. Das Qualifying ist ein anderes Thema, aber für das Rennen sollten wir gut aufgestellt sein."

Richtungswechsel für die Jahreswagen

Ebenso wie Spengler große Chancen auf einen Richtungswechsel in der Meisterschaft zu seinen Gunsten andeutete gingen auch die Jahreswagen als Gewinner des Testfreitags hervor - mit einem vorzeitigen Testende wegen eines defekten Kühlers bestätigte Gary Paffett die Regel. Mit zweiten Rängen für Mike Rockenfeller und Christian Abt begann man insbesondere bei Phoenix und Rosberg, die mäßige Performance des Nürburgring-Wochenendes vergessen zu machen. "Das Auto fühlt sich fürs Qualifying schon recht gut an. Morgen müssen wir unser Entwicklungsprogramm noch so ändern, dass wir uns fürs Rennen noch verbessern. Generell bin ich optimistisch", sieht Abt seine Erwartungen übertroffen, während sich Teamkollege Alexandre Prémat "sicher" ist, in die "letzte Sektion zu kommen".

Dem zweiten Rang zum Trotz sieht Rockenfeller noch Verbesserungspotenzial: "Ich hatte gedacht, dass wir ein bisschen schneller sein würden. Wir müssen noch etwas finden, speziell über die Distanz." So dürfen auch die Mercedes-Jahreswagen - während der Tests solide, aber nicht überragend - darauf hoffen, dass sich die Analyse von Audi-Sportchef Dr. Wolfgang Ullrich bestätigt: "Entgegen der Vorhersage haben wir einen trockenen Freitag erlebt. Trotzdem änderten sich die Grip-Verhältnisse sehr stark. Es ist daher schwierig, die Zeiten zu vergleichen."

Zu viele Richtungswechsel

Flüssig, harmonisch, fahrerisch anspruchsvoll: Seitdem sich im dritten Streckensektor ein schneller zweifacher Rechtsknick in ein hakeliges Rechts-Links-Rechts-Rechts verwandelte, wollen die DTM-Piloten jene Komplimente nicht mehr uneingeschränkt an den Circuit de Catalunya aussprechen. Die neu installierte Schikane vor der Zielkurve erntet - mit nur wenigen Ausnahmen - teils heftige Kritik der Fahrer. "Früher war man schneller im letzten Streckenabschnitt, und wenn abgeflogen ist, hat das auch weh getan, war aber besser", vergleicht Timo Scheider im Gespräch mit uns, "aber die neue Schikane ist ein Sicherheitsrisiko. Es besteht die Gefahr, sich in dieser Enge mit seinem Gegner zu berühren. Die Begrenzungen hinter den Curbs können leicht das Auto beschädigen, wenn man sie überfährt."

Neben der Erhöhung der Sicherheit bildete die Vergrößerung der Überholchancen das zweite Ziel der Streckenarchitekten - doch auch dies sieht so mancher nicht erreicht. "Man hätte die Schikane in der DTM nicht gebraucht. Durch sie kann man auf keinen Fall besser überholen", glaubt Christian Abt, dem Gary Paffett widerspricht: "Man kommt nah an den Gegner heran und kann so überholen." Leicht zu überholen war ausgangs der Schikane am Nachmittag zumindest Mika Häkkinen - machte der Finne doch unfreiwillige Bekanntschaft mit dem Kiesbett. "Ich habe leider das Limit gefunden..."

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