Traditionell fliegen in Zandvoort zum Amüsement der Zuschauer die verbalen Fetzen. Doch in diesem Jahr erreichte man einen neuen Höhepunkt...

Was gab es in den Zandvoort-Rennen der letzten Jahre nicht schon alles zu diskutieren: Ein teaminterner Lackaustausch zwischen Christian Abt und Mattias Ekström war es, der 2005 auf der Agenda stand. Dazu die Frage: Verlegte Audi-Jahreswagenpilot Rinaldo Capello seinen Bremspunkt vor, um Bernd Schneider in einen Auffahrunfall zu zwingen?

2006 ging es munter weiter: Eine angebliche Blockade Bruno Spenglers gegen Tom Kristensens im Qualifying. Durchfahrtsstrafen, die laut Norbert Haug "immer nur uns treffen", nachdem Mika Häkkinen mit Christian Abt sowie Jamie Green mit Mattias Ekström aneinander geraten waren. Man solle sich an die eigene Nase fassen, man möge die Leute nicht, die am lautesten schreien, schallte es durchs Fahrerlager.

Am lautesten? Der heutige Rennsonntag in Zandvoort bewies, dass es noch lauter geht. Christian Abt und Dr. Wolfgang Ullrich, Bernd Schneider und Norbert Haug reihten sich erneut in die Schar der Streithähne ein; viele weitere Protagonisten gaben ihr Debüt im Zandvoort-Zwist. Den Vorwurf der PR-technischen Glätte muss sich die DTM spätestens seit heute nicht mehr gefallen lassen - der Reiz der klaren Worte schien in Zandvoort in der Meeresluft zu liegen. Langeweile will in der DTM weiterhin nicht aufkommen - nicht der schlechteste Umstand...

Das Zandvoort-Dilemma

"Man kann hier kaum ohne Berührungen überholen", beschrieb Gary Paffett kurz und knapp das gesamte Zandvoort-Dilemma. Während man mit vorsichtiger Fahrweise nicht in den Verdacht fragwürdiger Attacken kam, allerdings auch wenig zur Spannung des Rennens beitrug, brachten beherzte Überholversuche umso größere Risiken mit sich. "Es hätte nicht erlaubt sein dürfen, dass Fahrer andere Konkurrenten nur mithilfe von Berührungen passiert haben", führte Paffett fort. So blieb die alles entscheidende Fairness-Frage: Hatte man sich auch ohne Berührung zunächst neben dem Gegner platzieren können, um dann mit leichtem Anklopfen vorbeizuziehen? Oder musste man sich zunächst mithilfe eines Remplers eine sonst nicht vorhandene Lücke schaffen, um den Gegner zu passieren?

Der Boxenzwist

Dass in der Boxengasse weder Überholen noch Anklopfen gern gesehen ist, musste auch Christian Abt erkennen. Nach Verlassen seiner Boxencrew hatte er Bruno Spengler zunächst berührt, um ihn dann weiter nach links zu drängen. "Christian Abts Aktion in der Boxengasse konnte ich nicht nachvollziehen - es war genug Platz für zwei Autos. Auch für den Mann, der ausgangs der Boxengasse stand, war das sehr gefährlich. Ich bin ihm fast über die Füße gefahren", zeigte sich Spengler empört über den bayrischen Audi-Routinier. Die Rennleitung gab dem Kanadier Recht: So wurden gegen Abt eine Verwarnung und 2.000 Euro Geldstrafe verhängt - eine Strafe, die aus Stuttgarter Sicht nicht ausreichte. Was bei Mercedes unerwähnt blieb: Auch Alexandros Margaritis erleichterte sich um 2.000 Euro, nachdem er Markus Winkelhock nach dem Einfädeln in die Fast Lane blockiert hatte.

Der Tarzan-Zwist

Auf den Ausgang der Boxengasse folgt die Tarzankurve - die es bekanntlich in sich hat. Vor zwei Jahren trug sich hier die Kollision zwischen Schneider und Capello zu; diesmal nahm hier das Unheil im Kampf gegen Tom Kristensen seinen Lauf. Der Däne verließ nach seinem zweiten Stopp die Boxengasse, stach als Erster in die Kurve und sah sich von Schneider auf die Hörner genommen. "Als ich aus der Box kam, hat mich Schneider in der ersten Kurve hinten touchiert. Im letzten Jahr war Bernd nicht so begeistert, wenn man ihn von hinten berührte", stellte der Audi-Pilot verärgert fest, während Schneider zur ersten Phase der Rangelei nur bemerkte, "innen in die Kurve gefahren" zu sein.

Ausgangs der Tarzankurve wurde die Gangart nochmals härter - ob fahrerisch oder verbal. "Auf der folgenden Geraden fuhr er mir ohne Grund ins Auto", beklagte Schneider. Kristensen, zeitweise mit der linken Fahrzeugseite neben der Strecke, widersprach. Aus seiner Sicht leistete er notwendige Gegenwehr: "Auf der Geraden hat er versucht, mich von der Strecke zu drängen. Norbert Haug nimmt ihn in Schutz. Ich finde dieses Verhalten sehr schade." Die Rennleitung ließ Kristensen und Schneider unbestraft - und die Schuldfrage ungeklärt. In einer ungewöhnlich deutlich formulierten Audi-Pressemitteilung legte Kristensen mit Blick auf seinen späteren Ausritt ins Grüne nach: Auch Jamie Green habe ihn am Heck getroffen.

Der Hugenholtz-Zwist

Ausgerechnet in der Hugenholtz-Kurve, benannt nach dem Streckenarchitekten von Zandvoort, trat Timo Scheider einen erneuten Beweis an, wie schwer das Überholen auf dem Dünenkurs fällt. Dass Scheider ausgerechnet gegen Spengler kämpfte, entspannte die Lage nicht, unterhalten die beiden doch schon seit Hockenheim eine ganz besondere Freundschaft, die in Mugello aufgefrischt wurde. Am Mittwoch vor dem Rennen habe ihn Scheider angerufen, um sich für das harte Startmanöver von Mugello zu entschuldigen, berichtete Spengler. Der Kanadier hielt die Entschuldigung für halbherzig - und sah sich bestätigt. "Scheider ist mehrfach in mein Auto gefahren; hinten links fehlten mir sämtliche aerodynamischen Teile. Es war unfair, mich so zu überholen", kommentierte der HWA-Youngster den Kampf um Platz drei.

"Das war kein faires Rennen, wie man es von Mercedes gewohnt ist. Audi sollte auf diesen Sieg nicht stolz sein", schoss Spengler weiter, der nach dem Duell gegen Scheider auch seine Hinterreifen so stark in Mitleidenschaft gezogen sah, dass Mattias Ekström mühelos vorbeizog. Timo Scheider konterte: "Die Diskussionen über dieses Manöver kann ich nicht nachvollziehen. Wenn man so nicht überholen darf, ist man falsch im Sport. Es gab andere Situation im Rennen, in denen Mercedes sehr viel härter gegen Audi vorgegangen ist als ich gegen Bruno." Womit wir wieder beim Tarzan-Zwist wären...

Der Stallorder-Zwist

"Ich denke, dass es einfach zuviel war, wenn man sich so ins Auto fährt, und dann das Auto auch so viele Teile verliert, dass es dann einfach nicht mehr schnell genug fahren kann. Jetzt werden wir sehen, wie die Sportbehörde das Ganze sieht und wie es weitergeht", ärgerte sich Norbert Haug über die Audi-Manöver - und konnte sich auch einen Kommentar zur Audi-Stallorder nicht verkneifen: "Ich denke, die Fans müssen das entscheiden, wie die Reaktionen sind. Ich sollte nicht der Richtige sein, der das thematisiert." Dass statt Prémat Tomczyk auf der obersten Podeststufe stand und statt Scheider Ekström aufs Podest kam, wurde von einigen Fans mit Pfiffen und Buhrufen quittiert - was man bei Audi gerne hinnahm: Ein drittes Jahr ohne Titelgewinn kann und will man sich nicht leisten.

Als Sieger der Herzen ging Tomczyk nicht aus Zandvoort hervor - wenngleich Prémat ebenso wie Kristensen schon tags zuvor bekannte: "Jetzt will ich den 2007er Autos bestmöglich im Kampf um die Meisterschaft helfen." In letzter Konsequenz war das heutige Szenario somit keine Überraschung. Die für den sportlichen Wert des Rennens nicht bereichernden Positionswechsel minderten selbst unter Audi-Fans die Freude am Rekorderfolg der Ingolstädter - und sind in der Endphase eines Titelkampfs mal offensichtliche, mal weniger offensichtliche Realität des Motorsports.

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