In Nürnberg berichtete Tom Kristensen erstmals über seinen schweren Hockenheimer Startunfall sowie die noch schwerere Zeit danach.

"Alles fühlt sich ganz normal an. Körperlich und mental bin ich wieder voll auf der Höhe. Ich habe sofort an nichts anderes gedacht, als wie ich unser Auto im Setup weiter verbessern kann", stellt Tom Kristensen bereits nach den ersten Norisring-Sessions in seinem Audi A4 DTM fest. Einem gelungenen Comeback des Dänen in Nürnberg war eine lange Zeit des Bangens vorausgegangen: Scheinbar endlose Schreckminuten durchlebten die Familie Kristensens, die Audi-Mannschaft sowie die gesamte DTM-Welt nach dem schweren Hockenheimer Startunfall der Le-Mans-Legende, auf die Entwarnung folgte eine Genesungsphase, die weit länger dauerte als ursprünglich gedacht. In Nürnberg sprach Tom Kristensens erstmals über seine dunklen Minuten, schweren Stunden und langen Wochen, die zwischen dem großen Knall von Hockenheim und der Rückkehr ins Cockpit lagen:

Dunkle Minuten

Ein unspektakulärer Start von Platz fünf, ein reibungsloses Einfädeln in die erste Kurve. Zufahrt auf die zweite Kurve, rechts einlenken. Verteidigung gegen Timo Scheider - doch dann der Randstein. Ein Dreher, mit einem Donut zurück auf die Strecke. Erster Treffer. Zweiter Treffer. CUT. "Ich weiß nur noch, wie ich den zweiten Sektor begann, ich nach dem Dreher wieder schnellstmöglich ins Rennen wollte und ich ein weißes Auto auf mich zukommen sah. Danach fehlten mir mehr als 20 Minuten in meiner Erinnerung", berichtet Tom Kristensen von einem schwarzen Fleck in seinem ersten Leben, der erst mit einer weiteren unangenehmen Situation endet: "Danach kann ich mich erst wieder erinnern, wie ich auf einer Trage im Rettungswagen liege. Als ich in von dort aus die Autos gehört habe, wollte ich eigentlich sofort wieder fahren..."

Erst später lüftet sich für Kristensen das Geheimnis um die dunklen 20 Minuten. Während der Däne bewusstlos und mit größter Vorsicht aus dem völlig zerstörten A4 DTM geborgen, erstversorgt und in den Rettungswagen verfrachtet wird, präsentiert sich sein Renningenieur umso geistesgegenwärtiger. "Ich wurde im Auto angefunkt, konnte aber natürlich nicht antworten. Mein Renningenieur hat es drei Mal versucht und rannte dann in die Räume der Rennleitung, was er natürlich nicht durfte. Aber nach ein paar Minuten bekam er die Nachricht, dass ich lebe, und rief sofort meine Frau an", berichtet ein berührter Tom Kristensen, "auch wenn er für meine Reifen vielleicht mal einen zu geringen Luftdruck wählt - wer so etwas macht, bleibt für immer ein enger Freund..."

Schwere Stunden

Im Krankenbett angekommen darf Tom Kristensen höchstpersönlich Entwarnung geben: "Später kamen Dr. Ullrich und unser Teamarzt Dr. John zu mir, ich bekam einen Telefonhörer gereicht und meine Frau Hanne war am Apparat." Am Abend sieht Kristensen wieder und wieder die aufgezeichneten Szenen seines Unfalls, wundert sich über seinen Bettnachbarn, der gelegentlich allzu befremdliche Laute ausstößt - und fühlt sich den Umständen entsprechend hervorragend. Erst später folgen für den 40-Jährigen die Nachwehen des schweren Unfalls: "Es haben beim Unfall unvorstellbare Kräfte auf mich gewirkt. Meine Rippen haben die Organe leicht gequetscht. Von Stunde zu Stunde fühlte ich mich immer schlechter, auch wenn ich der Überzeugung war, in Oschersleben wieder fahren zu können."

Im Folgenden verschlechtert sich nicht nur von Stunde zu Stunde Kristensens Befinden - von Tag zu Tag rückt die Hoffnung auf ein rasches Comeback in weitere Ferne: "Ich hatte Kopfschmerzen, mir war schwindelig, ich war antriebslos. Am Mittwoch nach dem Rennen fühlte ich mich wesentlich schlechter als am Abend nach dem Unfall." Nach Verlassen des Krankenhauses zieht sich Kristensen mit seiner Familie in sein Sommerhaus ins norddänische Skagen zurück. Gemeinsam mit seinen Therapeuten will der siebenfache Le-Mans-Sieger zur Ruhe finden und langsam genesen. Die Spekulationen um ihn entgehen ihm dennoch nicht. Für den Rest der Saison außer Gefecht? Freiwilliger Rücktritt? Karriereende? Tom Kristensen lässt die Gerüchte unkommentiert: "Es war sehr wichtig für mich, gegenüber der Presse nicht täglich zu meiner Verfassung Auskunft geben zu müssen."

Lange Wochen

Zwar dauert die Genesung weit länger als von Kristensen ursprünglich vermutet. Das mittelschwere Hirntrauma macht sich auch Wochen nach dem schweren Unfall durch regelmäßige Schwindelanfälle bemerkbar. Zweifel am Comeback hat Kristensen dennoch nie - und ist umso dankbarer, hierüber mit seiner Familie nicht lange diskutieren zu müssen. "Eines Morgens sagte meine Frau zu mir: \'Ich bin sicher, dass du ins Rennauto zurückkehren kannst, vielleicht sogar stärker denn je. Aber das dauert seine Zeit.\' Danach wusste ich, dass sie hinter mir steht", berichtet Kristensen über einen Schlüsselmoment seiner schweren Wochen. Erst im Juni zeichnet sich ab, dass der Zeitpunkt des Comebacks gekommen ist.

"Während meiner ersten Runden in Brands Hatch gingen mir zugegebenermaßen viele Dinge durch den Kopf, denn ich hatte eine schwierige Zeit erlebt", berichtet Kristensen von seinen ersten, weit gehend unbemerkten Runden im Renntaxi, auf die eine Woche später in Le Mans ein eindrucksvolles Comeback folgt: "Schon in Le Mans haben alle gesehen, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich habe in Le Mans bis zum Ausfall gemeinsam mit Allan McNish und Rinaldo Capello noch nie so dominiert wie diesmal..."

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