Bernd Heynemann

Heynemann, Jahrgang 1954, aus Magdeburg, war von 1980 bis 2001 Schiedsrichter. Er leitete Spiele in der DDR-Oberliga und Bundesliga. International pfiff Heynemann 14 A-Länderspiele und 42 Europapokalbegegnungen.

Als Fifa-Schiedsrichter nahm Heynemann an der WM 1998 in Frankreich teil. Bis 2010 arbeitete er auch als internationaler Schiedsrichterbeobachter.

Das CDU-Mitglied Heynemann saß von 2002 bis 2009 im Bundestag. Heute arbeitet er bei der AOK in der Öffentlichkeitsarbeit. Seit 1999 gehört der Ex-Referee dem Magdeburger Stadtrat an. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien startet heute mit Freistoßspray und Torlinienkameras. Im Volksstimme-Interview spottet Ex-Fifa-Schiedsrichter Bernd Heynemann über die neue "John-Wayne-Ausstattung" der WM-Referees.

Volksstimme: WM in Brasilien - heute geht es los. Verfolgen Sie das eher gelassen oder sind Sie ein echter Fußball-TV-Hardcore-Junkie?
Bernd Heynemann:
Hardcore nicht. Die Vorfreude ist bei dieser WM nicht ganz so groß, habe ich den Eindruck. Das liegt zum einen an den sozialen Problemen im Ausrichterland und zum anderen an der Fifa-Korruptionsaffäre. Beides stand bislang sehr im Fokus. Und auch bei der deutschen Nationalmannschaft weiß man nicht, ob Fisch oder Fleisch. Mal sehen.

Deutschland wird nicht Weltmeister?
Das glaube ich nicht. Bis zum Vierteilfinale kommen sie aber bestimmt. Ich glaube, dass der Weltmeister aus Europa kommt. Vermutlich Spanien, vielleicht aber auch Belgien.

Sind Sie dem Schiedsrichterwesen heute noch aktiv verbunden?
In offizieller Funktion nicht mehr.

Warum nicht? Bis 2010 waren Sie doch noch als internationaler Beobachter tätig?
Und dann kam Fandel.

Gab es persönliche Verwerfungen mit Herbert Fandel, den neuen Vorsitzenden der DFB-Schiedsrichter-Kommission?
Das kann man so nennen. Fandel hat erst mal alle rasiert. Das muss ich nicht mehr haben.

Für Deutschland fährt der 39-jährige Felix Brych als Referee zur WM. Der Phantomtor-Schiri von Hoffenheim. Ist das der richtige Mann?
Ich glaube schon. Es stand die Wahl zwischen Wolfgang Stark und Felix Brych. Stark war schon zur WM in Südafrika. Brych war dran, auch um die Sache von Hoffenheim vergessen zu machen. Und so etwas wie in Hoffenheim, dass ein Ball durch ein Loch im defekten Außennetz rutscht, kann ja dank der neuen Torlinientechnik in Brasilien nicht passieren.

Wirklich? Die WM-Schiedsrichter in Brasilien können selbst bestimmen, ob sie der ihnen angezeigten Empfehlung der Torlinientechnik folgen oder nicht. Ist das nicht inkonsequent?
Nein. Das letzte Wort sollte der Schiedsrichter haben. Es kann ja zum Beispiel sein, dass es vor dem Tor eine Abseitsposition gab. Das muss der Schiedsrichter natürlich berücksichtigen. Die Torlinientechnik ist eine Entscheidungshilfe, die besser zu klären hilft, ob der Ball physisch die Linie überschritten hat. Sie hilft dem Schiedsrichter, ersetzt aber seine Entscheidung nicht.

Also begrüßen Sie die Einführung der Torlinientechnik?
Ja. Fifa-Präsident Sepp Blatter hatte Mut zur Einführung, damit so etwas wie das nicht gegebene Tor in dem WM-Spiel 2010 Deutschland gegen England nicht noch einmal passiert.

Und Sie würden auch gut finden, wenn diese Technik in der Bundesliga eingeführt werden würde?
Selbstverständlich. Das haben wir ja im Pokal-Endspiel gesehen, dass so eine Technik auch in Deutschland Sinn macht. Es war fast ein Segen, dass diese Fehlentscheidung, für die aus meiner Sicht übrigens der Assistent an der Seitenlinie verantwortlich war, ausgerechnet im Pokalendspiel passiert ist. So wird im Herbst über die Einführung der Torlinientechnik in Deutschland noch einmal neu diskutiert.

Es heißt, die Vereine vor allem in unteren Ligen können sich das nicht leisten. Wäre eine Einführung nur in der ersten Bundesliga nicht ungerecht?
Dann muss die Deutsche Fußballliga die Einführung der Technik für die erste und zweite Liga maßgeblich mitfinanzieren. Die Gesamtkosten wären meines Wissens mit etwa 100.000 Euro pro Saison für beide Ligen überschaubar. Ich schätze, dass die Torlinientechnik in Deutschland zum Saisonstart 2015/2016 kommen wird. Zumal auch andere europäische Ligen diese Technik einführen wollen.

Was halten Sie denn von der zweiten großen technischen Neuerung - Schaumspray aus der Dose, das nach 60 Sekunden wieder verschwindet? Die Schiedsrichter sollen es zur Kennzeichnung des Abstandes zwischen Freistoßpunkt und Abwehrmauer auf den Rasen sprühen.
(lacht) Die Schiris laufen bald auf wie John Wayne. Nur nicht mit Colt, sondern mit einer Spraydose im Halfter.

Wird das nicht langsam zu viel? Was gehört denn alles zur Ausstattung eines Schiedsrichters?
Pfeife, Ersatzpfeife, gelbe Karte, rote Karte, Schreibgerät, Notizblock, Kopfhörer-Headset, Empfangsgerät und Akku vom Headset, elektronische Vibrationsarmbinde zur Verbindung mit dem Assistenten, Uhr-Computer als Empfänger der Torlinientechnik und nun noch die Sprayflasche.

Wo bringt man die Sprayflasche unter? In der Tasche, in der Hand, am Gürtel?
Weiß ich nicht. Ich warte bloß auf den Moment, bei dem das Ding nicht funktioniert. Die Flasche ist zwar handlich, aber klein. Ich sehe die Schiedsrichter schon vorm Freistoß stehen und das Ding schütteln, weil nichts mehr rauskommt. Das sieht dann so aus, als würden sie sich einen Drink mixen.

Mit anderen Worten: Sie halten nicht sehr viel vom Freistoßspray?
Nein, das ist absoluter Schwachsinn. Wenn der Schiedsrichter genügend Autorität im Umgang mit den Spielern hat, braucht er auch kein Schaumspray für die Freistoßmauer. Entweder, die bleiben bei 9,15 Meter stehen oder sie kriegen eine Ansage. Und wenn sie dann nicht hören, gibt es Gelb. Jetzt fangen die an, wie Kunstmaler zu agieren, die Freistoßpunkte malen und Linien. Und dann diskutieren die Spieler vielleicht noch: "Schiri, das sind jetzt aber eher 8,37 Meter als 9,15 Meter!" Schwachsinn ist das.

Aber ist die Linie nicht doch eine psychologische Barriere: Bis hierhin und nicht weiter?
Wenn die Mauer steht und nach vorn geht - das sehe ich doch als Schiedsrichter, egal ob da ein Strich ist oder nicht. Ob die Spieler den Anweisungen des Referees folgen, ist allein eine Frage seiner Autorität. Ist die nicht da, hilft auch kein Schaumspray.

Gibt es heute weniger charismatische und autoritäre Schiedsrichter als zu ihrer aktiven Zeit?
Ja, das ist so. Heute sollen die Aktiven nur noch stromlinienförmig funktionieren. Das trifft für die Schiedsrichter ebenso zu wie für die Spieler. Typen wie Basler, Matthäus oder Buchwald gibt es heute leider kaum noch.

Sehen Sie das nicht ein wenig verklärt nach dem Motto: Früher war alles besser?
Nein. Ich bin noch viel unterwegs und höre häufig von Sport-Funktionären: Mit dir konnte man noch reden. Die Schiedsrichter heute darf man gar nicht mehr ansprechen. "Äh, Schiri, was war das denn?" "Gehen Sie weg, gehen Sie weg! Rühren Sie mich nicht an!" Bloß keine Kommunikation. Alles auf Distanz. Uli Hoeneß die Hand geben? Um Gottes willen! Das wäre ja Kontakt zum Verein. Heute wird den Schiedsrichtern gesagt: Ihr geht aufs Feld, ihr seid die Größten. Die anderen sind Idioten und Millionäre! Die kriegen von euch, was sie brauchen und nicht mehr.

Und zu Ihrer Zeit gab es weniger Distanz zu den Spielern?
Klar. "Mario", habe ich gesagt. "Nimm mal ein Pfeffi. Du stinkst. Du hast schon wieder geraucht." "Danke, Danke", hat der gesagt und ist in der Kabine verschwunden. Mal ein paar Sprüche, ein bisschen auflockern. Die Spieler sind doch auch nicht aus Beton. Heute heißt es: ja nicht ansprechen. Bloß kein Interview, niemals eine Meinung vertreten. Das merken auch die Vereine. Die kommen an die Schiedsrichter überhaupt nicht mehr ran.

Sie klingen so, als würden Sie eigentlich doch ganz gern Ihre Erfahrungen im Schiedsrichterwesen weitergeben. Ärgert Sie, dass Sie keiner mehr fragt?
Das ärgert mich nicht. Ich habe damit abgeschlossen. Ich bin bei "GoFus" - das sind die golfenden Fußballer. Beim Golfspiel und bei vielen Benefiz-Fußballbegegnungen treffe ich häufig alte Bekannte. Und in Magdeburg spiele ich jetzt wieder bei den Alten Herren in der Kreisklasse Fußball. Das macht mir viel Spaß.

Haben Sie sich beruflich mit Ihren politischen Ambitionen nicht doch etwas verzettelt? Wäre es nicht besser gewesen, nach Ihrer Karriere konsequent eine Sportfunktionärslaufbahn anzustreben - unabhängig von der Person Herbert Fandel?
Hätte, hätte, Fahrradkette. Ich war zwei Legislaturen für die CDU im Deutschen Bundestag. Wer ist schon im Deutschen Bundestag? Und ich habe jetzt im Magdeburger Stadtrat bei der Kommunalwahl das zweitbeste Ergebnis erzielt. So schlecht kann ich also nicht sein. Ich will mich, was das Schiedsrichterwesen betrifft, nicht mit aller Macht einbringen. Ich muss niemandem mehr beweisen, dass ich ein guter Schiedsrichter war oder heute noch bin. Das tue ich mir nicht mehr an.

Und in der Kreisklasse bei den Alten Herren können Sie alle Schiedsrichter-Entscheidungen ganz gelassen hinnehmen?
(lacht) Also ich habe noch keine gelbe Karte fürs Reklamieren bekommen. Und ich gehe auch immer vorbildlich ohne Halskette auf den Platz. Ganz entspannt.

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