Salvador da Bahia (dpa) l Kurz nach Sonnenaufgang findet auch Joachim Löw am Strand vor dem Campo Bahia Zeit für ein wenig Zerstreuung. Die WM vereinnahmt den Bundestrainer völlig, der 54-Jährige grübelt bis zuletzt über Systeme, Personal und Strategien für das wegweisende Schlüsselspiel in Salvador da Bahia gegen Portugal. Am Montag (18 Uhr/ARD) beginnt für Löw sein viertes Turnier als Chef - Ausgang und Verlauf werden über die inzwischen achtjährige Ära des zehnten deutschen Nationaltrainers urteilen.

Die Strandläufe sind ein Kraftquell für die prall gefüllten Tage mit Trainingseinheiten, Sitzungen, Videostudium und vielen Gesprächen, die er mit seinem Trainerstab, der Mannschaft, den Medizinern und Fitnesstrainern sowie dem Logistik-Team um Manager Oliver Bierhoff führen muss. "Für mich persönlich ist gerade am frühen Morgen eine gute Gelegenheit, ein bisschen Sport zu machen, das tut mir gut. Das ist für mich ein guter Ausgleich und ein guter Auftakt in den Tag", schilderte Löw. Er könne dabei abschalten: "Ich begebe mich da nicht in eine Welt, in der ich nur an Cristiano Ronaldo denke."

Über "Jogis Welt" ist in den ersten Tagen in Brasilien viel geschrieben und noch mehr spekuliert worden. Erkennbar ist, dass Löw bei seiner vierten Titelmission radikaler seinen eigenen Weg verfolgt, dass er einsamere Entscheidungen trifft und vor allem kein gesteigertes Bedürfnis mehr verspürt, jeden einzelnen seiner Schritte öffentlich zu erklären, geschweige denn zu verteidigen.

"Ich als Trainer sollte nicht schauen, was viele sogenannte Bundestrainer schreiben und sagen, welche Meinung sie haben", sagte Löw bei seiner einzigen Pressekonferenz im WM-Stammquartier in Santo André vor dem Portugal-Spiel. "Ich bin jetzt schon bei dem einen oder anderen Turnier dabei gewesen. Ich kenne ja auch manche Diskussionen, das wiederholt sich immer wieder", bemerkte er.

Löw meint die immer wiederkehrenden Debatten um das Camp, die 23 Spieler oder um falsche und richtige Neuner im Sturm. "Es ist mir klar, dass es unterschiedliche Meinungen gibt zur Kaderauswahl, zu Aufstellungen, zur taktischen Ausrichtung." Löw weiß, dass er in Brasilien liefern muss, mehr als Finale (EM 2008) oder Halbfinale (WM 2010, EM 2012). Unterhaltsamer Fußball und souveräne Qualifikationen sind auf Dauer kein Ersatz für Titel, wenn der letzte mittlerweile schon 18 Jahre zurückliegt.

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