Santo André (dpa) l Jetzt geht es gegen ein ganzes Land - und die deutschen Malocher fühlen sich bereit für den bisher härtesten WM-Job. "Wir haben eine große Möglichkeit, das Ding in der Hand zu halten", sagte Miroslav Klose mit funkelnden Augen. Der Oldie spürt wie alle seine Kollegen die historische Chance auf den ganz großen Coup im Fußball-Traumland. "Das Projekt ist noch nicht beendet", haben sich Joachim Löw und seine Spieler nach dem hart erkämpften Viertelfinalsieg gegen Frankreich im Campo Bahia geschworen. Alle wollen noch einmal zurück ins Maracanã, um am 13. Juni im Endspiel den goldenen Weltpokal abzuholen.

Der Respekt vor Rekordweltmeister Brasilien, der nach dem Ausfall von Superstar Neymar weiterhin unter Schock steht, ist im deutschen Lager groß. Doch noch größer ist die Freude auf das Halbfinal-Duell am Dienstag (22 Uhr/ZDF). "Glückwunsch, Brasilien! Ihr spielt und organisiert eine fantastische WM. Das wird ein großes Spiel in Belo Horizonte", erklärte Löw und wünschte Neymar schnelle Genesung. "Trotzdem erwartet uns eine der schwierigsten Herausforderungen im Weltfußball, Brasilien im eigenen Land zu schlagen", sagte der neue deutsche Kopfball-Gigant Mats Hummels.

Unabhängig von den Ausfällen beim Kontrahenten sieht der 36-jährige Klose für die deutsche Mannschaft die einmalige Möglichkeit, die Serie der kleinen WM-Finals zu beenden und nach 24 Jahren die Trophäe wieder nach Deutschland zu holen: "Die sollten wir packen." Auch Löw wirkte nach seinen aufgegangenen taktischen und personellen Entscheidungen beim 1:0 gegen Frankreich optimistisch: "Wir waren bei den letzten fünf Turnieren unter den letzten vier. Jetzt wollen wir den nächsten Schritt machen."

Deshalb ließ der Chef der Titelmission, der mit dem Vorstoß unter die Top-Vier auch die Debatten um seine Position und Zukunft abwürgen konnte, auch nur eine kurze Auszeit zu. Die Frauen und Familien durften nochmals für einen Nachmittag zu Besuch ins WM-Quartier, bevor Löw alle Konzentration auf Brasilien richtete. Zweimal setzte er am Wochenende im Dörfchen Santo André Training an.

"Ich brauche nicht mehr um Platz drei zu spielen - definitiv", verkündete Kapitän Philipp Lahm: "Man will mehr, definitiv." Ein drittes Mal ein Spiel um Platz drei würde keiner im DFB-Lager als Erfolg ansehen. Zu aufreibend, zu anstrengend war dafür der bisherige Weg. Deshalb gab es nach dem 13. Halbfinaleinzug einer DFB-Auswahl bei einer WM durch das zweite Turnier-Kopfballtor von Hummels auch keine längeren Feierlichkeiten.

Löw hat für die Revanche für das verlorene WM-Finale gegen die Brasilianer 2002 in Japan alle Optionen. Seine Umstellungen gegen Frankreich, zu denen er sich auch nach einigen kontroversen Diskussionen in der sportlichen Leitung und im Team durchgerungen hatte, passten und gaben dem Spiel des dreimaligen Weltchampions neuen Esprit.

Lahm zurück auf rechts, Klose als Angriffsspitze, Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira wieder gemeinsam in der Mittelfeldzentrale, dazu das neue Innenverteidiger-Duo Hummels und Jérome Boateng - das alles brachte in einem nun starrer praktizierten 4-3-3-System mehr Organisation und Struktur. Ob dies auch sein Matchplan für Brasilien sein wird, ließ der Bundestrainer offen.

"Wichtig wird sein zu sehen, wie die Spieler dieses Frankreich-Spiel verkraften. Man hat natürlich schon gemerkt, dass einige Spieler, die auch länger verletzt waren, ans Limit mussten", erklärte Löw. Sami Khedira ist nach langer Pause noch nicht auf Topniveau, Mesut Özil fremdelt weiter auf den Flügel-Positionen.

Regeneration steht im Vordergrund, der Abflug nach Belo Horizonte wurde auf einen Tag vor dem Spiel verschoben. Bisher war der DFB-Tross stets schon zwei Tage vorher angereist. "Jetzt heißt es einfach, die Kräfte zu bündeln, das Viertelfinale aus den Knochen zu schütteln und uns gut zu regenerieren. Dann muss man sehen, wie entschieden wird", sagte Löw.

Am morgigen Dienstag muss das Löw-Team noch mehr an die Grenzen gehen. "Brasilien hat große Qualität von den Einzelspielern. Da spielst du gegen ein gesamtes Stadion, gegen ein gesamtes Land. Das ist dann schon etwas Besonderes", sagte Toni Kroos.