Berlin - Deutschlands Heim-WM polierte das Image der ganzen Nation auf.

Ein einziges Fußballspektakel schaffte vor acht Jahren in nur 31 Tagen das, was zahlreichen politischen Granden vorher in Jahrzehnten nicht gelungen war: die Bundesbürger in der Welt als enthusiastische, aufgeschlossene und lebenslustige Gastgeber zu präsentieren. Eine nie dagewesene Begeisterung fesselte 2006 ein ganzes Land und machte Berlin wie München, Frankfurt wie Hamburg, Düsseldorf wie Köln zu schwarz-rot-goldenen Partyzonen. Der Ausnahmezustand gipfelte darin, dass nach dem letzten deutschen Spiel gegen Portugal mitten in der Nacht 50 000 Menschen zum Teamhotel in Stuttgart pilgerten und die Helden ihres Sommermärchens umschwärmten.

"Das Ansehen Deutschlands in der Welt ist nach dieser WM ein anderes", kommentierte Cheforganisator Franz Beckenbauer ein Ballfestival der Superlative, das FIFA-Präsident Sepp Blatter als "beste WM aller Zeiten" pries. Da machte es noch nicht mal etwas aus, dass Jürgen Klinsmanns Boygroup das Traumziel WM-Endspiel verpasste und durch ein 0:2 nach Verlängerung im Halbfinale gegen den späteren Weltmeister Italien nur ins Match um Platz drei gegen Portugal einzog. Hunderttausende feierten die "Weltmeister der Herzen" am 9. Juli dennoch am Brandenburger Tor, überhaupt berauschte die Heim-WM Deutschlands Innenstädte: Public Viewing etablierte sich.

Millionen schwarz-rot-goldene Fahnen flatterten im ganzen Land an Autos und von Balkons, die Gastgeber erkannten sich in ihrer Ausgelassenheit selbst nicht mehr wieder und begeisterten auch zwei Millionen ausländische Gäste. "Die WM und der Sommer bleiben mir unvergesslich", versicherte Klinsmann, der knapp ein halbes Jahr später für seine Verdienste von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) persönlich das Bundesverdienstkreuz überreicht bekam. "Ich habe ihn für seinen Weg ein Stück weit bewundert", sagte Merkel.

Aus einer Truppe von Nobodys und Nachwuchskräften hatte Teamchef Klinsmann zusammen mit seinem Compagnon Joachim Löw eine Mannschaft geformt, die das ganze Land mitriss. Das 4:2 gegen Costa Rica zum Auftakt war schon denkwürdig, das 1:0 gegen Polen mit Oliver Neuvilles "Last-Minute-Treffer" gab der Fußball-Nation den letzten Kick. Es folgten der überlegene 2:0-Achtelfinalsieg gegen Schweden mit einer der besten ersten halben Stunden, die eine deutsche Mannschaft je bei einer WM gespielt hat. Und natürlich der denkwürdige Elfmeterkrimi im Viertelfinale gegen Argentinien mit Torwart Jens Lehmann in der Heldenrolle.

Erst kurz vor der Weltmeisterschaft hatte sich Klinsmann für den England-Legionär und gegen den dreimaligen Welttorhüter Oliver Kahn entschieden. Das Bayern-Idol blieb als Reservist im Team - und zollte seinem Intimfeind Lehmann vor dem Elfmeterschießen mit einem Schulterklopfer Respekt. Ein Moment deutscher Fußballgeschichte.

Die WM machte Philipp Lahm, Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger schon mit Anfang zwanzig zu Weltstars. Das Bild vom weinenden Michael Ballack nach dem Italien-Aus gehörte ebenso zur Galerie eines magischen Turniers wie die medialen Höhenflügen um seinen Gesundheitszustand: Tagelang waren der angeschlagene Kapitän und seine "Wade der Nation" Thema Nummer eins in den deutschen Blättern. Hinterher gab Sönke Wortmanns gefeierte Dokumentation "Deutschland. Ein Sommermärchen" jedermann einen intimen Blick in die Mannschaftskabine, der Film wurde zum Kassenschlager.

Im Gedächtnis bleibt auch der fatale Abgang eines Weltstars: Mit einem Kopfstoß im WM-Finale gegen den Italiener Marco Materazzi verabschiedete sich Frankreichs Zinedine Zidane von der großen Bühne - und wurde dennoch zum besten Spieler des Turniers gewählt. "Zinedine Zidanes unglaubliche Karriere endet in Schande", schrieb die englische "The Times". Die Italiener triumphierten wie schon gegen Deutschland wiederum im Elfmeterschießen - trotz magerer Fußballkost. Dass die Mannschaft mit der besten Defensive am Ende gewann, passte zu einer WM, die zumindest spielerisch keine neuen Maßstäbe setzte.