In Erinnerung ist René Schulze folgender Satz von Thomas Pfannkuch, mit dem er einst bei Germania Halberstadt aufgelaufen und der dort später als Coach tätig war, geblieben. ",Schulle\'", hatte Pfannkuch erklärt, "ein richtiger Fußball-Trainer bist du erst, wenn du das erste Mal entlassen wurdest." Schulze wurde entlassen, am Mittwoch vergangener Woche als Trainer des SV 09 Staßfurt - und mit fünf Punkten Vorsprung auf einen Abstiegsplatz in der Fußball-Verbandsliga. Sportredakteur Frank Nahrstedt sprach mit dem nunmehr ehemaligen Coach.

Volksstimme: Herr Schulze, eine Woche ist vergangen, nachdem Sie von Ihren Aufgaben entbunden wurden. Sind Sie immer noch überrascht, oder wie ist es um Ihre Gemütslage bestellt?

René Schulze: In dieser Woche konnte ich es bereits sacken lassen. Der Blick geht nach vorn, die Welt sieht inzwischen schon wieder anders aus.

Volksstimme: Mit welchem Saisonziel wurden Sie mit Ihrer Elf in die Serie geschickt?

Schulze: Klassenerhalt.

Volksstimme: Kam zwischenzeitlich die Forderung, mehr als das zu erreichen?

Schulze: Nein.

Volksstimme: Das heißt, an diesem Ziel wurde bis zuletzt konsequent festgehalten?

Schulze: Ja.

Volksstimme: Kam denn schon zu einem früheren Zeitpunkt der Gedanke auf, dass es in Richtung Entlassung gehen könnte?

Schulze: Eigentlich nicht, aber ich habe jahrelang aktiv Fußball gespielt und bin seit sieben Jahren im Trainergeschäft tätig. Da entwickelt man einen gewissen Instinkt, vielleicht habe ich es zwischenzeitlich geahnt, dass in dieser Richtung etwas passieren könnte.

Volksstimme: Wurde von der Vereinsführung jemals eine klare Unzufriedenheit geäußert?

Schulze: Wir sind sicherlich nicht so in die Rückrunde gestartet, wie wir uns das vorgestellt haben. Aber vor allem die Spiele gegen Oschersleben (0:2), Sangerhausen (1:3) und Stendal (1:1) hätten wir gewinnen müssen. Dann würden wir jetzt von den Punkten her anders dastehen. Das haben wir aber nicht getan. Die Spiele haben wir nicht gewonnen, so dass der Vorstand letztlich zu dem Entschluss gekommen ist, mit mir das Saisonziel nicht realisieren zu können. Das ist eine Entscheidung, die ich akzeptieren muss. Jetzt geht es nicht mehr um mich oder andere einzelne Personen. Es geht um den Verein und um den Klassenerhalt.

Volksstimme: Lag es an der mangelnden Qualität der Mannschaft, dass in diesen entscheidenden Spielen die Punkte nicht geholt wurden, oder war es ein psychologisches Problem?

Schulze: Ich denke, es war ein psychologisches Problem. Wir haben vor allem gegen Sangerhausen gut begonnen, einige Chancen nicht genutzt und aus der Kalten heraus ein Gegentor bekommen. Das war in dieser Situation für diese junge Mannschaft nicht förderlich. Gegen Oschersleben war es das gleiche. Wir waren nicht schlechter als der Gegner, eher im Gegenteil. Da hat man eine gewisse Verunsicherung bei den jungen Spielern gespürt. Da haben wir Punkte liegengelassen.

Volksstimme: Hatten Sie während der Saison das Gefühl, das Team nicht mehr zu erreichen?

Schulze: Nein, nie. Ich bin der Meinung, dass es nie an der Einstellung lag. Dass einige Spieler mal einen schlechten Tag oder eine Schwächephase haben, das ist normal, das muss man ihnen zugestehen. Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist der Klassenerhalt.

Volksstimme: Man kann also klar unterstreichen: Es hat sich kein Widerstand geregt innerhalb der Mannschaft.

Schulze: Wie schon gesagt, es hat nicht am Willen der Mannschaft gelegen. Eine gewisse Unruhe gibt es immer, wenn sich nicht die erhofften Ergebnisse einstellen und wenn sich die Saison dem Ende entgegen neigt. Allerdings habe ich das nicht als Widerstand wahrgenommen.

Volksstimme: Sieben Jahre sind eine lange Zeit, was nehmen Sie als Trainer und als Mensch mit?

Schulze: Es waren sieben super Jahre. Im ersten Augenblick war die Enttäuschung natürlich groß, letztlich überwiegt aber die Freude, die ich in dieser Zeit hatte, die auch hängen bleibt. Ich bin niemandem böse, hege keinen Groll. Die Zusammenarbeit mit dem Vorstand und meinen Mitstreitern war seit Beginn meines Engagements super, auch die Arbeit mit den Jungs. Da hänge ich mit Herzblut dran. Aber wer glaubt, dass der Kelch irgendwann nicht mehr an einem vorübergeht, der ist in diesem Geschäft blauäugig. Es ist heutzutage einfach so: Man muss Maßnahmen ergreifen, um das Ziel zu erreichen. Ich bin stolz, dass ich die Mannschaft sieben Jahre trainieren durfte.

Volksstimme: Sind Sie davon überzeugt, dass die Mannschaft unter Ihrer Führung den Klassenerhalt erreicht hätte?

Schulze: Ja.

Volksstimme: Richten wir den Blick nach vorn, wo soll es jetzt für Sie hingehen?

Schulze: Meine Partnerin und mein Hund freuen sich, dass ich wieder mehr Zeit für sie habe. Was die Zukunft bringt, das muss man sehen. Mit nur einer Woche Abstand habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht.

Volksstimme: Haben andere Vereine reagiert?

Schulze: Nein. Da mache ich mir aber überhaupt keinen Druck. Ich habe noch gar nicht darüber nachgedacht. Ich kann jetzt erstmal zur Ruhe kommen. Den Rest wird die Zeit bringen.

Volksstimme: Wie waren denn die Reaktionen auf die Entlassung im unmittelbaren Umfeld?

Schulze: Viele waren überrascht, ich wurde darauf angesprochen. Ich habe mich bei der Mannschaft bedankt, der Dank kam auch zurück. Aber die Jungs sollen sich momentan auf den Klassenerhalt konzentrieren. Die Qualität dafür haben sie, davon bin ich überzeugt. Ich wünsche der Mannschaft alles Gute.