"Obwohl ich Engel heiße und Eisenbahner bin, laufe ich", mit diesen Worten erheiterte Gerd Engel aus Stendal 1984 die Delegierten des Turn- und Sporttages des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) der DDR in einem Redebeitrag. Lang ist\'s her. Heute feiert er im Kreise vieler Freunde seinen 70. Geburtstag.

Stendal. Bunt angezogen ist er meist. Und - das darf man auch mal schreiben - bekannt wie ein bunter Hund. Unter vielen anderen gibt es etliche Ägypter, Mongolen und Äthiopier, die ihn kennen. Gerd Engel ist zudem einer der bekanntesten Volksläufer und Organisatoren sportlicher Veranstaltungen in Deutschland.

Sportlicher Anfang als Lok-Fußballer

Sportlich angefangen hat er allerdings als Fußballer, und zwar bei Lok Stendal. Vom zehnten Lebensjahr an spielte er am Hölzchen, bis hin zur Oberliga-Reserve. "Du warst gut am Ball und konntest gut laufen, hast aber Angst gehabt," sagte ihm kürzlich einmal ein profunder Lok-Kenner, und zwar Klaus Schlieker.

Wegen der Fußball-Angst ist Gerd Engel zum Laufsport gekommen. Seit vier Jahrzehnten läuft er, zwängt so zumindest ein wenig sein Naturell ein. "Ich bin unruhig, immer aktiv, muss einfach immer etwas erleben. Familie und Freunde müssen es ausbaden. Aber dadurch habe ich auch Freunde gewonnen", meint der heutige Jubilar. 1977 war er zum Beispiel zum ersten Mal beim anspruchsvollen Rennsteiglauf aktiv.

Das Jahr 1977 war insofern auch bedeutungsvoll für Engel, weil er da begann, eine seiner ganz großen Stärken in die Waagschale zu werfen - das Organisieren. Seitdem hat er über 200 Laufveranstaltungen geleitet, darunter 70 im Ausland. Ägypten, Kenia, Zypern, Griechenland, die Mongolei und Mexiko waren seine Ziele. Dort war sein "Know how" stets gefragt.

Bereits 1972 kam ein ganz wichtiger Bestandteil des Lebens von Gerd Engel ins Spiel - die Laufgruppe Haeder. 25 Jahre war er deren Chef, jetzt ist er Ehrenvorsitzender. "Ich bin dankbar und froh, dass der jetzige Vorsitzende Gunnar Jüttner die Haeder-Philosophie, den Volkssportgedanken, das Laufen aus Freude mit der Familie für die Gesundheit in der Natur, fortsetzt."

Gerd Engel ist ein Mensch, wie es ihn nicht oft gibt. Er strebt nach Gesundheit und Harmonie, findet Hilfsbereitschaft schwer in Ordnung. Gut, das teilt er mit sehr vielen Menschen. Engel ist Nichtraucher ("nicht ein Zug"). Na und, das werden immer mehr.

Treffs mit einem Lauf-Olympiasieger

Aber: Der heutige Jubilar hat keinen Führerschein, besitzt logischer Weise auch kein Auto. Und er hat keinen Computer und kennt sich damit überhaupt nicht aus. Schon fällt er in die Kategorie "Sonderling". Das macht ihm allerdings rein gar nicht aus. Es sieht eher so aus, dass er darauf ein bisschen stolz ist.

Auf der anderen Seite haben ihn seine Philosophie, sein Sport treiben und Organisieren schon mit vielen Stars zusammengebracht. Einer von ihnen ist der äthiopische Marathon-Olympiasieger Haile Gebreselassie. Das war erstmals im Jahr 2005 in dem ostafrikanischen Land. Inzwischen gab es drei Treffen zwischen ihnen. Daraus entstand, zusammen mit Berliner Freunden, die Äthiopien-Kinderhilfe, die auf den Bau einer Schule abzielt. "Es ist ein bleibendes Ziel für meine Familie", so Gerd Engel.

Ein Kleidungsstück von ihm darf übrigens, praktisch bei Androhung der Todesstrafe, nur per Hand gewaschen werden: eine gelbe Trainingsjacke. Auf der befindet sich nämlich eine Unterschrift von Olympiasieger Gebreselassie.

Ein Spitzname lautet AC/DC

Viele Freunde hat er an der Seite seiner Frau, Tochter und seinem Enkel in den Jahren sportlichen Tuns gewonnen. "Sie füllen meine Defizite, wie zum Beispiel Auto und Computer, aus", bekennt der Jubilar und meint Menschen wie Udo Wimmer, Jürgen Roswandowicz, Uwe Bliefert und Dr. Eberhard Puls.

Seine Gesundheit sieht man Gerd Engel förmlich an. Sein Gang ist noch richtig jugendlich, sein volles, wallendes Haar und sein "Schnauzer" lassen in ihm durchaus auch einen Rocker vermuten. Ein Bekannter nennt ihn deshalb schlichtweg "AC/DC". Über Engel, diese schillernde Figur, und seine Erlebnisse wird derzeit von einem Journalisten sogar ein Buch geschrieben.

Ans Aufhören denkt er nicht im Entferntesten: "Ich möchte weiterhin Laufveranstaltungern in der Natur organisieren und damit viele Menschen für den gesundheitsorientierten Sport gewinnen."

Sein rundes Jubiläum feiert Gerd Engel übrigens heute zusammen mit Gattin Liesel - aus praktischen Gründen. Sie hatte am 1. März Geburtstag, ist ein knappes Jahr jünger als ihr Ehemann.