Jens Schlottag (41 ) und Dr. Thomas Lorenz (48), beide von der Laufgruppe des MSV Eintracht Halberstadt, haben sich in diesem Winter auf den Weg nach Sibirien gemacht. Anlass: Sie wollten über den zugefrorenen Baikal-See laufen.

Halberstadt (tlo/fbo) l Der Baikalsee befindet sich in den südsibirischen Gebirgen und gilt als das heilige Meer Sibiriens. Er ist der tiefste (1 642 Meter) und älteste (über 25 Millionen Jahre) See der Erde und gehört seit 1996 zum UNESCO Weltkulturerbe. Beide Läufer hatten sich auf das Ereignis gut vorbereitet. Bis auf den Flug war die insgesamt achttägige Reise einschließlich Anmeldung zum Marathon über ein Dresdner Reisebüro organisiert worden. Thomas Lorenz musste vorausgehend zusätzlich noch drei Marathon-Läufe absolvieren, um von der russischen Lauf-Organisation "Absolute Siberia" für die komplette Marathon-Distanzen zugelassen zu werden.

Die Aeroflot brachte die Halberstädter via Moskau nach Irkutsk. Mit einer Zeitverschiebung von acht Stunden und minus 20 Grad kamen sie hier an. Auf dem Programm standen eine dreistündige Stadtführung unter anderem mit Besuch einer Russisch-Orthodoxen Kirche. Das man sich hierfür warm anziehen musste, ist selbstverständlich. Ausziehen der Handschuhe zum Fotografieren war nur kurz möglich, diente aber gleich der Gewöhnung an die kalte und sehr trockene Luft. Am Nachmittag folgte ein erster Testlauf an der Promenade des Angara-Ufers als Tauglichkeits-Prüfung für die Laufbekleidung. "Teilweise begleitete uns hier klassische Musik", so Schlottag, "wie in Russland in Parks oder Promenaden üblich - echtes `Russland Feeling` eben".

Am nächsten Tag ging es weiter nach Listwjanka, der "Riviera am Baikalsee". In der Nähe des Hafens war die Ziellinie des Laufes. Bei klarem Wetter hat man einen Ausblick auf das gegenüber liegende Südufer des Sees. Dort in der Siedlung Tanchoi war der Start des Marathons. In Listwjanka standen noch eine Wanderung, der Besuch des Baikal-Museums sowie Eisloch-Banja (russische Sauna mit Birkenzweigen-Peitschen) auf dem Programm.

Die Läufer absolvierten noch zwei Probeläufe über das Eis. Das hörbare Knacken des Eises verbreitete eine gewisse unheimliche Atmosphäre. Auch wenn die Dicke der Eisschicht mit 30 bis 50 cm in diesem Jahr ungewöhnlich dünn war (sonst sind 60 cm bis 1 m üblich) hatte man nach wenigen Minuten Vertrauen zur Tragfähigkeit. Lorenz: "Es war eine faszinierende Eislandschaft. Man merkte, dass der See irgendwie gegen die Kälte ankämpfte, sich zufrieren zu lassen."

Dann war es soweit, nach einer ausführlichen Einweisung in englischer Sprache ging es zum Lauf. Zu bewältigen waren 20 Kilometer Schnee-Strecke, danach Wechsel Schnee und Eis (3 km), die restliche Strecke nur Eis. Bestes Wetter, strahlender Sonnenschein, 8 Grad minus und zu Beginn nahezu kein Wind. Los gings per traditionellem Ritual zur Verehrung des Baikalsees: Mit dem Ringfinger wurde ein Tropfen Milch in jede Himmelsrichtung gespritzt, dann die Milch getrunken oder die Lippen damit benetzt, der Rest wurde über das Eis vergossen. 145 Teilnehmer aus 21 verschiedenen Ländern waren am Start, 23 Frauen (elf Marathon, zwölf Halbmarathon) und 122 Männer (105/17).

Schlottag berichtet: "Die Strecke war mit roten Fähnchen markiert, deren Abstand sich Richtung Laufende immer mehr verringerte, wohl um eine sichere Orientierung bei zunehmender Erschöpfung zu gewährleisten." Es gab ausreichend Verpflegungsstellen mit Tee, Nüssen, Trockenobst, Schokolade. Ab Kilometer 20 folgte das blanke Eis in unterschiedlicher Qualität, teilweise wellig, geschichtet oder rissig. "An zwei Stellen waren über frisch aufgetretene Risse von etwa 30 cm Breite Sicherheits-Bretter gelegt", beschreibt Lorenz die nicht ganz ungefährliche Angelegenheit. Gleichmäßig laufen war die Devise. Bei eisigem Ost-Wind vereiste die Brille, Ohr und Nase brannten.

Jens Schlottag erreichte das Ziel mit einer top Zeit von 3:44 h (Platz 21 von 105). Thomas Lorenz absolvierte den Lauf in 5:12 h (Platz 92). Er hatte mit einem Muskel-Bündel-Riss im Schienbein zu kämpfen. Trotzdem hat auch ihm der Lauf unheimlich gefallen. Beide überlegen, ob sie in einigen Jahren wieder an den Start gehen. Dann aber mit Spike-Schuhen, welche sie beim Jubiläumslauf nicht zur Hand hatten.

Am Abend folgte die Siegerehrung im Hotel. Nach Sauna und Bortsch-Kochkurs und etlichen tollen Eindrücken machten sich die Zwei zwar müde, aber begeistert auf den Rückweg.