Natürlich ist Tatjana Hüfner stolz auf Silber. Als erste Athletin hatte sie für Sachsen-Anhalt am Dienstag in Sotschi eine Medaille gewonnen. Sie jubelte erst still, dann übte sie laut Kritik am Verband. Aber am Tag nach ihrer persönlichen Befreiung hatte sie wieder ihren Frieden mit sich gemacht.

Tatjana Hüfner ist am 30. April 1983 im Kreiskrankenhaus in Neuruppin geboren worden. Und weder ihre Eltern Karin und Edgar noch die Hebamme und die Krankenschwestern haben geahnt, dass aus diesem Mädchen einmal die erfolgreichste Rennrodlerin einer Dekade werden könnte. Zumal die höchste Erhebung im Ruppiner Land mit 97 Metern keinesfalls die geologische Voraussetzung für adäquates Rodeltraining bietet. Und eigentlich war ihr ein anderes Schicksal vorbestimmt: Ihre Eltern üben den ziemlich gruseligen Beruf des Zahnarztes aus. Aber dieses Erbe hat Tatjana Hüfner gern ihrem Bruder Alexander überlassen, während die Schwester Irina Musicaldarstellerin wurde.

Sie ist in Fehrbellin aufgewachsen, sie ist 1988 nach Blankenburg in den Harz gezogen, sie saß 1992 erstmals beim ortsansässigen Rodelclub auf dem Schlitten. Im Eiskanal hat sie dann einen unbändigen Ehrgeiz entwickelt. "Ich bin eine Kämpfernatur", beschreibt sie sich selbst. Im Zirkus der Speedjunkies hatte sie bis vor zwei Jahren regelmäßig den schnellsten Weg gefunden. Bis sich Natalie Geisenberger aus Miesbach an ihr vorbeischob - am Dienstag zu Olympiagold.

"Sie war die Beste, sie hat verdient Gold gewonnen. Und das gönne ich ihr auch", erklärte Hüfner am Mittwoch respektvoll. Die Rivalinnen, zwischen denen eine eisige Stille herrschte (Volksstimme berichtete), haben in der Stunde des größten Triumphes der 26-jährigen Geisenberger miteinander wohl ihren Frieden gemacht. Von einem "Zickenkrieg" wollten beide sowieso nie sprechen.

Trotzdem: "Es musste wirklich mal raus", sagte Hüfner der Volksstimme zu ihrer Kritik an den Bob- und Schlittenverband (BSD), die selbst Thomas Schwab, der Geschäftsführer, nachvollziehen konnte. Sie hat sich befreit vom Schweigen und vom Frust, den sie über Monate mit sich rumschleppte. "Wir sind als Sportler nach Sotschi gekommen, um Topleistungen zu bringen. Aber man darf auch vor anderen Themen nicht die Augen verschließen", begründete Hüfner. "Ich sehe in der Personalpolitik des Verbandes einen erheblichen Verbesserungsbedarf", beklagte sie gerade die hohe Trainer-Fluktuation an ihrem Stützpunkt in Oberhof.

Drei Jahre lang hatte sich die 30-Jährige mit ihrem Trainer André Florschütz auf die Winterspiele vorbereitet, bis der Verband den Coach wegen teaminterner Unstimmigkeiten innerhalb der Nationalmannschaft degradierte. Sie arbeiteten weiter zusammen, aber er fehlte ihr auf den Weltcup-Reisen als vertrauter Ansprechpartner. "Ich gebe ihr Recht", sagte Schwab, "die Entscheidung des Verbandes war nicht für alle Sportler zielführend." Auch nach Sotschi durfte Florschütz nicht mit, während Geisenberger von ihrem Trainer Patric Leitner begleitet wurde. "Das war schon ein herber Schlag für mich", sagte Hüfner, die sich außerdem nach langwierigen Rückenproblemen erst kurz vor Sotschi in die Weltspitze zurückkämpfen konnte.

Den Vorwurf, die Schlitten, die Rodellegende Georg Hackl für seine Berchtesgadener Schützlinge montiert, würden aufgrund eines besseren Materials schneller laufen, wies Schwab dagegen von sich. Der Vorwurf geht noch weiter: Während Hackl sich allein um die Geräte seiner Spitzenathleten (Felix Loch, Geisenberger und Doppelsitzer Tobias Wendl/Tobias Arlt) kümmert, versorgt der Oberhofer Techniker Wolfgang Scholz alle anderen Rodler mit technischem Know-How. "Da bleibt kaum Raum für eine Weiterentwicklung", sagte Hüfner bei N24.

Das haben auch der Thüringer David Möller, der 14. bei den Männern wurde, und die Oberwiesenthalerin Anke Wischnewski, die zum Karriereende über Platz sechs enttäuscht war, in Sotschi gemerkt. Beide beklagten: "Der Schlitten hatte keinen Speed." Zwischen den Stützpunkten in Berchtesgaden und Oberhof herrscht eine nun offene Zerrissenheit. Eines ist deshalb sicher: Nach den Spielen gibt es viel zu besprechen im BSD.

Am Ende aber war Tatjana Hüfner glücklich - mit der Kritik, mit Silber. Mit ihrer Karriere darf sie es ebenso sein. Viel besser als sie konnte keine Rodlerin fahren, wenngleich sie nie eine Europameisterschaft gewinnen konnte. Dafür gewann die viermalige Weltmeisterin in Turin 2006 Olympia-Bronze, sie gewann Gold in Vancouver 2010, nun holte sie Silber in Sotschi trotz aller Widrigkeiten. "Ich bin stolz auf meinen kompletten Medaillensatz. Jede olympische Medaille ist etwas Besonderes."

Es ist nur noch eine Frage offen. Wird es eine Rodelzukunft mit Hüfner geben? "Die Entscheidung werde ich mit gebührendem Abstand von Sotschi treffen", sagte sie. Erleichtert oder erschwert wird sie mit dem Karriereende ihres Technikers Scholz, der in den Ruhestand geht und der ihre zweite Vertrauensperson war.

Ihre Entscheidung wird die Studentin für "Pädagogik der Kindheit" im Dialog mit ihrem Bauchgefühl treffen, darauf hat sie sich immer verlassen. Vielleicht tut sie das irgendwo in 3000 Metern Höhe, wenn die passionierte Bergsteigerin auf die Welt hinunterschaut. "Dort tanke ich meine Kraft", hat sie mal gesagt. Die Zechower Berge hätten dazu nie gereicht.

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