Staßfurt l Andreas Silbersack steht mit seinen Mitstreitern vor einer Herausforderung: Auf neuen Wegen sollen Talente in Sachsen-Anhalt für den Leistungssport gefunden und begeistert werden. Ein gutes Gelingen darf dem LSB-Präsidenten prophezeit werden, denn Silbersack kennt sich mit Begeisterung aus, wenngleich der 46-Jährige seine Vorhaben vor allem juristisch korrekt und vorsichtig in der Euphorie präsentiert.

Der Rechtsanwalt ist mitten in der sportpolitischen Krise in sein Amt gewählt worden, als der LSB aufgrund einer Misswirtschaft vor dem Abgrund stand. Silbersack trat im Mai 2008 mit einer optimistischen Botschaft an: "Wir brauchen jetzt eine echte Aufbruchstimmung im Sport in Sachsen-Anhalt. Mit Transparenz, Fachkompetenz und Teamgeist schaffen wir das." Am Sonnabend in Staßfurt verkündete er im Rückblick auf 2013 und vor den Vertretern der 48 Fachverbände sowie der 14 Kreis- und Stadtsportbünde, in denen heute 336 623 Mitglieder in 3 142 Vereinen organisiert sind: "Erstmals kann ich auf ein entspanntes Jahr zurückblicken."

Es fehlt der Glanz des Erfolges

Das Sportfördergesetz ist zum Beispiel in Kraft getreten mit dem 1. Januar 2013. "Ein Meilenstein", nannte es Silbersack. "Verwaltungskram wurde abgeschafft, Transparenz geschaffen", umschrieb der Staatssekretär des Innenministeriums, Ulf Gundlach, das Gesetz mit seinen 17 Paragrafen, in denen die Formen der finanziellen Förderung dargelegt werden. Das Ergebnis "eines gemeinsamen Schulterschlusses" von Sport und Politik, wie es Gundlach und Silbersack erklärten. Zudem hat der LSB nach Jahren der Abhängigkeit vom Innenministerium seine Finanzhoheit bei Verteilung der Landesmittel zurückgewonnen - zum 1. Januar dieses Jahres.

Was in jüngster Vergangenheit aber fehlte, war der Glanz des Erfolges: Nur eine Medaille bei den Sommerspielen 2012 in London - der SCM-Kanute Andreas Ihle im K II holte Bronze -, gar keine Medaille für die für Sachsen-Anhalt startenden Wintersportler in Sotschi 2014, resümierte Gundlach, "das hat unsere Erwartungen nicht erfüllt". Nicht in Anbetracht der 24 Millionen Euro (12,9 Millionen für den LSB), die laut Innenminister Holger Stahlknecht das Bundesland jährlich in seinen Sport steckt. Das Doppelgold, das die Behindertensportlerin Andrea Eskau (USC Magdeburg) jeweils bei den Paralympics in London und in Sotschi gewann, schloss Gundlach in seiner Einschätzung allerdings nicht ein.

Weder der LSB noch der Deutschen Olympische Sportbund (DOSB) denken so kurzsichtig, die Fehler im Olympia-Abschneiden nur an der Spitze des Leistungssports zu suchen. Wie immer geht es auch um die Basis, vor allem um die Talentförderung.

DOSB-Chef Alfons Hörmann war am Sonnabend jedenfalls nicht nach Staßfurt gekommen, um für unzählige Ehrungs- und Erinnerungsfotos in die Kamera zu lächeln. Er war gekommen, um das vermeintlich falsche "Weltbild ein wenig gradezurücken", Sachsen-Anhalt sei kein Wintersportland. Und der 53-jährige Hörmann, seit dem 7. Dezember 2013 im Amt und zuvor Chef des Skiverbandes, war gekommen, um sich die Probleme und Chancen Sachsen-Anhalts erklären zu lassen.

"Talentförderung ist eine vielschichtige Aufgabe"
Alfons Hörmann, DOSB-Präsident

Folgende Fragen stellte Hörmann dann mit Blick auf die Zukunft des Leistungssports: "Wie gelingt es uns, mehr Kinder in die Vereine zu holen? Wie schaffen wir es, Schule und Sport besser miteinander zu verbinden, als es zuletzt der Fall war? Wie schaffen wir es, die Talente jeweils der Sportart zuzuführen, in der sie die besten Perspektive haben? Und wie schaffen wir dann die Voraussetzungen, dass die jungen Menschen in ein stimmiges Fördersystem an den notwendigen Stützpunkten zu kommen?" Die Talentförderung "ist eine vielschichtige Aufgabe, bei der es nicht nur eine Antwort geben kann", sagte Hörmann.

Auf der Suche nach Antworten sei der DOSB auch mit der Kultusministerkonferenz im Gespräch. Mit dem Kultusministerium, dem Innenministerium und dem Verband der Sportlehrer ist dem LSB derweil der nächste Schulterschluss gelungen: Ein neues Modell zur Talentsuche startet 2015 zunächst in einem Testlauf mit den Grundschulen der Kreise Halle, Wittenberg und Mansfeld-Südharz. Drittklässler werden auf ihre sportmotorischen Fähigkeiten überprüft, erklärte LSB-Chef Silbersack. Die Ergebnisse werden wissenschaftlich analysiert und ausgewertet. "Mit dem Schulzeugnis erhalten die Eltern eine Empfehlung, für welche Sportart ihr Kind geeignet ist." Und eine Vereinsempfehlung außerdem. Das Projekt soll ab 2016 in drei weiteren Kreisen und im Folgejahr landesweit fortgesetzt werden.

Zuschuss für Trainer beantragt

Derweil spitzt sich das Pro-blem der Trainersuche allmählich zu. Nach und nach wechseln erfolgreiche Coaches in den Ruhestand. Leistungssportdirektor Torsten Kunke, seit November 2013 im Amt, muss nach der neuen Trainergeneration suchen. Das Manko ist dabei die weniger attraktive Bezahlung: 2,95 Millionen Euro stehen dem LSB für den Pool seiner hauptamtlichen Coaches (56) zur Verfügung. Für die Jahre 2015 und 2016 wurde beim Land bereits ein weiterer Zuschuss von jeweils 100.000 Euro beantragt.

Zu bedenken gab zudem Henning Rühe, der Chef des Kreissportbundes (KSB) Harz, dass das Projekt "Sport in Schule und Verein" eigentlich keinen bilanzierten Erfolg aufzuweisen hat - obwohl es bereits seit 1993 existiert. Ziel des Projektes ist es, Schüler in Arbeitsgemeinschaften an den Vereinssport heranzuführen. Rühe stellte also die rhetorische Frage: "Kommen die Kinder in den Vereinen auch an?"

Zwei Vorschläge, Kinder für Vereine zu gewinnen, hatte der KSB-Vorsitzende des Salzlandkreises, Detlef Gürth: Man könne mit einer groß angelegten Werbekampagne zum Beispiel den Kindern erklären, "dass Sport schick ist". Und man könnte nach dem Beschluss zur Schließung von Grundschulen im Land deren Sportstätten an Vereine übertragen - in einem finanziell erträglichen Rahmen.

Wie letztlich die Lösung im Idealfall aussehen kann, hat der Sommersport bereits vorgemacht. Athleten wie Paul Biedermann (Schwimmen/SV Halle) oder Martin Wierig (Diskus/SCM) entstammen der Landesschmiede und haben den Sprung in die Weltspitze geschafft.

Auch dem Wintersport ist ein Phänomen gelungen: 1997 haben der Ilsenburger Toni Eggert, die Blankenburgerin Tatjana Hüfner (beide Rodeln) und der Domnitzer Andreas Wank (Skispringen) die Landesjugendspiele jeweils in ihrer Altersklasse gewonnen. 2014 gehörten alle drei zur deutschen Nationalmannschaft bei den Winterspielen in Sotschi. Eggert belegte Platz acht. Hüfner gewann Silber, Wank holte Gold. Letztere allerdings für Thüringen, womit sich die abschließende Aufgabe in der Talentförderung erklärt: Die neue Medaillengeneration Sachsen-Anhalts muss auch für ihr Bleiben im Land begeistert werden.