Berlin l Glücklich, happy, hocherfreut: Solche Begriffe finden im Wortschatz der Franziska Hentke nicht statt. Zumindest reichte auch der sechste deutsche Meistertitel in Folge über ihre Paradestrecke nicht, um alle verbalen Möglichkeiten zum Artikulieren von Emotionen auszuschöpfen.

"Ich bin zufrieden mit den Meisterschaften", erklärte die 24-Jährige lediglich. Sie hätte mehr als zufrieden sein können, befand ihr Trainer Bernd Berkhahn: "Dass sie eine neue Bestzeit über die 200 Meter Schmetterling schwimmt, war nicht zu erwarten, weil sie im Vorfeld aufgrund ihres Infekts nicht vernünftig trainieren konnte. Und man darf es auch nicht für selbstverständlich nehmen, dass Franziska hier immer den Titel gewinnt."

Hentke mit Bestzeit von 4:44,14 Minuten

2:07,67 Minuten standen für Hentke nach dem Finale am Sonnabend auf der Anzeigetafel im Europa-Sportpark in Berlin: Das war die Siegerzeit, die Bestzeit und die Norm für die Europameisterschaft in einer Zahl. "Ich hätte noch schneller schwimmen können", sagte Hentke. Sie war selbst überrascht davon, dass sie nach den gesundheitlichen Problemen in der Vorbereitung ein derart gutes Gefühl ins Wasser gebracht hatte. Am Sonntag beendete sie die Meisterschaften mit Silber über 100 Meter Schmetterling. In 59,43 Sekunden schlug sie hinter der Siegerin Alexandra Wenk (München/58,49) an.

Die SCM-Athletin hat sich damit zwei Tickets gesichert für die EM im August. Schon beim Sieg über die 400 Meter Lagen hatte sie in der Bestzeit von 4:44,14 Minuten den Weg zum kontinentalen Heimspiel geebnet.

Ganz zur Freude des Bundestrainers: "Franziska ist eine absolut vielseitige Schwimmerin und seit Monaten wirklich gut in Schuss", hat Henning Lambertz, der sie in der Frage nach den Aushängeschildern des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) inzwischen in einem Atemzug mit Paul Biedermann (Halle), Steffen Deibler (Hamburg), Marco Koch (Darmstadt) und Sprinterin Dorothea Brand (Essen) nennt, beobachtet. Insgesamt haben 30 DSV-Athleten bei den Meisterschaften die EM-Norm unterboten, bei einem Überprüfungswettkampf im Juli in Essen müssen die Leistungen noch einmal bestätigt werden.

Johanna Friedrich für Europameisterschaft qualifiziert

Zu den 30 gehört auch Johanna Friedrich. Die 19-Jährige löste damit ein Versprechen an Oma Elisabeth ein: "Sie wollte unbedingt als Zuschauerin bei der EM dabei sein", erklärte Friedrich. In 4:10,49 Minuten war sie am Freitag zum Titel über 400 Meter Freistil geschwommen - Bestzeit. "Ich hätte hintenraus schneller sein können, das werde ich bei der EM besser machen", gab Friedrich ein neues Versprechen. "Aber natürlich habe ich mich über den Titel gefreut."

Jenen über die 200 Meter Freistil hat sie indes knapp verpasst - trotz neuer und starker persönlicher Bestzeit. In 1:59,45 Minuten blieb die Titelverteidigerin erstmals unter der magischen Zwei-Minuten-Marke. Sie holte am Sonntag damit Silber.

Nur 29 Hundertstelsekunden schneller war Siegerin Annika Bruhn (Bietigheim). "Das war noch mal eine sehr gute Leistung von Johanna", lobte Berkhahn. Beide Damen blieben zwar knapp über der EM-Norm (1:58,93). Aber Bundestrainer Lambertz deutete an, dass mit Blick auf die kontinentalen Meisterschaften das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Oma Elisabeth wird ihre Enkeltochter vielleicht doch noch in zwei Einzel-Wettbewerben anfeuern dürfen - auch ein Staffelstart ist nicht ausgeschlossen.

Persönliche Bestzeit für Daria Berestov

Aus Magdeburger Sicht ließen sich letztlich nicht nur die Ergebnisse von Hentke und Friedrich sehen. Für Medaillen sorgten zudem Rob Muffels (Silber über 1500 Meter Freistil), Finnia Wunram (Bronze über 400 Meter Lagen) und Poul Zellmann (Bronze über 800 Meter Freistil/Bestzeit: 8:02,34 Minuten). "Man darf auch die sogenannten kleinen Erfolge nicht vergessen", sagte Berkhahn und meinte nicht zuletzt Daria Berestov, die "so cool, so völlig entspannt" Sechste über 100 und und Siebte über 200 Meter Brust wurde.

Die EM-Norm hat die 16-Jährige zwar nicht geschafft: Aber mit 1:10,43 Minuten ("Die Zeit ist der Hammer", so Berkhahn) über die kürzere und 2:33,25 Minuten (Vorlauf) über die längere Distanz markierte sie neue persönliche Bestleistungen.

Außerdem schwamm Julia Thiemann am Wochenende über 50 Meter Freistil (26,20 Sekunden) auf Platz sechs, Finnia Wunram wurde über 1500 Meter (Bestzeit: 16:47,70 Minuten) Vierte, ebenso wie Muffels über 800 Meter Freistil (8:05,28). Berkhahns Fazit: "Mit Blick auf Olympia 2016 waren die Meisterschaften für uns ein wichtiger Schritt. Wir haben unsere Ziele übererfüllt, und die Leistungsentwicklung war insgesamt bemerkenswert." Der Trainer klang dabei wirklich happy.