Magdeburg l Die Hallenuhr in der Getec-Arena zeigte 16.47 Uhr, als der "Hammer" von Polens Matchwinner Karol Bielecki zum 27:27 einschlug und eine Schockstarre auslöste. Es waren zwar noch 90 Sekunden zu spielen und Bundestrainer Martin Heuberger nahm eine letzte Auszeit, doch jeder in der Arena spürte es: Der siebte Treffer des Ex-Magdeburgers Bielecki war so etwas wie der Sargnagel für Deutschland und das letzte kleine Fünkchen Hoffnung auf ein Happy End erloschen.

So war der 29:28-Sieg der von Trainer-Fuchs Michael Biegler hervorragend eingestellten Polen, die sich in der hitzigen Schlussphase in einen Rausch gespielt hatten, auch mehr als verdient. "Es war erneut ein Spiel zweier Gegner auf Augenhöhe, aber die Polen waren zweimal besser, hatten auch diesmal wieder die besseren Antworten und die stärkeren Nerven", versuchte sich Torhüter Johannes Bitter trotz aller Verbitterung an einer nüchternen Analyse. "Wir haben alles versucht und alles gegeben und hatten das Ding schon fast in der Tasche, doch hintenraus war es in allen Bereichen ein Tick zu wenig."

"Wir sind einfach zu dämlich, solche wichtigen Spiele zu gewinnen." - Nationalkeeper Silvio Heinevetter

Während nach dem Abpfiff die 400 polnischen Fans auf den Rängen und das von "Feierbiest" Bartosz Jurecki angeführte Team der "Roten" auf dem Spielfeld in Extase feierten, herrschte im deutschen Lager eine Mischung aus Trauer, Enttäuschung und Wut. "Wir sind einfach zu dämlich, solche wichtigen Spiele zu gewinnen. Zu naiv, nicht abgezockt genug", redete sich Nationalkeeper Silvio Heinevetter, der stark begonnen und in der zweiten Hälfte stark nachgelassen hatte, seinen Frust von der Seele.

Verständlich, denn wie bereits im Hinspiel in Danzig hatte das vom "achten Mann" frenetisch angefeuerte DHB-Team auch in Magdeburg nach einer starken Leistung, einem zwischenzeitlichen Fünf-Tore-Vorsprung (12:7/25. Minute) und einer 14:10-Führung zur Halbzeit nicht geschafft, den Sack zuzumachen. Zwar spielte der Ausfall von Abwehrchef Patrick Wiencek, der sich am Knie verletzt hatte und bereits nach zehn Minuten raus musste, den Polen in die Karten, doch das Heuberger-Team offenbarte in den Stresssituationen die bekannten Schwächen: In der Mitte fehlte ein Stratege mit Übersicht und zündenden Ideen, aus dem Rückraum, vor allem dem linken, kam zu wenig, Heinevetter hatte Probleme mit den Würfen aus der zweiten Reihe und das Überzahlspiel war eine Katastrophe.

"Man hat heute gesehen, dass die bessere Individualität das Spiel entschieden hat. Die Polen haben die einfachen Tore geworfen und Karol Bielecki hat einen sehr guten Tag erwischt. Dass uns solche Spieler fehlen, war heute der ausschlaggebenden Punkt", erklärte Heuberger zum erneuten Scheitern in einem "Alles oder Nichts"-Spiel".

"Die Entscheidung zu meiner Zukunft liegt ohnehin nicht in meiner Hand."
- Bundestrainer Martin Heuberger

Für den 50-Jährigen scheint die Uhr nach dem Verpassen des dritten großen Turniers nach Olympia 2012 und der EM 2014 abgelaufen. Selbstkritische Töne waren trotz seiner mageren Drei-Jahres-Bilanz keine zu hören, und den brisanten Fragen nach seiner Zukunft wich er aus. "Direkt nach dem Spiel möchte ich mich nicht dazu äußern. Ich kann nur sagen, dass mein Vertrag am Monatsende ausläuft. Die Entscheidung liegt nicht in meiner Hand", so Heuberger, der mehrfach betont hatte, gerne weitermachen zu wollen. Aber auch er weiß: "Es wird Diskussionen geben, nachdem wir einmal mehr unser Ziel verpasst haben."

Diese Erkenntnis war auch für Präsident Bernhard Bauer bitter: "Ich hatte gehofft und fest daran geglaubt, dass wir es schaffen. Umso größer ist nun die Enttäuschung. Aber Katas-trophen-Szenarien helfen uns da nicht weiter. Wir werden jetzt eine Durststrecke haben und müssen sehen, dass wir diese überwinden und aus dem Tief herauskommen."

Auch DHB-Vize Bob Hanning ließ sich nicht zu voreiligen Aussagen zu Konsequenzen oder Personalfragen hinreißen. Der "Reformer" verwies vielmehr darauf, erst einmal alles sacken lassen und dann am Mittwoch reden zu wollen: "Dann werden wir uns zusammensetzen, die Situation in aller Ruhe analysieren und zu einer Entscheidung kommen."

Wie diese aussieht, darauf ist auch die Liga gespannt. Ein kompletter Umbruch scheint unumgänglich. SCM-Manager Marc Schmedt erklärte dazu. "Ich bin heilfroh, dass ich nicht in der Haut der Verantwortlichen im Verband stecke. Fakt ist aber, es muss etwas passieren. Die Weichen, die am Mittwoch gestellt werden, sind für den Handball in Deutschland zukunftsweisend."

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