Magdeburg/Essen l Noch am Freitagabend konnte Henning Lambertz seine Sorge nicht mehr verbergen und nahm Franziska Hentke zur Seite. Die 25-Jährige ist ja nicht einfach eine Schwimmerin, die an der Europameisterschaft in Berlin (13. bis 24. August) teilnehmen möchte, Hentke hat sich eine Medaille zum Ziel gesetzt über die 200 Meter Schmetterling. Fünf Wochen vor ihrem Vorlauf über diese Distanz im Velodrom wirkte nun nichts mehr, wie es auch Lambertz von der deutschen Serienmeisterin über ihre Paradestrecke gewohnt war. Lambertz brauchte eine Erklärung, um die Situation vor der Nominierung seines vorläufigen Kaders, die voraussichtlich am heutigen Montag erfolgen wird, einschätzen zu können.

"Ich habe ihm dann erklärt, dass ich immer Probleme habe in den ersten Tagen nach dem Höhentrainingslager", berichtete die Magdeburgerin. Das war nach ihre Rückkehr aus Spanien am vergangenen Mittwoch nicht anders. "Ich hatte versucht, diese ganze Geschichte nicht an mich heranzulassen", erklärte Hentke dem Bundestrainer. Nur ist das naturgemäß schwerer als man denkt. Hentke hatte mangels Energie aufgrund der kurzfristigen Umstellung auf normale Bedingungen erst die Norm über 400 Meter Lagen um drei Sekunden verpasst und war dann auch noch 14 Sekunden über Bestzeit über 400 Meter Freistil geschwommen (Volksstimme berichtete). "Der Bundestrainer war deshalb ziemlich aufgeregt", bestätigte SCM-Coach Berk- hahn.

Das durfte der Bundestrainer auch sein, denn allenfalls seine Leistungsträger wie Paul Biedermann (Halle), die Hamburger Steffen und Markus Deibler, der Darmstädter Marco Koch sowie Dorothea Brandt (Essen) und eben Hentke sind für eine EM-Medaille prädestiniert. Und damit könnte das vorgegebene Ziel des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), sechs- bis achtmal Edelmetall im Becken zu holen, knapp erfüllt werden. Zudem gefiel Lambertz die Einstellung einiger Athleten aus der zweiten Reihe nicht: "Das ärgert mich schon, wenn ich das Ding hier nicht ernst nehme und auf eine Ausnahmeregelung hoffe", sagte der 43-Jährige der Nachrichtenagentur dpa und ergänzte: "Wenn es nach mir geht, werden wir in diesem Jahr wenige machen."

Hentke könnte eine Ausnahme mit Blick auf die 400 Meter Lagen sein aufgrund der ganzen Umstände. Immerhin hatte sie die geforderte erste und weitaus schnellere Zeit bei den deutschen Meisterschaften mit persönlicher Bestmarke (4:44,14 Minuten) unterboten. Insgesamt haben 21 Schwimmer sowohl bei den nationalen Titelkämpfen als auch bei der zweiten Qualifikation in Essen die Norm erfüllt.

Am Sonnabend dürfte also ein erleichtertes Seufzen von Hentke, Berkhahn und Lambertz durch die Halle in Essen-Rüttenscheid gegangen sein, wo sich die Athletin ihr EM-Ticket über die Paradedistanz sicherte. Bei ihrem Sieg in 2:09,85 Minuten über die 200 Meter Schmetterling blieb sie unter der geforderten Zeit - wie schon bei den deutschen Meisterschaften, als sie in 2:07,67 Minuten zur Bestzeit geschwommen war. "Ich war überrascht über die Zeit, ich hatte nicht das Gefühl, mich nach dem Vorlauf (2:11,23) noch einmal steigern zu können", berichtete Hentke über ihre positiven Emotionen nach dem Anschlag in Essen, zumal sie ihren Körper auch in diesem Rennen nur "einigermaßen" kontrollieren konnte. Diese Kontrolle hatte sie in den Tagen zuvor verloren.

Vor allem "war es eine starke letzte Bahn, die sie geschwommen ist", sagte Berkhahn. Zudem gelang es Martina van Berkel (SG Nikar Heidelberg), der späteren Zweitplatzierten, Hentke bis zum Schluss zu fordern. "Deshalb ist es am Ende ein sehr gutes Rennen geworden", sagte der SCM-Coach. "Und in Anbetracht der Umstände war es letztlich eine tolle Leistung von Franzi."