Ulm l Am Sonnabend war im Donaustadion ein Magdeburger in aller Munde, der gar nicht da war, sondern sehr wahrscheinlich daheim in Eichenbarleben auf der Coach gesessen und die Titelkämpfe mit Interesse und vielleicht auch etwas Wehmut vor Fernseher verfolgt hat: Frank Emmelmann.

Der einstige Sprint-Europameister vom SCM, der sich völlig aus der Leichathletik-Szene zurückgezogen hat, hielt nämlich eine Bestmarke, an der sich die deutsche Konkurrenz bis dato die Zähne ausgebissen hatte. Am 22. September 1985 in Berlin lief Emmelmann die 100 Meter in 10,06 Sekunden. "Ich hätte nie gedacht, dass dieser Rekord sogar bis über die Jahrtausendwende hinweg Bestand haben würde", hatte "Emmel", dessen Markenzeichen die langen, weißen Kniestrümpfe waren, erst kürzlich gesagt, als mit Lucas Jakubczyk zu Beginn der Saison in den USA in 10,07 Sekunden wieder einmal jemand an seinem Rekord vorbeigeschrammt war - "wenn auch diesmal verdammt knapp".

In Ulm, nach fast 30 Jahren, war endlich die Zeit reif, den "Schattenmann" zu überflügeln: Julian Reus, der noch nicht einmal geboren war, als der heute 52-Jährige den Rekord aufstellte, brach den Bann. Und das im Zwischenlauf. Die Uhr blieb für den 26-Jährigen, der Schiebewind von 1,8 m/s im Rücken hatte, zunächst bei 10,06 Sekunden stehen. Diese Zeit wurde kurz darauf auf 10,05 korrigiert. Im Finale waren der für Wattenscheid startende Erfurter und dazu auch Jakubczyk zeitgleich mit 10,01 Sekunden sogar noch einen Tick schneller. Der Wind mit 2,2 m/s war aber zu stark.

"Egal, der Rekord aus dem Zwischenlauf steht erst mal. Ich bin baff. Wahnsinn", feierte Reus ausgelassen den endlich geglückten "Durchbruch" der über Jahre hinweg oft als Schleicher oder Hinterherläufer gescholtenen deutschen Sprinter und bezeichnete den Erfolg als "Jahrhundert-Projekt".

Matthias Lindner, der als derzeit schnellster Sprinter Sachsen-Anhalts an dem "schweren Erbe" Emmelmanns mitzutragen hatte ("Ich glaube, er wird froh sein, dass es jetzt endlich vorbei ist und er nicht immer wieder auf die alten Zeiten oder Misere im deutschen Sprint angesprochen wird"), konnte die Gunst der Stunde ebenfalls nutzen. Der 27-Jährige lief in 10,36 Sekunden Saisonbestzeit. "Aber schade, dass ich um zwei Hundertstel das Finale verpasst habe", war der Überraschungs-Vierte des Vorjahres (10,33) hin- und hergerissen. "Aber ich war nach einer verkorksten Saison wieder mal auf den Punkt in Bestform. Und ich habe gesehen, dass die anderen neben und nicht weit vor mir sind. Aber ich muss auch sagen, die Leistungsexplosion - auch in der Breite - ist in diesem Jahr wirklich extrem."

Dass die Vertreter seiner Zunft endlich aus dem Knick gekommen sind, wird auch Emmelmann freuen, ist sich Lindner sicher. Ein anderer wird sich dagegen (noch) in seinem Sessel daheim zurücklehnen können: Raymond Hecht. Er ist als deutscher Rekordhalter im Speerwurf (92,95 Meter/1992) nunmehr der letzte der Magdeburger Mohikaner.

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