Berlin l Henning Lambertz hat Dorothea Brandt alle Möglichkeiten offengelassen. Er hat erinnert an die große Dara Torres (USA), die als 41-Jährige bei den Spielen in Peking 2008 Silber über 50 Meter Freistil gewann. So gesehen, meinte der Bundestrainer des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) lächelnd, "kann Doro noch an drei Olympischen Spielen teilnehmen". Brandt ist die beste deutsche Sprinterin im Becken, sie ist 30 Jahre alt.

Dieses Alter fordert allerdings Behutsamkeit. Weil Brandt sich bei der Schwimm-Europameisterschaft in Berlin für die Sonntagsfinals über 50 Meter Freistil und Brust qualifiziert hatte, beide Endläufe aber innerhalb von sieben Minuten zu absolvieren waren, "haben wir uns entschieden, nur die Brustdistanz zu schwimmen, weil wir uns dort am meisten ausrechnen", meinte Lambertz. Die Rechnung ging nicht auf, Brandt wurde Fünfte. Sie blieb sechs Hundertstel über ihrer Bestzeit (30,77 Sekunden), aber selbst die hätte nicht zur Medaille gereicht.

Der DSV hängt der internationalen Konkurrenz also weiterhin hinterher. Vor allem die Frauen, die nach Olympia 2012 und Weltmeisterschaft 2013 erneut bei einem Großevent ohne Medaille geblieben sind. Im Land der Dagmar Hase, Antje Buschschulte, Franziska van Almsick oder Britta Steffen ist das kaum zu erklären. Lambertz versuchte es einfach: "Deutschland hat vergessen zu trainieren."

Das hat Franziska Hentke gewiss noch nie. Trotzdem konnte sie sich für eine starke Saison nicht belohnen. "Das ärgert mich am meisten", erklärte sie. Um 39 Hundertstel hätte Hentke ihre Bestzeit (2:07,67 Minuten) für eine EM-Medaille über 200 Meter Schmetterling unterbieten müssen, das ist für die Athletin vom SC Magdeburg keine Utopie. Letztlich wurde sie Sechste. "Ich muss das in Ruhe analysieren", sagte die 25-Jährige. Auch, warum "sie sich die ganze Woche davor nicht so gut gefühlt hatte", meinte ihr Coach Bernd Berkhahn.

Mit dem schlechten Gefühl war sie nicht allein, wenngleich Lambertz vor den Sonntagsfinals für jeden zweiten seiner 28 Athleten eine Bestzeit resümierte. Seine Damen und Herren hätten ihre Leistung von nationaler Meisterschaft zum Saisonhöhepunkt um 48 Prozent gesteigert, der internationale Durchschnitt liege in dem Vergleich bei 40 Prozent. Bei der WM 2013 war das DSV-Team nur auf 20 Prozent gekommen. Lambertz: "Damals hatten wir weichere Qualifikationsnormen, um den Athleten Selbstvertrauen zu geben."

In diesem Jahr hatte Lambertz die Normen angezogen, die Athleten zur Schnelligkeit gezwungen. Das wird sich für die WM 2015 in Kasan und für Olympia in Rio 2016 fortsetzen. Mehr Medaillen erwartet er dann trotzdem nicht, die sollen erst bei den Spielen in Tokio 2020 kommen, wenn die jungen Athleten aus dem Perspektivteam Weltniveau erreicht haben. Das ist der Plan. "Für uns ist es ein weiter Weg zurück in die Weltspitze", so Lambertz. Für den einen oder anderen ist der Weg mit der EM beendet: "Es wird Veränderungen im Eliteteam geben."

Hentke sucht indes ihre eigenen Aufschlüsse: Sie schwimmt am Mittwoch und Donnerstag in Doha (Katar) und am kommenden Sonntag und Montag in Dubai (Emirate) einen Kurzbahn-Weltcup. "Gerade jetzt wird es interessant, wie sie sich schlägt", meinte Berkhahn mit Blick auf die EM-Analyse. Nach dem Ausflug geht es in den Urlaub: eine Kreuzfahrt auf der Ostsee. Für Johanna Friedrich, die bei ihrer EM-Premiere 14. über 400 Meter Freistil wurde, beginnt derweil im September der Grundwehrdienst in Hannover.