Magdeburg l Castelnaud de Gratecambe - der Ortsname klingt französisch ausgesprochen wunderschön und geheimnisvoll. Die 400-Seelen-Gemeinde befindet sich mitten in der historischen Provinz Aquitanien. Hier, im Südwesten von Frankreich, 160 Kilometer südlich von Bordeaux, sagen sich buchstäblich Fuchs und Hase gute Nacht.

Wer Raymond Hecht und seine beiden "Ladys" - Tochter Tatiana Star (13) und Ehefrau Tracy (46) - besuchen will, der braucht ein Navi. "Ohne würdest du uns in der Pampa kaum finden. Der Ortskern von Castelnaud ist winzig, in zehn Sekunden bist du mit dem Auto durch." Alles andere sei dagegen sehr weitläufig. "Wenn ich abends aus dem Fenster schaue, dann sehe ich auf der einen Seite Rehe am Waldrand stehen. Und auf der anderen brennt in weiter Ferne das Licht vom Hof meines Nachbarn", beschreibt der 46-Jährige die Dreisamkeit in der Einsamkeit.

Zwischen Parzellen einer 200 Hektar großen ehemaligen Pflaumenplantage bewohnen die Hechts ein uraltes, zweistöckiges Haus. Ringsherum viel Nebengelass und eine große Scheune. "Ach, ich liebe es", schwärmt der 46-Jährige vom südfranzösischen Flair. "Die Natur ist faszinierend, der Sommer herrlich warm. Und auch im Winter ist es oft schön mild." Auch das Haus sei genau sein Ding. "Es ist über 130 Jahre alt, die Mauern aus großen Felssteinen - bis zu 60 Zentimeter dicke Wände. Geil."

Jede Lehmfuge, jeder Dachbalken, jede knarrende Diele erzähle Geschichten aus längst vergangenen Tagen, als Landarbeiter auf dem Gut für einen Hungerlohn geschuftet haben. "Du kannst richtig die Etappen sehen, wann angefangen und wo Jahr für Jahr an- und ausgebaut wurde", erzählt Hecht von seinem neuen alten Heim, in dem er und seine Tracy nach dem Umzug im Oktober 2005 fast ausschließlich selbst Hand angelegt haben.

Seinen Lebensunterhalt verdient Hecht als selbstständiger Handwerker, oder wie er sagt: "Mann für alle Fälle". Anfangs mehr schlecht als recht, doch seit zwei Jahren "brummt der Laden", denn es hat sich inzwischen in der Gegend herumgesprochen, dass der "Deutsche" ein goldenes Händchen hat und für jedes Problem die Lösung. "Ich habe ein besonderes Talent: Ich klaue mit den Augen, was mir fehlt. Ich brauche mir nur ein paarmal anzuschauen, wie`s geht, und dann kann ich das auch: Regenrinnen reparieren, Holzmöbel bauen, Dachdecken, Tapezieren, Dielen schleifen, Schlösser einbauen ..."

Das ergänze sich super mit der Arbeit seiner künstlerisch tätigen Frau, die aus England stammt: "Ich mache aus Alt Neu, Tracy aus Neu Alt. Sie malt wie ein Engel, restauriert alte Fresken. Ihr Ding ist es, Sachen so zu bearbeiten, dass sie gebraucht und alt aussehen -zum Beispiel Küchen. Da ist die Nachfrage hier echt groß."

Reich werden die Hechts davon nicht. Auch der Nebenjob - der Ex-Speerwerfer trainiert in Kooperation mit der Sportschule in Bordeaux regelmäßig auf Honorarbasis ein Dutzend Talente zwischen 14 und 21 Jahren im Wurfbereich - sei mehr Spaß an der Freud als einträglich. Dennoch: "Es ist gut so, wie es ist." Das Leben, das der gelernte Schlosser führt, ist genau das, wonach er gesucht hatte. Damals, 2005, als die sportliche Karriere nach der 15. (!) Operation in die Sackgasse geraten, der Glaube an ein Comeback bei den SCM-Verantwortlichen restlos verschwunden und das Ersparte fast aufgebraucht waren.

"Ich hatte die Olympischen Spiele in Athen knapp verpasst. Aber ich konnte, oder besser gesagt, wollte nicht aufhören", blickt die Frohnatur ("Ich bin am 11.11. geboren - ein Kasper halt") auf Zeiten zurück, als ihm das Lachen vergangen war. Einer der wenigen, die fest daran glaubte, "dass ich alter Sack den Jungen noch das Fürchten lehren kann", war sein langjähriger Trainer Bernd Bierwisch.

Also hat Hecht auf eigene Kosten und trotz schmerzender Knie, Ellenbogen und Rückenwirbel weitergemacht - und, wie er gesteht, "mich damit fast in den Ruin getrieben". Denn als er sich 2005 bei seiner kleinen Tochter mit Windpocken angesteckt hatte, "ging es ans Eingemachte - körperlich, psychisch und finanziell. Ich war am Ende, fühlte mich vergessen, verraten und verkauft. Aber überall, wo ich angeklopft und um Hilfe gebeten habe, blieb die Tür verschlossen. Ich wollte nur noch weg aus Deutschland, irgendwohin, wo es warm ist, ich meine Ruhe habe und ganz von vorn anfangen kann".

Beim Tingeln durch Südfrankreich entdeckten der Heimatsuchende und seine Frau das verlassene, verstaubte Gehöft. Und wohl nur das "Dreamteam", wie Hecht die eingespielte Dreier-Combo bezeichnet, sah in der baufälligen Hütte das künftige Kleinod seiner Träume. "Jeder hat gesagt, ihr seid doch verrückt. Das endet in einer Katastrophe`", erinnert sich der Auswanderer, der einmal im Jahr für zehn Tage nach Deutschland kommt, um die Eltern oder alte Kumpels wie Ex-SCM-Speerwerfer Olaf Händel zu besuchen. "Und anfangs war es auch echt schwer, wir wussten gar nicht, wo wir zuerst anfangen sollten. Aber es hat sich gelohnt. Ich bin endlich angekommen. Hier kriegen mich keine zehn Pferde mehr weg."

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