Neukirchen beim Heiligen Blut l Der 485 Meter hoch gelegene Wallfahrtsort Neukirchen ist mit Puderzucker bestreut. Es hat frisch geschneit. Idylle und Einsamkeit pur. Die Sonne hat sich versteckt. Dafür strahlt Robin Krasniqi umso mehr angesichts des straffen Programms, das unsereins eher zum Weglaufen animieren würde. "Das ist genau mein Ding", freut sich der 27-jährige Boxer auf das Vormittagstraining. "Ich finde es geil, wenn ich irgendwo lang laufe, wo noch alles unberührt ist, und ich meine Spuren im Schnee hinterlassen kann."

Und dann flitzt er auf das Zeichen von Konditionstrainer Alfred Segerer los. Den "Hohen Bogen" steil hinauf. Genau dort entlang, wo eigentlich der Skilift seine Arbeit verrichtet. Doch der steht an diesem Morgen still. Stattdessen keucht der Boxer wie eine Dampflok. Über 100 Höhenmeter gilt es zu überwinden. Im Laufschritt. Krasniqi stöhnt und kämpft. Er will schneller sein als sein Trainer. Oben angekommen reckt der Münchner die Arme in den Himmel. Er schreit zwar nicht "Adriiiiannnn", sondern "Siiiiieg", aber dennoch: Rocky Balboa lässt grüßen ...

Doch im Gegensatz zum legendären Boxer aus dem Oscarprämierten US-Film, stählt Krasniqi seine Muskeln beim mörderisch anmutenden Krafttraining am Nachmittag nicht in einer verstaubten, abgewrackten Trainingshalle, sondern in einem super modernen Fitnessstudio, das Sepp Maurer, einst selbst ein Top-Athlet im Kraftdreikampf, gehört. Auf 600 Quadratmetern gibt es alles, was das Kämpferherz höher schlagen und die Muskelberge wachsen lässt - und das bei Bedarf mit Leistungsdiagnostik, Physiotherapie, Sauna, Höhenkammer oder Personaltraining mit dem Chef persönlich, wie Krasniqi.

Das Smartphone funktioniert hier nicht

Und bei ihm besteht Bedarf. An allem. Seit vier Wochen. Und auch die nächsten 14 Tage, bevor in Magdeburg SES-Chefcoach Dirk Dzemski das boxspezifische Training übernimmt, spult der Herausforderer von WBA-Champion Jürgen Brähmer das eintönige, hammerharte Programm ab. "Essen, trainieren, schlafen, essen, trainieren, schlafen ..." Trainerfuchs Segerer grinst. Er freut sich darüber, dass hier oben in den Bergen alles funktioniert, nur eines nicht: Das Smartphone. "Das ist ideal, so kann sich Robin voll und ganz auf das Wesentliche konzentrieren."

Und darin ist der gebürtige Kosovo-Albaner, der mit 17 Jahren nach Deutschland kam, wohl schon ein Weltmeister. Krafttrainer Maurer schwärmt: "Ich habe schon viel gesehen und viel erlebt - nicht zuletzt trainieren auch 50 Profis, vom Triathleten bis zum Fußballer hier - aber ich habe noch nie jemanden so hart und fokussiert trainieren sehen wie Robin."

Die Erklärung für dessen 120-prozentigen Einsatz ist einfach: Wie einst "Rocky" hat auch Krasniqi die Chance seines Lebens erkannt und investiert seine gesamte Kraft, Energie und Zeit, um sie zu nutzen: "Klar falle ich abends ausgepowert und todmüde ins Bett. Wenn ich dann aber an den Kampf denke und mir vorstelle, wie der Ringrichter meinen Arm zum Zeichen des Sieges hebt, würde ich am liebsten gleich wieder aufstehen und weitertrainieren."

   

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