Offenbach l "Was ist Schalke, was ist Dortmund - wir steigen wieder auf." Am 25. April stimmten die Fans der Offenbacher Kickers diesen Gesang an. Gerade war das Team von Trainer Rico Schmitt durch ein 2:0 gegen den ärgsten Verfolger 1. FC Saarbrücken vier Spieltage vor Schluss Meister der Regionalliga Südwest geworden.

Der Fangesang, so antiquiert und unzutreffend er ist, skizziert anschaulich die Stimmungslage beim Traditionsklub. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffen beim DFB-Pokalsieger von 1970 oft Welten.

Offenbach Lizenz für dritte Liga verweigert

Im Selbstverständnis sind die Kickers Zweitligist. Tatsächlich hat der Klub, der 1983/84 letztmals erstklassig spielte, in den vergangenen 30 Jahren nur sieben in der 2. Liga verbracht. Wer sein Herz an den OFC verloren hat, muss leidensfähig sein. Die Geschichte ist von großen Dramen geprägt.

2008 etwa stiegen die Kickers nach starker Hinrunde völlig überflüssig nach drei Jahren Zweitklassigkeit ab. Der Anspruch, für höhere Weihen bestimmt zu sein, vernebelte so manchem den Blick auf die Konten. Die Folgen waren verheerend: 2011/2012 verpasste der Verein trotz teurer Transfers den Aufstieg. 2013, ein Jahr nach der feierlichen Einweihung des 25 Millionen Euro teuren und von Stadt und Land bezuschussten Stadionneubaus, waren die Kassen leer. Der DFB verweigerte wegen nicht erfüllter Auflagen die Lizenz für die 3. Liga - und das trotz des Viertelfinaleinzugs im DFB-Pokal.

Eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft attestierte 9,3 Millionen Euro Schulden. Der Gang vor ein DFB-Sportgericht scheiterte ebenfalls, kurz darauf meldete der OFC Insolvenz an. Zum zweiten Mal nach 1989, als wegen eines Formfehlers die Lizenz für die 2. Liga entzogen worden war, stand der Verein vor einem Scherbenhaufen.

Gewinner des Hessenpokals

Trainer Rico Schmitt blieb - und stellte nach dem Zwangsabstieg im Sommer 2013 in einer "Casting-Show" einen Kader für die Regionalliga Südwest zusammen. "18 Spieler hatten bei den ersten Trainingseinheiten Namensschildchen am Trikot", erinnert sich Daniel Endres.

Der Torwart blieb als einer von sechs Drittligaprofis. Er steht mit einer kleinen Unterbrechung seit elf Jahren beim OFC unter Vertrag. Seit Juli 2013 ist er Kapitän - und mit 30 Jahren auch der Senior im Team. "Einmal OFC, immer OFC", sagt der beste Torwart der Regionalliga Südwest, der ein Angebot des FSV Frankfurt ausschlug. Das kommt an bei den Fans, die ihre Liebe zum Verein neu entdeckten.

Unter der Regie eines Insolvenzverwalters übte sich der OFC erfolgreich in Demut. Die bunt zusammengewürfelte Mannschaft tat sich im ersten Jahr sehr schwer (Achter). Dafür aber gelang mit dem Gewinn des Hessenpokals die Qualifikation für den DFB-Pokal. Dort machten die Kickers in dieser Spielzeit ihrem Ruf als Favoritenschreck alle Ehre. 1:0-Siege gegen den FC Ingolstadt und den KSC sorgten für enormes Selbstvertrauen.

Grabenkämpfe in Offenbach

"Aus Verlierern sind Gewinner geworden", erklärt Mittelfeldabräumer Klaus Gjasula die sensationelle Entwicklung der einstigen "Casting-Truppe", die seither nur noch punktuell, aber effizient verstärkt wurde. Im Winter 2014 kam der Ex-Babelsberger Torjäger Markus Müller. Auch ihn formte Schmitt zu einem Gewinner.

In dieser Saison ist Müller mit Christian Cappek bester Torschütze (15 Treffer). Defensivallrounder Maik Vetter, der elegante und torgefährliche Techniker Martin Röser (zuvor SV Wehen Wiesbaden) und Mittelfeldspieler Gabriel Gallus (KSV Hessen Kassel) kamen in dieser Spielzeit hinzu. Die Erfolge des Teams übertünchten schließlich sogar die Grabenkämpfe im Verein.

Die hatten sich an den Folgen der Insolvenz entzündet. Im Zuge einer sogenannten Nachranghaftung gingen rund vier Millionen Euro Schulden der insolventen Profi GmbH auf den 100-Prozent-Gesellschafter Kickers Offenbach e.V. über.

Es gibt noch zirka 1500 Restkarten für das morgige Relegations-Hinspiel. Stehplatztickets der Blöcke 1 und 2 online über print@home, Sitzplatztickets der Blöcke 13, 17 und 18 ab Dienstag im FCMtotal-Fanladen, Maxim-Gorki-Str. 42, in allen Volksstimme Service-Centern und über die biber-ticket-Hotline 0391 / 59 99 700.