In einer der schlimmsten sportlichen Krisen des 1. FC Magdeburg – es droht der Abstieg in die 5. Liga – herrschte in der durch Rücktritte und andere Schritte ausgedünnten Führungsetage des Fußball-Regionalligisten lange Zeit so etwas wie Sprachlosigkeit. Der Interims-Vorsitzende des Aufsichtsrates, Helmut Herdt, hat jetzt das selbstauferlegte Schweigen gebrochen. Mit dem Sprecher der Geschäftsführung der Städtischen Werke Magdeburg (SWM) unterhielt sich Volksstimme-Redakteur Rudi Bartlitz.

Volksstimme: Herr Herdt, wie geht es Ihnen?

Helmut Herdt: Wenn wir auf Platz eins stehen würden, ginge es mir wesentlich besser.

Volksstimme: Nun ist ein Aufsichtsrat ja nicht dazu da, die Tagesgeschäfte zu führen. Aber durch mehrere Rücktritte sind Sie in die Rolle des Handelnden gedrängt worden. Was also kann der Aufsichtsrat in dieser Situation tun?

Herdt: Auch wir wurden von der Dynamik der Vorgänge ein wenig überrascht. Wir werden uns jetzt am 23. Februar zusammensetzen. Da wollen wir wichtige grundsätzliche Beschlüsse fassen, wie es mit dem Verein langfristig weitergehen soll. Das betrifft sowohl die Frage des neuen Präsidenten und des Präsidiums als auch die, wer künftig dem Aufsichtsrat vorstehen soll.

Volksstimme: Heißt der neue Chef des Aufsichtsrates Helmut Herdt?

Herdt: Nein, definitiv nicht. Ich habe zu allen Zeiten erklärt, dass ich dafür nicht zur Verfügung stehe.

Volksstimme: Nun pfeifen es seit Tagen die Spatzen von den Dächern, dass Peter Fechner, Geschäftsführer der Stadionbetreibergesellschaft SSG, der Flughafen-GmbH und der Weißen Flotte, der künftige Präsident sein wird.

Herdt: Ich bitte um Verständnis, dass ich mich zu Personalfragen nicht äußere. Ich möchte die Gelegenheit hier aber nutzen, um mit einem offensichtlichen Missverständnis aufzuräumen. Das Präsidium um Volker Rehboldt hat seinerzeit bei seiner Rücktrittsankündigung mitgeteilt, dass es solange kommissarisch im Amt bleibt, bis Nachfolger gefunden sind. Das gilt auch weiterhin. Das Präsidium ist also handlungsfähig, mit allen Rechten und Pflichten.

Volksstimme: Einspruch. Vom Präsidium hörte man des öfteren, dass es sich nur noch um die Tagesgeschäfte kümmere.

Herdt: Wir haben zwar einen Konsens, dass alle Entscheidungen, die über das Saisonende hinausreichen, mit dem Aufsichtsrat abgestimmt werden, ansonsten kann ich nur wiederholen, dass das Präsidium geschäftsführend im Amt ist.

"Es gibt kein Macht-Vakuum"

Volksstimme: Das würde also – bei anhaltendem sportlichen Misserfolg – auch eine so heikle Frage wie eine mögliche Trennung von Trainer Ruud Kaiser betreffen?

Herdt: Wenn das Präsidium zu der Schlussfolgerung kommen sollte, dass da Handlungsbedarf besteht, würde es einen Vorschlag erarbeiten und den Aufsichtsrat davon in Kenntnis setzen. Wir würden uns eine Meinung bilden und das Präsidium würde es umsetzen.

Volksstimme: Also ist, zugespitzt gefragt, das sogenannte Macht-Vakuum im FCM nur eine falsche Wahrnehmung der Öffentlichkeit und vor allem der Medien?

Herdt: Das weiß ich nicht. Klar ist auf jeden Fall, dass es kein Vakuum gibt, dass der Aufsichtsrat aktiv und zudem gewillt ist, nächste Woche wichtige Beschlüsse zu fassen. Auch wenn wir, ich wiederhole das gern, nicht ins operative Geschäft eingreifen. Wir haben zudem in der zurückliegenden Zeit verschiedene Zukunftsmodelle diskutiert und sind übereinstimmend zu der Auffassung gelangt, dass der FCM weiter einen ehrenamtlich tätigen Präsidenten und einen hauptamtlichen Sportlichen Leiter haben sollte. Ob der sich dann Sportdirektor oder Manager nennt, ist zunächst unerheblich.

Volksstimme: Sportdirektor, das ist ein gutes Stichwort. Gerade an der sportlichen Flanke haperte es beim FCM seit Jahren, um nicht zu sagen: seit Jahrzehnten.

Herdt: Da sind wir im Konsens. Deshalb sehen wir es im Aufsichtsrat auch als die wichtigste Aufgabe des Vereins in der Zukunft an, alle Anstrengungen auf den sportlichen Bereich zu bündeln. Das neue Präsidium muss mit Hochdruck daran arbeiten, so schnell als möglich eine geeignete Person als Sportdirektor zu finden.

Volksstimme: Wie schnell?

Herdt: Ich gehe jetzt einmal so weit zu sagen, das muss die erste Aufgabe des neuen Präsidenten sein. Wobei er trotzdem gründlich und umsichtig vorgehen sollte, um eine erneute Fehlbesetzung zu vermeiden. In dieser Frage, das lehrt die Vergangenheit, sollte der nächste Schuss auf jeden Fall zum Erfolg führen.

Volksstimme: Wie lange, glauben Sie, reicht die Geduld der Fans mit dem FCM noch?

Herdt: Wir müssen jetzt sehr sorgfältig prüfen, welche Chancen wir noch haben. Ich denke, in der Vergangenheit ist zu oft und zu schnell von einem Modell zum nächsten gesprungen worden. Wenn Modell X nicht klappte, wurde es eben durch Modell Y ersetzt. Wir müssen weg von diesen schnellen, abrupten Wechseln, wir müssen endlich beginnen, ein Team längerfristig zu formen. Natürlich eines, mit dem man den Aufstieg erreichen kann. Mut macht mir dabei, dass dies auch anderswo geklappt hat.

Volksstimme: Die Frage stellt sich dennoch zwingend: In welcher Zeit soll das passieren? Denn auf Dauer findet sich angesichts der Magdeburger Fußball-Traditionen hier kaum jemand mit Mittelmaß ab.

Herdt: Natürlich nicht. Aber so eine Mannschaft wird sich nur Stück für Stück formen lassen. Da müssen alle zusammenwirken, Fans, Leitungsgremien, Zuschauer, Spieler und Trainer. Also: Ich denke, zwei, drei Jahre werden wir benötigen – vorausgesetzt, wir bekommen durch einen neuen Sportdirektor endlich so etwas wie Kontinuität in den Laden.

Volksstimme: Sportlich sieht es prekär aus, das ist mit Händen zu greifen. Wie steht es um die Wirtschaftlichkeit des FCM?

Herdt: Natürlich schlägt sportlicher Misserfolg auch auf die ökonomische Situation durch. Stichwort: Zuschauerrückgang. Dennoch muss ich dem scheidenden Präsidium danken. Es hat die Kosten in Größenordnungen gesenkt, Risiken vermieden. Auch vom DFB haben wir, was die Berichterstattung über die wirtschaftliche Lage betrifft, viel Lob erhalten.

Volksstimme: Also abschließend: Wo spielt der FCM in fünf Jahren?

Herdt: Jedenfalls nicht mehr in der Regionalliga.

Volksstimme: Doch nicht etwa in der Oberliga?

Herdt: Nein, nein. Auf jeden Fall höherklassig. Ich halte es da mit dem alten Motto: Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Das Potenzial für höherklassigen Fußball ist da. Und: Ich glaube fest daran, dass der Fußball sich hier wieder aufrappelt.