Als der SES-Boxstall am 16. März 2000 in Magdeburg als Mini-Team aus der Taufe gehoben wurde, schwebte elbabwärts das Hamburger Faustkampf-Unternehmen Universum seinem Zenit entgegen. Elf Jahre später jedoch geht die Entwicklung genau in die entgegengesetzte Richtung.

Magdeburg. Die Klitschko-Brüder, Dariusz Michalczewski und Regina Halmich – das waren Namen, die die Firma des Groß- gastronomen Klaus-Peter Kohl zu einem Global Player dieser Kampfsportart machten. In seiner Blütezeit beschäftigte Universum, Europas größtes Box-Team, über 50 Profis aus aller Herren Länder und mehr als ein halbes Dutzend hochqualifizierter Trainer. Weltmeister der verschiedensten Verbände und Gewichtsklassen traten sich im Wandsbeker Gym gegenseitig regelrecht auf die Füße.

Die finanzielle Basis für all das lieferte ausgerechnet ein öffentlich-rechtlicher Sender, das ZDF. Zwischen 15 und 20 Millionen Euro zahlten die Mainzelmännern pro Jahr, damit ihnen der Hamburger Impressario dafür etwa ein Dutzend Veranstaltungen am Sonnabendabend frei Haus lieferte. Kohls großer Vorteil: Er konnte den quotensüchtigen TV-Leuten nahezu uneingeschränkt eine hohe Sehbeteiligung garantieren.

"Warum mache ich das eigentlich?"

Unterdessen mühte sich SES-Chef Ulf Steinforth in den Ebenen der ostdeutschen Provinz, seinen Leitbildern in Hamburg nachzueifern. Um jeden Tausender mussten er bei den Sponsoren die Klinken putzen, von einem lukrativen Fernsehvertrag konnte er nur träumen. Und so hießen die Veranstaltungsorte eben nicht – wie bei Kohl – Hamburg, München, New York oder Las Vergas, sondern eben Dessau, Köthen, Aschersleben, Ilsenburg, Salzwedel oder Magdeburg. Und nicht nur einmal fragte sich der heute 43-jährige Unternehmer und Box-Idealist, wenn am Ende einer Veranstaltung beim Addieren wieder mal geradeso die Selbstkosten herausgekommen waren: "Warum mache ich das eigentlich?"

Doch Steinforth blieb bei der Stange: "Auch aus Verantwortung meinen Sportlern gegen-über." Und langsam, ganz langsam ging es bergan. Zu den Veteranen René Monse und Dirk Dzemski gesellten sich junge, hungrige Athleten. Mit Lucas Konecny und später Jan Zaveck stießen die ersten Ausländer zum Team. Bald feierten sie auch internationale Titel und den ersten WM-Gürtel. Und als dann noch die Russin Natascha Ragosina dazukam, eröffnete sich SES ein völlig neues Feld: das Frauenboxen. Da sahnten sie richtig ab und sammelten Weltmeistertitel wie andere Briefmarken. Mit Ragosina, Ramona Kühne und der jungen Christina Hammer hat Steinforth heute drei Weltmeisterinnen unter seinen Fittichen. Da auch SES-Galions-Figur Robert Stieglitz und Zaveck nachzogen, tragen heute fünf Weltmeister das SES-Logo auf der Kampfkleidung.

Die Magdeburger, bei denen mittlerweile 15 Akteure unter Vertrag stehen, sind heimlich, still und leise zu einer Großmacht des Boxens geworden. Sie haben heute mit fünf Weltmeistern mehr Champions in ihren Reihen als Universum und der seit Jahrzehnten zweite große deutsche Stall, die Berliner Sauerland-Promotion.

"Wir sind kontinuierlich gewachsen und ernten jetzt die Früchte mehr als zehnjähriger intensiver Arbeit", rekapituliert Steinforth heute. Erstaunlich dabei: Er konnte nie auf einen gro-ßen Fernseh-Etat zurückgreifen wie Universum und Sauerland. Letzterer ist seit zehn Jahren mit der ARD verbandelt und soll für einen neuen Drei-Jahres-Vertrag von 2013 bis 2015 sage und schreibe 54 Millionen Euro erhalten.

Wie wichtig TV-Gelder im Boxen generell sind, zeigt exemplarisch der Fall Universum. Als das ZDF nach kritischen Stimmen im eigenen Haus und aus der Politik im vergangenen Jahr die Zusammenarbeit mit den Hamburgern beendete, ging es dort im Sinkflug bergab. Die fatale Kette: keine Fernsehgelder, kaum noch attraktive Kämpfe, keine Einnahmen.

An der Alster begann ein Winterschlussverkauf ungeahnten Ausmaßes. Und einer derjenigen, der davon profitiert, ist Steinforth. Wie die Volksstimme erfuhr, wird eines der ehemaligen Universum-Aushängeschilder, Fliegengewichts-Weltmeisterin Susi Kentikian, demnächst unter SES-Flagge segeln. WBA-Supermittelgewichtsweltmeister Dimitri Sartison, der am 9. April in der Bördelandhalle auf SES-Mann Robert Stieglitz trifft, darf man getrost ebenfalls schon dem Magdeburger Team zurechnen.

Auf Anfrage sagte Steinforth gestern der Volksstimme: "Ja, es stimmt, wir sind an mehreren hochkarätigen Sportlern von Universum dran. Es ist ja bekannt, dass ich seit langem einen guten Draht zu Kohl habe." So wird zu Kentikian und Sartison eventuell noch der eine oder andere bekannte Name, möglicherweise auch Weltmeister, hinzukommen. Der SES-Chef: "Wir wollen die Besten der Besten haben. Aber es müssen Persönlichkeiten sein, die zu uns passen."

"Regelrecht nach vorn katapultiert"

Möglich wurde dieser Aufschwung vor allem durch gute, seit Jahren gepflegte wirtschaftliche Kontakte zu regionalen Firmen und zunehmend auch zu überregional agierenden Unternehmen. Seit einigen Wochen, so verriet Steinforth gestern, "haben wir mit dem Online-Shop getgood einen neuen potenten Sponsor". Auch die seit einem Jahr bestehende Zusammenarbeit mit dem TV-Vermarkter Sportfive trägt immer mehr Früchte. "Das hat uns regelrecht nach vorn katapultiert. Unsere Sportler werden durch ihre Erfolge auch im Ausland immer interessanter. Wir verkaufen inzwischen Rechte in 10 bis 15 Länder, darunter auch in den arabischen Raum."

Mit dem Zugang von Kentikian, die einst ihre ersten Schritte im Seilgeviert bei SES-Veranstaltungen in Dessau, Aschersleben und Magdeburg machte, würde sein Team, so Steinforth, zudem "zur weltweiten Nummer eins im Frauenboxen".

Da immerhin "drei meiner fünf Weltmeister weiblich sind", lacht Steinforth, "ist die Frauenquote bei SES also mehr als erfüllt".