Dirk Dzemski hat seine erste echte Feuertaufe als Trainer von Box-Weltmeister Robert Stieglitz mit Bravour bestanden. Der Ex-NBA-Champion im Mittelgewicht stand zwar schon bei der erfolgreichen Titelverteidigung des SES-Stars in Dresden Ende November als "Feuerwehrmann" in der Stieglitz-Ecke, aber die trainerische Vorarbeit hatte damals noch Torsten Schmitz geleistet. Diesmal nun trug Dzemski vom ersten Tag der zehnwöchigen Vorbereitung an die volle Verantwortung.

Magdeburg. Eigentlich war Robert Stieglitz bei seiner Titelverteidigung gegen den in der 10. Runde wegen eines absichtlichen Kopfstoßes disqualifizierten Herausforderer Khoren Gevor ganz klar im Vorteil. Schließlich hatte der WBO-Champion an diesem Abend quasi zwei Trainer.

Zumindest konnte man diesen Eindruck gewinnen, denn es waren von der ersten Runde an nicht nur Anweisungen von SES-Coach Dirk Dzemski akustisch zu vernehmen, sondern es drangen deutlich hörbar auch Hinweise mit mecklenburgischem Akzent ins Ohr des Weltmeisters.

In der zweiten Reihe am Ring saß aber nicht irgendein Boxfan, der sich als "Möchtegern-Trainer" aufführte, sondern einer vom Fach: Torsten Schmitz. Der hatte Stieglitz im April 2006 übernommen, auf den WM-Thron geführt und ihn dann aber kurz vor dem Kampf in Dresden im Stich gelassen, um dem Lockruf von SES-Konkurrent Wilfried Sauerland zu folgen. (Schmitz: "Es tut mir leid, wie das gelaufen ist, aber dass ich die Sache damals nicht ordentlich zu Ende und damit Robert in Schwierigkeiten gebracht habe, war eine Entscheidung von höherer Stelle.") Dennoch ließ es sich der Abtrünnige nicht nehmen, den Titelkampf live in der Bördelandhalle zu verfolgen.

Dass er das "Coachen" nicht lassen konnte, sah Schmitz keineswegs als Problem an. "Ich kann nicht anders, und lasse mir auch von niemanden den Mund verbieten. Ich glaube, Robert hat mich zwei-, dreimal rausgehört und war auch nicht böse über die Zwischenrufe. Im Gegenteil., einige taktische Hinweise waren wohl auch ganz hilfreich und er hat versucht, sie umzusetzen." Zudem läge er auf gleicher Linie mit Dirk Dzemski, "und auch der weiß, dass ich nie was Falsches reinrufen würde", so Schmitz, der seinem einstigen Schützling ("Ich habe Torsten sehr wohl gehört und manche Hinweise waren gar nicht so schlecht.") eine "technisch-taktisch gute Leistung" attestierte. Und er lobte, "dass Robert cool geblieben ist und sich nicht auf die dreckigen Tricks des Gegners eingelassen hat".

Indirekt sind diese Worte auch ein Ritterschlag für Dzemski, der nicht das Gefühl hatte, dass seine Autorität am Ring durch Schmitz untergraben wurde. "Ich habe kein Problem mit Torsten, und es hat mich nicht gestört, dass er dazwischengerufen hat. Er ist ein guter Trainer, und es stimmt, wir fahren, was das Boxen anbelangt, eine Linie, aber meine geht noch ein Stückchen weiter. Denn meiner Meinung nach sind Schmitz‘ Boxer technisch hervorragend ausgebildet, aber sie nehmen zu viele Schläge." Das widerspreche seiner Philosophie, so der gebürtige Hallenser. "Ein Boxer muss nicht nur austeilen, sondern vor allem Treffer vermeiden können. Als Trainer trage ich die Verantwortung für meine Jungs, und ich muss und will sie davor schützen, dass sie irgendwann später mal mit dem Kopf wackeln, nur weil sie zuviel abbekommen haben."

Das habe er auch Stieglitz versucht einzutrichtern. Und speziell in dieser Hinsicht hat der 38-jährige Jungtrainer ("Ich habe zwar nur eine B-Lizenz und das Ganze nicht studiert, aber ich hatte sehr gute Trainer, von denen ich viel gelernt habe.") bei seinem Schützling deutliche Fortschritte beobachtet. "Das war eine Meister- leistung. Robert war diesmal viel sicherer und hat für seine Verhältnisse deutlich weniger Gegentreffer kassiert. Ich bin stolz darauf, dass er den Kampf so gut geführt und Gevor mehr und mehr ans Limit gedrückt hat. Der K.o, da bin ich mir sicher, wäre noch gekommen", so Dzemski, der bei SES neun Boxer unter seinen Fittichen hat und nunmehr Lucas Konecny auf die Verteidigung seines EM-Titels (4. Mai) vorbereitet.

Auch SES-Promoter Ulf Steinforth hält große Stücke auf seinen Chefcoach: "Dirk hat eine grandiose Entwicklung genommen – vom Athleten, über den Weltmeister bis hin zum Meistermacher. Er ist ein fleißiger Arbeiter, immer bescheiden und loyal. Ich bin stolz auf ihn."