Varnkevitz/Rügen (dpa). Statt im Jahr 40 000 Kilometer mit dem Auto quer durch Europa zu den Bobbahnen zu touren, fährt er lieber ein paar hundert Meter mit dem Boot auf die Ostsee und fängt Fische. Mal bevorzugt er auch das Dickicht und geht mit seiner Flinte auf Jagd – der dreimalige Bob-Olympiasieger Meinhard Nehmer genießt das Rentner-Dasein auf Rügen in vollen Zügen. Die morgige Party zu seinem 70. Geburtstag in Varnkevitz, fünf Kilometer von Kap Arkona entfernt, findet im kleineren Rahmen statt.

Auf jeden Fall wird sein langjähriger Freund und Anschieber Raimund Bethge mit dabei sein. Der ehemalige Cheftrainer des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD) ist seit dem vergangenen Sommer selbst pensioniert und reist liebend gern auf die Urlaubs-insel. Nehmer war für Bethge immer eine wichtige Bezugsperson. "Seine Persönlichkeit, seine ruhige Art und seine Ausstrahlung machen ihn so wertvoll. Zudem steht er im positiven Sinne immer über den Dingen", sagt Bethge, der als Anschieber mit Nehmer 1977 Weltmeister wurde. Nehmer war es auch, der Bethge nach seinem schweren Unfall auf der Bobbahn in Cesana Ende 2005 täglich anrief und ihm Kraft für die Genesung gab.

Seine erste sportliche Sternstunde hatte der Ausnahmepilot 1976 in Innsbruck erlebt. Erst hatte er als Fahnenträger "eine unglaubliche Gänsehaut", dann sorgte er für den ersten Olym-piasieg eines DDR-Bobs. Stunden später setzte er im Viererbob noch einen drauf. Unsterblich wurde Nehmer 1980 in Lake Placid: Auf der schon damals berüchtigten Bahn am Mount van Hoevenberg mit 9,5 Prozent Gefälle durchbrach er als bisher einziger Pilot die Minuten-Grenze und holte sein drittes Olympia-Gold.

"Dafür werde ich in den USA noch heute als Hero verehrt und gefeiert, einfach Wahnsinn. Die Amis stehen eben auf Action, da muss es schon mal richtig rauchen in der Rinne", erinnert sich Nehmer, der nach der Wende erst in Italien und den USA und dann wieder für die Deutschen arbeitete. Die Amerikaner um Brian Shimer gewannen dank Nehmer 1993 die erste WM-Medaille für die USA nach 24 Jahren.

Der gelernte Landwirt, Wettertechniker und Korvettenkapitän der Volksmarine hatte schon "von Kind auf viel gebastelt. Ich hatte 15 Jahre einen DKW F9, an dem ich in der Werkstatt fast alles allein gemacht habe", sagt Nehmer. "Er war extrem experimentierfreudig. Innerhalb der Bahn ging er immer bis an die Grenzen, außerhalb tüftelte und bastelte er ohne Ende. Er hat die Kisten schon damals komplett bis ins kleinste Detail auseinandergenommen", sagt Bremser Bogdan Musiol, der ebenso wie Bethge den einen oder anderen Trainingssturz mit Nehmer weg- stecken musste.

Erst mit 32 Jahren ging der frühere Speerwerfer Nehmer zum Bobsport. "Als ich 81 Meter warf, kam gerade ein Lichtblick. Dennoch wechselte ich in den Bob und habe es nie bereut." Nehmer war ein Glücksgriff. "Für mich ist Meinhard der markanteste Punkt in der gesamtdeutschen Bobgeschichte", sagt Wolfgang Hoppe, der das olympische Double 1984 in Sarajevo schaffte. "Wären seine Erfolge nicht gewesen, wäre die Entwicklung nicht so vonstatten gegangen." Bethge ergänzt: "Im ganzen Weltcup-Zirkus gibt es keinen Einzigen, der so viel Erfahrung, Wissen und Können mitbringt."

Ein Wiedersehen mit der Bob-Branche wird es spätestens bei der Heim-WM im Februar in Königssee geben, wo der Verband alle deutschen WM- und Olympia-Medaillengewinner eingeladen hat.