Die Gold-Sammlung funkelt, doch die Schwachstellen im deutschen Spitzensport kann sie nicht überstrahlen. Während zur Halbzeit der 29. Olympischen Spiele Gastgeber China auf dem besten Weg ist, die USA als Sport-Weltmacht abzulösen, kämpft Deutschland um den Anschluss an die internationale Spitze.

Immerhin fiel die Zwischenbilanz mit neun Gold-, sechs Silber- und sieben Bronzemedaillen bis einschließlich Sonntag besser aus als befürchtet. Dies ließ die deutsche Mannschaft für einige Tage sogar auf Platz drei in der Nationen-Wertung hinter die enteilten Chinesen, die schon jetzt mehr Gold geholt haben als in Athen, und die Amerikaner vorrücken. In die zweite Woche geht das Team als Vierter. Zudem hat Deutschland in Britta Steffen als zweifache Schwimm-Olympiasiegerin endlich wieder einen Superstar.

"Es besteht kein Anlass zu jubilieren oder die Ärmel herunterzukrempeln", sagte DOSB-Generalsekretär Michael Vesper in seinem Fazit nach einer Woche Olympia. Der Chef de Mission zog eine "durchweg positive Bilanz", ohne in Euphorie zu verfallen. Denn an den ersten neun von 16 Wettkampftagen waren die Schwachstellen in der Mannschaft des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zu offensichtlich. Die Diskussion um Strukturreformen auf dem Weg nach London 2012 ist längst im Gang, die ersten Schritte sind gemacht.

Vom selbst gesteckten Ziel für Peking, den Abwärtstrend zu stoppen und mindestens das Ergebnis von Athen zu erzielen, ist der DOSB mit bisher 22 Medaillen noch weit entfernt. Vor vier Jahren hatten die deutschen Athleten 49-mal Edelmetall (13 Gold, 16 Silber, 20 Bronze) entgegengenommen. In den nächsten sieben Wettkampftagen haben die Deutschen nur wenige Gelegenheiten, ihre Bilanz aufzubessern.

Die Reiter in Hongkong, die Kanuten, Tischtennis-Star Timo Boll im Einzel und mit dem Team, Turner Fabian Hambüchen im Reck-Finale und Gewichtheber Matthias Steiner im Gewichtheben gelten als Medaillen-Anwärter. Die Fußball-Frauen dürfen nach dem Halbfi nal-Einzug gegen Brasilien ebenfalls mit einer Medaille rechnen. In der Leichtathletik wäre hingegen jede Medaille eine große Überraschung.

In den vergangenen Tagen gelangen vor allem in den "kleinen" und sonst medial wenig beachteten Disziplinen überraschende Siege. Doch einzelne Erfolge überdeckten in den vergangenen Tagen zu oft die schwachen Vorstellungen mancher Sportarten. Ole Bischof im Judo mit seinem Olympiasieg oder Ringer Mirko Englich mit Platz zwei schönten das mäßige Abschneiden ihrer Teamkollegen.

Die Straßenradfahrer enttäuschten auf ganzer Linie, die deutschen Boxer holten sich blaue Augen ab. Die Ruder-Flotte blieb erstmals seit 52 Jahren ohne Goldmedaille und versank trotz Silber und Bronze im Shunyi-Park. Zu den Überraschungen zählten die Fechter mit den Goldcoups von Benjamin Kleibrink und Britta Heidemann. Die drei Olympiasiege der Vielseitigkeitsreiter und der Dressur-Equipe waren durchaus eingeplant. Das Vorrunden-Aus für die Handball-Frauen und die Basketball-Herren trübten das Abschneiden in den Mannschaftssportarten. "Licht und Schatten" habe es in dem Bereich bisher gegeben, sagte Vesper.

Am gravierendsten war der Leistungsabfall aber in der zweiten olympischen Kernsportart Schwimmen mit gerade einmal vier Endlauf-Teilnahmen. Nur Britta Steffen, die einen Rücktritt erwägt, verhinderte mit den Siegen über 100 und 50 Meter Freistil eine totale Pleite. "Das zweite Gold macht nur das Pflaster auf der Wunde größer", meinte der scheidende Cheftrainer Örjan Madsen.

Was Madsen zum Schwimmen sagt, kann auf andere Sportarten übertragen werden. "Wir werden alles genau auswerten", kündigte Vesper an. Seit seiner Gründung vor zwei Jahren habe der DOSB an einem neuen Leistungssportkonzept gearbeitet und dieses umgesetzt.

Der ehemalige Weltklasse-Turner Eberhard Gienger, im DOSBPräsidíum als Vizepräsident für den Leistungssport zuständig, schränkte allerdings ein: "Die Strukturreform hat für Peking noch keine Auswirkungen haben können." Frühestens in zwei Jahren könnten erste Auswirkungen erkennbar sein. Das große Ziel heißt: die Top Five bei Olympia 2012 in London.