Könnte der große Konfuzius in diesen Stunden sehen, wozu es seine Nachfahren so gebracht haben, er würde sicher sehr milde und ein wenig stolz auf sie herablächeln. Nun also Olympia. Das noch vor 30 Jahren als Armenhaus und äußerst rückständig geltende China hat nicht nur wirtschaftlich ein atemberaubendes Tempo angeschlagen, es ist jetzt auch Gastgeber dieses größten und bedeutendsten Ereignisses unserer Zeit.

Aus Peking, das war hier in den vergangenen Tagen auf Schritt und Tritt zu beobachten, geht ein Signal in die Welt. Es sagt : Die Bühne ist bereitet, das Großfest des Sports, die Show der Superlative kann beginnen.

Doch abseits aller Rekorde und Medaillen-Jagden, abseits der Triumphe und Enttäuschungen, diese Sommerspiele sind für die Machthaber weit mehr als ein Weltfestival der Leibesübungen. Von den 16 Tagen in Peking soll eine Botschaft ausgehen : Das Reich der Mitte beansprucht seinen Platz als Großmacht. Und will das zeigen mit einem gigantischen Fest.

Wenn China sich erhebt, hatte einst schon Napoleon Bonaparte geahnt, dann erzittert die Welt. Jetzt soll es nach dem Willen der herrschenden kommunistischen Partei soweit sein. Der stolze rote Drachen setzt zum großen Sprung an. Bereits heute ist China das Aufsteigerland des 21. Jahrhunderts. Das ist ein spektakulärer weltpolitischer Vorgang. 2008, so war es geplant, sollte Chinas Jahr werden. Das Jahr der Ratte, die nach dem chinesischen Kalender Kraft und Ausdauer symbolisiert, sollte den endgültigen internationalen Durchbruch markieren. Mit prächtigen Spielen in sensationellen Stadien vor einer beeindruckenden Kulisse wollte man den Triumph genießen. Das selbstgewählte lyrische Motto " Eine Welt, ein Traum " sollte die eigentlichen Ziele ein wenig verkleistern helfen.

Mit Olympia, so offensichtlich die Intentionen der neuen Herrscher, wollte man sich den eigenen Kurs der " Harmonie und Stabilität " quasi vor den Augen der Weltgemeinschaft absegnen lassen. Sie verweisen dabei auf beeindruckende wirtschaftliche Erfolgszahlen : Mehr als jede zweite Digitalkamera weltweit, jedes dritte Handy, jede vierte Waschmaschine werden hier produziert, bei TV-Geräten wie Klimaanlagen liegt China besonders weit vorn. Kaum ein Staat ist so in den Weltmarkt integriert, so mit ihm verflochten wie China.

Seit Deng Xiaoping das Land nach dem Tod Maos in den Manchester-Kapitalismus katapultierte, gibt es sicher für viele Chinesen einen Aufschwung ( Stichworte : Lebensstandard, persönliche Freiheiten, Reisemöglichkeiten ), wie ihn das Land in Jahrhunderten zuvor nicht gekannt hat. Das Konglomerat aus Kommunismus, Kommerz und Konfuzius funktioniert augenscheinlich.

Das Ganze besitzt nur einen Schönheitsfehler : Von Demokratie und Menschenrechten hält man in Pekings Führungszirkeln weiterhin nicht allzu viel. Die führende Rolle der Partei gilt als unantastbar. Die KP sieht in ihren Bürgern, so sagen hiesige Beobachter, eben keine mündigen Zeitgenossen, sondern im Zweifelsfall immer noch die Untertanen.

Und so steht das Experiment Olympia, zumal nach den Tibet-Unruhen im Frühjahr und den Internet-Turbulenzen der letzten Tage, für die neuen roten Kaiser auf einem mehr als wackligen Fundament. Sie wollten mit Olympia möglichst viel, wenn nicht gar alles gewinnen – und könnten am Ende trotz Milliarden-Investitionen in den Sport in den Augen der westlichen Welt doch als die großen Verlierer dastehen.